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ZDF-Krimi „Spuren des Bösen“ : Er wagt den Schritt über den Abgrund

Zwischen Schein und sein: Johannes Rink (Benjamin Sadler) leidet an Schizophrenie. Bild: ZDF und Petro Domenigg

In „Spuren des Bösen“ soll Heino Ferch als Kriminalpsychologe Richard Brock einen Mann retten, der die Kontrolle verliert. Dabei geht die Gefahr von jemand ganz anderem aus.

          2 Min.

          Das Verbrechen geschieht gleich zu Beginn – und bleibt doch lange unsichtbar. Der Zuschauer sieht, was passiert, kann sich die Folgen ausmalen und hat doch keinen blassen Schimmer vom Abgrund, der sich auftun wird. Schon gar nicht davon, wozu Menschen fähig sind, um ihn zu überwinden.

          Axel Weidemann
          Redakteur im Feuilleton.

          Da schweift der Blick der Kamera von David Slama über Wien, gehüllt in Finsternis, gesprenkelt mit einer Handvoll Stadtlichter – wie hingeworfen. Alles, was in dieser Folge auf den „Spuren des Bösen“ wandelt, hüllt sich in Halbschatten. In „Begierde“ werden die Schatten fast lebendig, als spielten sie auf den Gesichtern der Schauspieler ihr ganz eigenes Stück. Das beginnt schon, als die Kamera durch ein Fenster den in unheilsschwangeres, kaltes Licht getauchten Rücken einer Frau (Mavie Hörbiger) filmt, die sich einem Partner hingibt, der außerhalb des Bildes verborgen bleibt. „Amanda, 500 die Stunde, keine Extras, alles mit Schutz.“ Eva Faller – sie ist zwar käuflich, doch zugleich eine Eiskönigin ersten Ranges – verlässt sodann diskret das Hotel. Auf der Straße begegnet sie einem ihrer Freier, Johannes Rink (Benjamin Sadler), der sie zunächst sanft küsst, im nächsten Moment aber auf die Straße schleudert. Ihr passiert nichts, Rink verschwindet. Und so schlicht dieser Prolog daherkommt, so geschickt spannt er den Bogen zwischen Zerstören und Schöpfen – den zwei Polen der Begierde.

          Sie führen was im Schilde: Eva Faller (Mavie Hörbiger, links) und Clara Rink (Julia Koschitz).
          Sie führen was im Schilde: Eva Faller (Mavie Hörbiger, links) und Clara Rink (Julia Koschitz). : Bild: ZDF und Petro Domenigg

          Derweil steht dem Kriminalpsychologen Richard Brock der Sinn nach Whisky, Zigaretten und Jazz. Und wenn Heino Ferch in der Rolle von Richard Brock nicht gerade angehenden Kriminalisten erklärt, dass große Augen „unter anderem sexuelles Interesse“ signalisieren, während man sich bei kleinen Augen vor dem bösen Blick fürchten müsse, dann trinkt, raucht und grübelt er eben. Ferch ist einer, der damit einen ganzen Film füllen könnte.

          Hier aber taucht Clara (Julia Koschitz) auf, die gehörnte Ehefrau von Johannes Rink, und erzählt dem Psychologen, ihr Mann verhalte sich merkwürdig. Auch sein Vater war schon Brocks Patient: Diagnose „späte Paraphrenie“, eine Form der Schizophrenie, die im Erwachsenenalter auftreten kann und vererbbar ist. Seine Frau hat ein Video gefunden, auf dem ihr Mann splitternackt einen Gottesdienst sprengt. Viel hat der Patient selbst nicht dazu zu sagen, er redet generell wenig. Benjamin Sadler spielt diesen Johannes Rink als unheimliches Schattenwesen, das schubweise jenseits seiner Impulskontrolle agiert.

          Und während Brock in seinem bewährten Palatschinken-Refugium „Café Urania“ sitzt und wieder mal (zugegeben unverständlicherweise) mit dem geliehenen Laptop des rührigen Kellners Klaus Tauber (Gerhard Liebmann, Passwort: „Mama“) auf eigene Faust ermittelt, ohne sich beim verhassten Kriminalpolizisten Fritz Stadler (Matthias Hack) zu melden, regt sich so einiges im Dunkel.

          Fernsehtrailer : „Spur des Bösen – Begierde“

          Was den Film des Regisseurs Andreas Prochaska in erster Linie zu einem wirklich spannenden Fernseherlebnis macht, ist – und darin ähnelt er dem Charakter der Figur Johannes Rink – seine Unvorhersehbarkeit. Noch nach fünfzig Minuten, wenn der Zuschauer sich und all seine Ahnungen schon in Sicherheit wiegt, schlägt die Handlung des Drehbuchs von Martin Ambrosch einen solchen Haken, dass man im besten Sinne ratlos respektive weiterhin am Haken ist.

          Jeder bekommt seinen Auftritt

          Und keine Figur, die nicht ihren kleinen großen Auftritt bekäme: von der Haushälterin Anni (Gerda Drabek), die fürchtet, allein zu sterben (Brock: „Wir gehen jeden Tag eine Stunde spazieren“) über Rinks Frau, die über sich hinauswächst, bis hin zum tiefsinnig verkauzten Kellner, der Sex für überbewertet hält, auch lieber raucht und trinkt, sich jedoch angelegentlich „Nackerte“ auf dem Computer ansieht. Dazu Brock: „Das geht? Bei dem Passwort?“

          Dialoge, von denen sich der Zuschauer wünschte, er könnte sie so führen, und eine Bildgestaltung, in der noch die Überblendung die Bilder kunstvoll miteinander verschmilzt, fesseln den Zuschauer bis zu dem Punkt, da er das eigentliche böse Spiel gewärtigt. „Bei einem Verbrechen aus Leidenschaft bleibt nur das Verbrechen übrig, die Leidenschaft erlischt. Das ist das Problem“, sagt Richard Brock. Daraus ist hier ein Film geworden, dessen Feinsinnigkeit die Qualität der „Spuren des Bösen“-Krimis ausmacht.

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