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Serie „Missing Lisa“ : Wanderer, kommst du in die Kuhherde

  • -Aktualisiert am

Wandern auf der Suche nach Lisa: Piet (Lucas Van den Eynde), Ylena (Laurian Callebaut), Michiel (Boris Van Severen) und Zoë (Violet Braeckman, von links). Bild: ZDF und Sofie Gheysens

Wirre Beziehungsgeflechte bei verträumter Landschaft: In „Missing Lisa“ lotst das Tagebuch einer vermissten Studentin fünf Menschen über einen Fernwanderweg quer durch Europa.

          2 Min.

          Viel spricht dafür, Filme über das Wandern zu drehen, ob man nun an Buchverfilmungen denkt wie „Der große Trip“ – Reese Witherspoon unterwegs auf dem Pacific Crest Trail – oder „Ich bin dann mal weg“ – Devid Striesow als Hape Kerkeling auf dem Jakobsweg. Es gibt ein Außen, das ebenso besichtigt werden kann wie ein Innen.

          Die Grundidee der belgischen Serie „Missing Lisa“, die eine Gruppe von Freunden auf dem europäischen Fernwanderweg GR5 begleitet, eine Tour von der Nordsee durch die Ardennen und Vogesen bis nach Nizza, hat ihren Reiz: jede Menge Landschaftsbilder, die man so vielleicht noch gar nicht auf dem Schirm hatte, dazu eine emotionale Geschichte, die durch die Tour einen klar erkennbaren roten Faden hat.

          Und in „Missing Lisa“, einem fiktiven Drama, suchen die Fernwandernden nicht nur sich selbst, sondern auch eine Antwort darauf, weshalb ihre Freundin auf dieser Strecke vor fünf Jahren verschwinden konnte, „irgendwo zwischen den Vogesen und dem französischen Jura“.

          Wanderkarte und Polizeifahndung

          Die Umstände von Lisas Tour 2014 fasst eine Erzählstimme in dramatisch-dringlichem Tonfall zu Beginn für uns zusammen. Wir sehen alte Handyfilmchen einer Frau im Studentenalter (Indra Cauwels), Wanderkarten mit Stecknadeln, neblige Naturbilder und das Poster, mit dem die Polizei nach Lisa suchte. Anschließend ein schicker Vorspann, der in seinem papierenen Architekturmodell-Look ein bisschen an das Intro von „Haus des Geldes“ erinnert.

          Die Stimme gehört dem hippen Filmemacher Michiel (Boris van Severen), der mit Lisa schon als Kind befreundet war, eigentlich in Kriegsgebieten arbeitet und den Anstoß zu einer Art Gedenkwanderung gibt. Er will die Route ablaufen, auf der Lisa allein unterwegs war, begleitet von Zoë (Violet Braeckman), die damals wegen ihres maladen Knies nicht mit konnte, und sie haben ein Erinnerungsstück im Gepäck: Lisas Reisetagebuch. Es wurde Jahre nach Lisas Verschwinden bei einem Obdachlosen in Genf entdeckt, der mysteriöserweise ihren Rucksack besaß, lag seitdem bei Lisas Eltern. Und die geben es Michiel und Zoë mit auf den Weg, weil sie mit dem Filmprojekt die Hoffnung auf neue Hinweise verbinden. Allerdings ist wenig wahrscheinlich, dass Lisa noch lebt. Zwar hörte die Polizei von einem roten Auto, in das Lisa gestiegen sei. Aber manches deutet auf einen Suizid.

          Zoë beginnt bereits im Zug nach Hoek van Holland, dem Aufgangspunkt der Tour, vor laufender Kamera aus dem Büchlein zu lesen, und man muss davon ausgehen, dass sie später auch weniger erbauliche Seiten findet. Zur Wandergruppe gehören außerdem Ylena (Laurian Callebaut), die Panikattacken hat und auf ein Hörgerät angewiesen ist, Lisas Vater Piet (Lucas Van den Eynde), der sich den Freunden aufdrängt, sowie, mit etwas Abstand: Asim (Saïd Boumazoughe), ein poesiebedürftiger junger Müllmann, der sich unter einer Kapuze versteckt, verfolgt zu werden meint und offenkundig auch ein Gewehr halten kann. Mit ihm hängt der Groll zusammen, den ein Teil der Gruppe gegen den Vater von Lisa hegt, denn Piet hat einst die Beziehung zwischen seiner Tochter Lisa und Asim torpediert.

          Das Drehbuch von Gert Goovaerts und Lynnsey Peeters enthält mit dieser Grundaufstellung jede Menge Geheimnisse, die im Laufe der acht Episoden gelüftet werden können; der Zuschauer hat das Verhältnis von mindestens fünf Menschen zu Lisa zu klären, vielleicht sogar sechs, denkt man an Lisas seltsam verbittert dreinblickende Mutter Karen, die von Viv Van Dingenen absolut unnahbar gespielt wird.

          Allerdings ist „Missing Lisa“ eine jener mittlerweile häufigen Serien, bei denen der zeitliche Umfang in keinem Verhältnis zur Geschichte steht. Die ersten drei Episoden schleppen sich mit einem Geschehen dahin, das in eine einzige Folge passte. Nichts gegen Menschen, die sich am Strand gegen den Wind stemmen, Wälder durchstreifen, Bäume umarmen, auf dem Campingplatz feiern oder inmitten einer Kuhherde zitternd fragen, ob auch ein Ochse dabei ist. Nur weil Wandern gemächlich ist, muss eine Dramaserie, die von Wanderern handelt, es lange nicht sein.

          Missing Lisa, um 23.15 Uhr auf ZDFneo

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