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„The Killer Inside“ : Zen und die Kunst, beim Verhör nicht einzuschlafen

Das Ermittlerteam der Serie „The Killer Inside“ um Julie Beauchemin (Fanny Mallette), Bob Crépault (Sylvain Marcel, links) und Maxime Moreli (Eric Bruneau, rechts). Bild: ZDF und Serge Gauvin Photographe

Die neue kanadische Serie „The Killer Inside“ auf ZDFneo ist die beunruhigend beruhigendste ihrer Art. Auch Rosamunde-Pilcher-Fans kommen auf ihre Kosten.

          Ein Krimi ist immer etwas für das Herz. Die Guten helfen ihm auf die Sprünge. Die anderen beruhigen es. Sie zeigen: Die Welt ist zwar brutal und grausam, aber es gibt da draußen immer irgendwo ein paar gutaussehende Menschen mit tiefbraunen Augen, die das Böse mit ein wenig Nachdenken, schalen Witzen und ein paar Tassen Kaffee aus der Welt schaffen. Und das, obwohl ihnen privat gerade die Familie um die Ohren fliegt. Das ZDF wollte nun etwas Frisches für ZDFneo und hat sich in Kanada umgeschaut.

          Axel Weidemann

          Redakteur im Feuilleton.

          Die neue Serie heißt „The Killer Inside“ (Originaltitel „Mensonges“, franz.: Lüge, Lügen, Schwindel) und spielt in Montréal. Davon sieht man jedoch nichts. Der Großteil der Handlung findet im Gebäude der Mordkommission statt, genauer: in einem weiß-glatten Verhörraum, der Bühne der Verhörspezialistin Julie Beauchemin (Fanny Mallette). Dort nimmt sie in jeder Folge einen ihrer archetypischen Verdächtigen auseinander. Ihre Instrumente sind die Waffen der modernen Fernsehkommissarin: Einfühlungsvermögen durch Kenn-ich-von-zu-Hause und höchste Sensibilität durch eine tiefverletzte Seele. Ausgleichendes Element ist ihr Partner Bob Crépault (Sylvain Marcel). Ein Balu-der-Bär-Typ, der Sätze sagt wie: „Ich halte dich auf dem Laufenden, Süße.“ Oder: „Freud und ich sind quasi austauschbar.“ In einer deutschen Serie würde er „tschüssikowski“ sagen. Zu ihnen stößt der schöne Lügendetektorspezialist mit dem ebenso schönen Namen Maxime Moreli (Eric Bruneau). Er verstärkt das Team als Bewunderer von Julie und mit Hinweisen aus dem Internet.

          Kein Grund zur Beunruhigung

          Die Serie spielt sich auf zwei Ebenen ab. Auf der ersten darf das Trio in jeder Folge einen Mord aufklären. Die Rahmenhandlung auf der zweiten Ebene wird durch Julies Familienchaos geprägt: Im Hause Beauchemin randalieren ihr kleiner Sohn Arnaud und ihre frühpubertierende Tochter Romane. Vater Vincent, Sportjournalist und seifenopertaugliches Ekelpaket der Serie, ist als Lebensgefährte so hilfreich wie ein Herzinfarkt.

          In der ersten Folge sitzt die Verhörspezialistin einem bunten Haufen Verdächtiger gegenüber – der Jäger, die Geliebte, die Gehörnte – und spielt alle gegeneinander aus. Ohne dass der Zuschauer genauer verfolgen kann oder soll, wie sie das eigentlich macht. Derweil wird in Rückblenden die Leiche gefunden, deren Bild bereits das gesamte Schockpotential der Serie verbrät. Im entscheidenden Moment funkt meist Julies Familie dazwischen: Tochter Romane ist wiederholt Richtung Flughafen ausgebüchst, um in ihr Sehnsuchtsland Japan zu reisen.

          Kein Grund zur Beunruhigung. Die Serie lässt sich durchweg mit einem Ruhepuls von fünfzig bis sechzig Schlägen in der Minute verfolgen. Auf jeden Konflikt folgt sofort die Lösung, abwechselnd sauber hintereinander aufgereiht. Der Fall plätschert gemächlich dahin: Sackgassen, Rückschläge? Fehlanzeige. Die Hinweise kommen oft, bevor das Team überhaupt danach gefragt hat. Kollege Moreli schnappt etwas im Netz auf oder sieht anhand eines Fotos, dass der Selbstmord keiner war. Bob macht die Arbeit im Feld.

          Kammerspiel zwischen Gut und Böse

          Der Showdown findet stets im Verhörraum statt. Er soll ein spannendes Kammerspiel zwischen Gut und Böse simulieren, wirkt aber wie eine Therapiesitzung beim Paarberater. Als trauten die Macher der angeblichen Genialität der Protagonistin nicht, wird diese vor allem durch die Tollpatschigkeit ihres Kollegen Bob und die zahlreichen Bewunderungsgesten des Neulings Maxime unterstrichen. Die Dialoge bleiben seicht, das Make-up zu stark und die Brillengestelle zu dick. Da helfen auch die vielen unmotivierten Nahaufnahmen der Gesichter nichts. Weil Letztere meist weder etwas zu kaschieren noch auszudrücken haben. Auch nicht, wenn die Kamera so nah heranzoomt, dass die Mascara von den Wimpern bröselt.

          Doch Rosamunde-Pilcher-Fans unter den ZDFneo-Zuschauern können sich freuen: Für blockierte Liebesgefühle gibt es am Schluss noch die passende Kur. Der schöne Maxime entfacht eine folgenschwere Amour fou. Bevor der Puls durch die kräftigeren Bilder in die Höhe getrieben wird, ist die Kollegin aber schon wieder angezogen und bedankt sich brav für eine verloren geglaubte Lust. Man möchte mit ihr aufatmen – wenn man nur nicht schon so tiefenentspannt wäre.

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