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Krimi im ZDF : Zweikampf um den Argwohn

  • -Aktualisiert am

Unfreiwilliges Wiedersehen: Sophie von Kessel und Uwe Kokisch als Kommissare Ella Schönemann und Günther Kovak. Bild: ZDF und Daniela Incoronato

Der Kriminalfilm „Ein Kommissar kehrt zurück“ beleuchtet die Natur des Verdachts. Ein ins Lilafarbene weggeschminkter Himmel verstärkt dabei den Eindruck, dass alles Lebendige bereits verschwunden sein könnte.

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          Können Bilder rosten? Bei Matti Geschonneck, dem Sondereinsatzregisseur des ZDF für den gehobenen Spannungsfilm, geht das. Dabei vertraut er auf Theo Bierkens’ Kamera, die die Gegend um Greifswald ausgesprochen unaufgeregt in Szene zu setzen weiß. Alles, was wir sehen, ächzt vor Vergangenheit, nicht nur verfallene Gemäuer, selbst die polierten Zonen. Das hat etwas von einer postapokalyptischen Szenerie: die Ruinen der Erinnerung von trister Normalität überwuchert.

          Zudem hat Geschonneck seinen kompletten Film in ein so tiefes Rotbraun getaucht, dass alles Helle und Lebendige unter einer verschattenden Patina verschwunden ist. Sogar der Herbsthimmel wurde ins Lilafarbene weggeschminkt. Die erschöpften Gesichter, die hier gern dunkel vor dunklem Hintergrund porträtiert werden, wirken rissig und zersprungen; dieses Krakelee wiederum lässt uns erahnen, dass es hier einmal einen disruptiven Moment gab, eine Katastrophe, das Ende der Zeit.

          Auf inhaltlicher Ebene hat die monochrome Optik ihre Entsprechung in der Müdigkeit der Hauptfigur. Mit hoher Präzision und feinen Nuancen spielt Uwe Kockisch den frisch pensionierten, starrsinnigen Hauptkommissar Kovak, der aller Polizeiarbeit überdrüssig zu sein scheint. Und doch gibt es eine letzte Angelegenheit zu regeln, die sein Gewissen plagt, denn zwanzig Jahre zuvor ist ihm der Mörder eines kleinen Mädchens entkommen. Kovak ist sich sicher, dass es sich dabei um den Physikprofessor Michael Adam (ein großartig opaker Sylvester Groth) handelt, gegen den seinerzeit massenhaft Indizien vorlagen. Aber zu einer Verhandlung kam es nicht, auch weil der Beschuldigte sich teure Anwälte leisten konnte und eine damals aus dem Westen nach Greifswald geschickte blutjunge LKA-Beamtin (Sophie von Kessel) allzu vorsichtig war. Das verneint diese nicht einmal: „Die haben mich doch nur geschickt, weil ihre alte Garde bis zu den Knien im Stasi-Dreck stand.“

          Schleichend begibt sich der Exkommissar auf die Pirsch

          Die Eltern des Opfers, denen Kovak die Aufklärung des Falles versprochen hat, werden von Jenny Schily und Oliver Stokowski gespielt, eine perfekte Wahl, weil beide allein mit Blicken, Haltungen und kleinen Gesten die Verzweiflung auszudrücken vermögen, die den um ihr Kind Gebrachten noch nach Jahrzehnten alle Lebensfreude abschnürt. Auch Kockisch unterspielt seine Figur programmatisch. Still, ja schleichend begibt sich der Exkommissar auf die Pirsch. Immer vehementer drängt er sich dabei in das Leben Adams, der seiner neuen Freundin Luisa (Ulrike C. Tscharre) zuliebe Unbedarftheit simuliert, aber insgeheim - und ebenfalls ohne alle Hysterie - den Fehdehandschuh aufnimmt.

          Die Kriminalstory selbst wie auch ihre spätere Auflösung (Buch Magnus Vattrodt) wirken leicht fahrig. Originalität und Anschaulichkeit sind aber auch gar nicht gefragt: „Stellen Sie sich das Allerschlimmste vor“, heißt es nur zum Tathergang. Geschonneck dient das Genre wie schon in einigen Filmen zuvor als Kulisse für ausgefeilte Charakterporträts, die ein psychologisch aufregendes Duell ausfechten. Dieser Zweikampf steht im Mittelpunkt und gewinnt Minute um Minute an Intensität, denn auch der Mann des Rechts macht Fehler. Er übertritt Regeln, verletzt Grenzen, wird zum Stalker, um den Druck zu erhöhen. „Was aber, wenn Sie der Wahnsinnige sind?“, fragt ihn sein Gegner. Es ist kein Zufall, dass Kovak die Vorlesung Adams in dem Moment betritt, als dieser über das Doppelspaltexperiment in der Quantenphysik referiert, das bekanntlich nur den Schluss zulässt, der Beobachter beeinflusse allein durch seine Beobachtung Verlauf und Ausgang des Experiments. Andererseits verhält sich der vermeintliche Täter nun tatsächlich verdächtig. Auch finden sich Hunderte Fotos eines weiteren Mädchens bei ihm. Sind in einem solchen Fall alle Mittel legitim, auch wenn sie nicht legal sind?

          Eine letzte Angelegenheit, die sein Gewissen plagt, ist noch zu regeln: Hauptkommissar Günther Kovak (Uwe Kockisch) im Feld.

          So erweist sich dieser Film als kluge Reflexion über die Dialektik des Verdachts und über die Problematik von Indizienprozessen. Wo zieht man in diesem Fall die Grenzlinie zwischen schuldig und unschuldig, wann reichen Indizien jemals aus? Hat man es in unserem Rechtssystem mit einer Unwucht zugunsten von Tätern zu tun oder mit einander selbstverstärkenden Mechanismen der Verurteilung? Mit seinem konsequenten, leicht verstörenden Ende positioniert sich der Film vielleicht eine Spur zu eindeutig. Auf jeden Fall aber zeigt uns dieser Regisseur, was sich intellektuell aus einem künstlerisch mit den Bordmitteln des Fernsehfilms bestrittenen Beitrag herausholen lässt.

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