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ZDF-Serie „Lobbyistin“ : Eben war sie noch grün – jetzt hat sie es faustdick hinter den Ohren

  • -Aktualisiert am

Belastendes Material? Eva Blumenthal (Rosalie Thomass) sichtet. Bild: ZDF und Christoph Assmann

Die ZDFneo-Serie „Lobbyistin“ verbrennt sich an dem heißen Eisen namens politische Interessenvertretung die gierigen Finger. Statt eines Berlin-Thrillers sehen die Zuschauer ein Märchen aus tausendundeinem Bundestag.

          Die Finanztransaktionssteuer aufhalten, jede Schadensersatzpflicht für Diesel verhindern, eine Lizenzverlängerung für das Herbizid Glyphosat durchsetzen: Es sind goldene Zeiten für den Lobbyismus. Zumal auch die Gegenseite nicht untätig bleibt. Die gezielte Einflussnahme auf politische Entscheidungsträger ist zwar nicht neu, aber in der globalisierten Wirtschaft nehmen die Schlachten immer größere Ausmaße an, weil es um immer mehr Geld geht. Zugleich wehrt sich das politische Establishment gegen Transparenz, mauert in Deutschland etwa gegen ein Lobbyregister.

          Auf eine Fernsehserie, die sich in diese Thematik versenkt, hat man lange gewartet – vergeblich, wie nun konstatiert werden muss. Der Versuch von ZDFneo jedenfalls geht gründlich daneben. Dabei hat der Kleinsender aus dem Partykeller des ZDF mit „Eichwald, MdB“ schon bewiesen, dass er einen frischen, neuen Blick auf den deutschen Politbetrieb zu werfen versteht. Im Falle von „Lobbyistin“ sollte zwar nicht der schwarze Humor im Vordergrund stehen, sondern die Spannung, aber auch das hätte funktionieren können, wäre das Drehbuch profund. Alles an einer solchen Serie – siehe „The West Wing“ oder „Borgen“ – hängt schließlich von der Glaubwürdigkeit vielschichtiger Figuren ab.

          Anhörung mit Parlamentariern: Eva Blumenthal (Rosalie Thomass, Mitte links) nimmt Einfluss.

          Doch setzt der aus der Comedy kommende Sven Nagel, der das Buch schrieb und Regie führte (eine oft haarige Kombination), auf Klischeefiguren, die sich auch noch in Gut und Böse aufteilen, und auf eine maßlos übersteuerte Handlung. So nimmt ein sich in billigen Thriller-, Persiflage- und Dramaversatzstücken verlierender, auf jegliche Handlungsauthentizität pfeifender Plot der Thematik jeden Reiz. Das beginnt schon bei der Grundidee: Die ethisch engagierte, für die Beibehaltung des Erneuerbare-Energien-Gesetzes streitende Hauptfigur Eva Blumenthal (Rosalie Thomass, zwischen großäugig naiv und Jeanne-d’Arc-entschlossen) fällt als Bundestagsabgeordnete einer Intrige zum Opfer, hinter der ihrer Meinung nach nur die für die Atomwirtschaft tätige Beratungsagentur PPC stecken kann. Ebendort heuert sie nach Niederlegung ihres Mandats an, um die Hintermänner zur Strecke zu bringen: ein Reh unter Wölfen, das einer Verschwörung auf die Schliche kommt, sich dabei aber auch selbst beschmutzt.

          Bereits der Einfall, eine Abgeordnete könnte von einem Tag auf den nächsten zu den zuvor offen bekämpften Feinden überlaufen und sofort mit einigen rührigen Sätzen Gesetzesvorhaben stoppen, wirkt befremdlich. Dass Eva just am Tag des erzwungenen Rücktritts noch einen Heiratsantrag von ihrem Freund (Gustav Hahn) erhält, nach Streit in der Kinderfrage aber die Trennung ins Haus steht – das Karrierefrauenklischee –, ist deutlich zu viel Nebenhandlung in so kurzer Zeit. Völlig unpassend hat man der Protagonistin zudem noch eine Carrie-Mathison-Note verpasst, keine bipolaren Störung, wie bei der Hauptdarstellerin von „Homeland“, aber doch eine innere Unruhe, die sich in verzweifelt wahllosem Sex und Jogging bis zur Erschöpfung äußert. Doch damit noch nicht genug Handlungswirrwarr: Schon in der Auftaktepisode gibt es den ersten Toten.

          Unter der Kuppel, auf dem roten Teppich: Eva Blumenthal (Rosalie Thomass) und ihr Chef Wolfgang Zielert (Bernhard Schir).

          In der Lobbyagentur hat es Eva mit selbstherrlich gewissenlosen Zynikern zu tun. Der Chef (Bernhard Schir) verlangt vollen Einsatz – „diese Talkerin steht doch auf Frauen“ – sowie Schnüffeleien im Privatleben der Gegner. Damit wir merken, dass es sich um „Stasi-Methoden“ handelt, sagt Eva genau das. Ihr schmierig-charismatischer Kollege Holger (Daniel Aichinger), auch er leider eine Witzfigur, erklärt die platten Regeln des Gewerbes: „Sie müssen von selbst auf deine Meinung kommen.“ Dass Moral in dieser Sphäre ein Fremdwort ist, soll wohl Öko-Lobbyist Rolfskind (Robert Dölle) zeigen, der sich ebenfalls selbst am nächsten ist. Als wären das der Topoi noch nicht genug, hat man Eva einen stets klammen Robin-Hood-Bruder (Rick Okon) angedichtet, der im Kapuzenpulli durch die Handlung geistert und wiederholt benötigte Hackertalente besitzt.

          Mit seinen Erfolgsfrauen-Serien hat das ZDF kein Glück. Gerade erst ist „Zarah – Wilde Jahre“ gefloppt, und jetzt dies. Aufgesetzt wirkende Dialoge, umständliche Selbsterklärungen der eindimensionalen Figuren, Bilder in anspruchsloser Büro-Ästhetik, nicht nachvollziehbare Wendungen, vorabendkrimimäßige Zuspitzungen und vor allem eine viel zu plakative Darstellung des Politikbetriebs (allein dieser buffetversessene Hinterbänkler, der sich so gern aushalten lässt): Das Hals über Kopf gestoppte „House of Cards“ ersetzt man damit sicher nicht. Hier hätte man zumindest lernen können, wie dankbar es für die Erzählung ist, eine zwielichtige Person zum Ankerpunkt zu machen. Aber dann musste doch wieder eine Märchenfigur her. Selbst für eine deutsche Fernsehproduktion ist das arg unterkomplex: eine verschenkte Chance.

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