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ZDFneo-Serie „Years and Years“ : Trump zündet also doch die Bombe

Gegen sie ist Boris Johnson ein Waisenknabe: Emma Thompson spielt in „Years and Years“ die populistische Politikerin Vivienne Rook. Bild: ZDF und Matt Squire

Die Serie „Years and Years“ malt die nahe Zukunft Großbritanniens nach dem Brexit aus. An Katastrophen herrscht kein Mangel. Eine solche ist leider auch die Synchronisation.

          3 Min.

          Es gibt Dinge, die man im Jahr 2019, als diese Serie erstmals in der BBC ausgestrahlt wurde, nicht ahnen konnte. Dass Theresa May noch vor dem Brexit gegen Boris Johnson ausgewechselt werden würde, und dass die Präsidentschaft von Donald Trump mit einem derartigen Knall endet, wie wir ihn gerade erlebt haben. Und das mit der globalen Pandemie kam auch etwas überraschend. Obwohl die Serie „Years and Years“ in der sehr nahen Zukunft spielt, nämlich den Jahren nach dem Brexit, stimmen also schon einmal ein paar grundlegende Parameter nicht. Aber das macht nichts, denn hauptsächlich geht es um das alltägliche Leben der weitverzweigten Familie Lyons aus Manchester und die Folgen, die die Geschehnisse in einem dystopischen Großbritannien für die vier Geschwister und ihre herrische Mutter Muriel haben.

          Andrea Diener
          Korrespondentin im Main-Taunus-Kreis

          Die Protagonisten hat man erstaunlich schnell sortiert: Der älteste Sohn Stephen ist Finanzberater, mit der Buchhalterin Celeste verheiratet, sie haben zwei pubertierende Töchter. Daniel ist schwul und arbeitet beim Wohnungsamt, unter anderem ist er für Flüchtlingsunterkünfte zuständig und verliebt sich problematisch in einen seiner Schützlinge. Rosie organisiert eine Schul-Caféteria, ist alleinerziehende Mutter zweier Söhne und hat trotz Rollstuhl das meiste gut im Griff, außer ihrem Dating-Leben, was aber meistens nicht an ihr liegt. Edith hingegen ist damit beschäftigt, die Welt zu retten, und meldet sich meistens nur per Skype von irgendwo in Asien.

          Die Technik, über die alle verfügen und über die sie kommunizieren, steht ganz selbstverständlich in jedem Haushalt. Ein „Alexa“-artiges Gerät namens „Signor“ ist jederzeit ansprechbar und stellt Familien-Gruppengespräche her, natürlich hat jeder Mobilfunkgeräte, natürlich geht niemand zur Bank, sondern schaut daheim aufs Konto. Und während Großmutter Muriel noch mit der Anrede des digitalen Haushaltsgerätes hadert, verfügt Tochter Beth bereits über herrlichen Filterquatsch, mit dem sie ihre Eltern in den Wahnsinn treibt.

          Eine wunderbar unsympathische Emma Thompson

          So könnte das als eher minder aufregende Familienserie weitergehen, leider aber passiert einiges in der Welt. Der nukleare Angriff, den Donald Trump in seiner zweiten Amtszeit auf eine künstliche chinesische Insel veranlasst, ist noch ziemlich weit weg. Die wirtschaftlichen Auswirkungen, die ein Finanzcrash im Jahr 2026 in Großbritannien hat, sind schon deutlich spürbarer. Emma Thompson als populistische Politikerin Vivienne Rook drückt als wunderbar unsympathische, aber charismatische Mischung aus Marine Le Pen und etwas noch viel Böserem nach ihrer Wahl zur Premierministerin im Land drastische Maßnahmen durch. Das Klima wandelt sich etwas schneller als zu erwarten ist, und die technische Entwicklung macht auch noch ein paar gewaltige Sprünge. Legt man aber nicht die Gesetze der historischen Wahrscheinlichkeit an die Serie an, sondern die der dramaturgischen Verdichtung, lassen sich diese Kunstgriffe gut begründen.

          Auch ist der kulturelle Zeitgeist in wenigen Jahren weiter fortgeschritten und mit ihm die Selbstwahrnehmung der Figuren. Wir, die Zuschauer, sind natürlich nicht ganz mitgekommen – und damit nicht allein, denn die älteren Generationen sind auch nicht auf dem neuesten Stand. Das wird im Handlungsstrang um die Töchter Bethany und Ruby verhandelt, in dem sich Beth als „trans“ outet. Während die Eltern sich noch in ihrer Toleranz gefallen und grübeln, mit welchem Pronomen sie Beth künftig belegen sollen, erklärt die Tochter, dass sie nicht transsexuell sei, sondern sich als transhuman identifiziere, also mit dem gesamten Körper als biologischer Entität nicht klarkomme und digital werden möchte. Die eben noch so verständnisvolle Mutter Celeste rastet in ihrer Hilflosigkeit aus, dann wird verhandelt, wie weit die Tochter gehen darf – so wie es zu jedem Zeitpunkt jede Familie auf der Welt tun würde. Dass diese Geschichte nicht als Spezialeffekt eingesetzt wird, um eine Science-Fiction-Anmutung zu erzeugen, sondern mit viel Ernsthaftigkeit und Einfühlung erzählt, wie eine junge Erwachsene mit ihrem Selbstbild ringt, macht die Qualität dieser Serie aus.

          Gesondert erwähnen muss man aber leider die Synchronisation, und hier einmal grundsätzlich werden. Warum klingen die alle wie Cartoonfiguren? Wer hat den Sprechern erklärt, hemmungsloses Overacting sei gerade gut genug? Wenn sich die Stimme nicht regelmäßig überschlägt, wenn es nicht nölt und scheppert und die Satzmelodie nicht klingt wie eine ausgeleierte Kassette in einem Walkman mit schwachen Batterien, dann winkt das die Regie anscheinend nicht durch. Man hat es als Zuschauer der deutschen Fassung nicht leicht, unter der dicken Schicht aus Geplärre und Genäsel und Gekrächze die Figur zu finden, die in der Originalfassung übrigens ganz normal redet, mit nordenglischem Einschlag, wie die Leute da halt sprechen. Meistens findet man sie dann auch gleich viel sympathischer. Ein bisschen weniger Bühnenemphase wäre im Zweifelsfall mehr gewesen, und diese Serie ist da leider kein Einzelfall. Wer irgendwie kann, der tut sich das nicht an, sondern schaut das Original mit Untertiteln, es verdirbt einem sonst alles.

          Years and Years, am Donnerstag von 20.15 Uhr an bis zwei Uhr in der Nacht bei ZDFneo (und auf Englisch im Starzplay-Kanal bei Amazon Prime)

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