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„Mensch Merkel“ im ZDF : Die rätselhafte Kanzlerin

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„Mensch Merkel! Widersprüche einer Kanzlerin“: Eine Sendung über den Menschen Angela Merkel und dessen Widersprüche. Bild: AP

Verzicht auf Antworten, wo man keine geben kann: Anlässlich ihres 65. Geburtstages zeigt das ZDF ein Porträt über Angela Merkel: „Mensch Merkel! – Widersprüche einer Kanzlerin“ fragt, ob jemand die Bundeskanzlerin wirklich kennt.

          Dieser Film könnte auch am 1. April des kommenden Jahres laufen. Denn dann hätte Angela Merkel nach 65 Jahren und acht Monaten die zurzeit gültige reguläre Altersgrenze in der gesetzlichen Rentenversicherung erreicht. Befände sie sich in einem der üblichen Arbeitsverhältnisse, wäre sie nicht in der Politik und Bundeskanzlerin seit 2005, wäre dann für sie Schluss. Der 65. Geburtstag gilt bei uns als zentrales Datum der Biographie eines jeden – als Übergangspunkt vom aktiven Erwerbsleben in den Ruhestand. Noch im Kaiserreich war das Renteneintrittsalter auf dieses Lebensjahr festgelegt worden. In der ersten Amtszeit von Angela Merkel ist die Lebensarbeitszeit um zwei Jahre verlängert worden. Ihren 65. Geburtstag feiert die Bundeskanzlerin morgen. Zu diesem würdigt sie das ZDF mit dem Porträt „Mensch Merkel! Widersprüche einer Kanzlerin“.

          Um den Menschen Angela Merkel und dessen Widersprüche geht es hier in der Tat. Einer, der dazu zu Wort kommt, ist Merkels erster Vizekanzler Franz Müntefering. Der frühere SPD-Vorsitzende beschreibt ihren Verhandlungsstil so: Die Bundeskanzlerin würde „niemals aufstehen und das Tischtuch zerschneiden“, vielmehr „irgendetwas vorschlagen“. Am Ende wisse nur niemand mehr, „wer gewonnen habe“.

          Der Koalitionspartner muss die Zeche zahlen

          Allerdings ist ziemlich sicher, wer im Jahr 2005 die Koalitionsverhandlungen gewonnen hat. Müntefering trug die Verantwortung für den Bruch zweier Wahlkampfversprechen seiner Partei: Es betraf die Mehrwertsteuererhöhung und die Altersgrenze in der Rentenversicherung. Der anschließende Glaubwürdigkeitsverlust wurde zum entscheidenden Faktor beim Niedergang der Sozialdemokratie. Zwar hatte die Bundeskanzlerin den von vielen als gravierend empfundenen Einschnitt in den Sozialstaat zu verantworten. Sie wird aber für die Konsequenzen bis heute in der öffentlichen Meinung nicht verantwortlich gemacht. Ihr langjähriger Koalitionspartner muss die Zeche zahlen. An der Wahlurne bekommt die SPD Mal um Mal die Quittung ausgestellt.

          Ist also das Warten auf Fehler der Konkurrenz Angela Merkels Erfolgsgeheimnis? Das wird bisweilen behauptet, bietet aber keinen Blick auf das ganze Bild. Schließlich hat die SPD seinerzeit niemand in die große Koalition gezwungen. Gleichwohl ist die Bundestagswahl von 2005 der Schlüssel zum Politikverständnis der späteren Bundeskanzlerin: Angela Merkel war mit einer klaren politischen Agenda losgezogen. Nach einem desaströsen Wahlkampf hätte sie die Wahl fast noch verloren. Daraus zog sie den Schluss, dass Festlegungen jeder Art zu meiden seien.

          Der zentrale Baustein ihres Sieges: „Sie kennen mich“

          Dieser Aspekt kommt in dem Film „Mensch Merkel! – Widersprüche einer Kanzlerin“ von Bernd Reufels, den das ZDF am Dienstagabend zeigt, leider etwas zu kurz. Sehenswert ist sein Porträt trotzdem. Langjährige Weggefährten von Angela Merkel wie Thomas de Maizière und innerparteiliche Kritiker wie Wolfgang Bosbach kommen zu Wort. Außerdem die politische Konkurrenz etwa mit Gregor Gysi oder journalistische Beobachter wie Robin Alexander. Sie versuchen die Bundeskanzlerin zu verstehen, die seltsamerweise aber kaum jemand wirklich persönlich zu kennen scheint und einzuschätzen vermag. Der Historiker Andreas Rödder verbindet das mit Angela Merkels erfolgreichstem Wahlslogan: „Sie kennen mich“. Der Spruch war der zentrale Baustein für Merkels Sieg bei der Bundestagswahl 2013. Es ging um Vertrauen und vermeintliche Verlässlichkeit.

          Dabei – und das ist der Witz – kenne die Bundeskanzlerin doch kaum jemand wirklich, sagt der Mainzer Historiker Rödder. Also versucht der Regisseur Reufels aus Angela Merkels Biographie etwas abzuleiten. Er kommt auf eine Persönlichkeitsstruktur, die sich schon früh durch „soziale Fähigkeiten“ ausgezeichnet habe. Zugleich wahre sie Distanz, lasse Vorsicht walten und verwehre anderen Einblick in ihr eigenes Selbst. Angela Merkel wird als misstrauisch beschrieben. Sie verlasse sich nur auf ihr engstes Umfeld, heißt es. „Vertrauen gegen Vertraulichkeit“, darauf laute die handlungsleitende Maxime der Bundeskanzlerin, sagte Thomas de Maizière. Man muss sich die mächtigste Frau der Republik also offenbar als wandelnde Black Box vorstellen. „Rätselhafte Kehrtwenden“ wie beim Atomausstieg seien bei ihr jederzeit möglich, sagt Reufels.

          Das scheinbar Vertraute, dabei im Kern Rätselhafte der Person Angela Merkel arbeitet Bernd Reufels präzise heraus. Er verzichtet auf Antworten, wo er keine geben kann. „Rätselhafte Kanzlerschaft“ wäre auch ein passender Titel für dieses Porträt gewesen. Ob Angela Merkels fragile Koalition noch bis zum 1. April des kommenden Jahres hält?

          Mensch Merkel! – Widersprüche einer Kanzlerin läuft am Dienstagabend um 20.15 Uhr im ZDF.

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