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ZDF-Dreiteiler „Honigfrauen“ : Der Sommer ihres Lebens

Sie müssen nicht lange auf eine Mitfahrgelegenheit warten: Catrin (Cornelia Gröschel) und Maja (Sonja Gerhardt). Bild: ZDF

Zwei Schwestern aus Erfurt suchen im Urlaub am Plattensee in Ungarn die große Freiheit. Dass es die für sie im Jahr 1986 noch nicht gibt, zeigt der nur scheinbar harmlose Dreiteiler „Honigfrauen“ im ZDF.

          Ein Film, der am Sonntagabend im ZDF läuft, muss wohl so beginnen: „Es war Juni 1986, meine Schwester und ich träumten von Urlaub.“ Von Paris, der „Stadt der Liebe“, von der Karibik und der Südsee träumen Catrin und Maja Streesemann aus Erfurt, vom anderen Ende der Welt, jenseits des Eisernen Vorhangs. So weit schaffen es die beiden nicht, wohl aber zu einer anderen Traumdestination, an den Plattensee in Ungarn: „Die andere Welt hieß für uns damals Balaton“, erzählt Catrin aus dem Off, „wie für alle anderen DDR-Bürger auch.“ Also machen sich die beiden „Honigfrauen“, wie die West-Jungs die Ost-Mädchen nennen, weil die so süß und frech sind, auf in die Sommerfrische. Zelten am See, Angeln mit dem hilfsbereiten Rudi, ein Drink am Pool der „Balaton-Residenz“, die der schicke Tamás führt – die Schwestern erleben offenbar wirklich den Sommer ihres Lebens, von dem Maja geträumt hat. Vater Karl allerdings hat ein ungutes Gefühl. Am Plattensee ist die „Balaton-Brigade“ der Stasi unterwegs, die DDR-Bürger in Bikini und Badehose überwacht, auf dass niemandem die Idee kommt, den Urlaub in Österreich zu verlängern. Mit seiner Ahnung sollte Karl recht behalten.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          So beginnt der Dreiteiler, den das ZDF an den kommenden Sonntagen zeigt – wie eine Ungarn-Ausgabe von Rosamunde Pilcher. Damit holen die Drehbuchautoren Christoph Silber und Natalie Scharf, die das Stück auch produziert hat, und der Regisseur Ben Verbong garantiert das Publikum ab, das sonntags lieber auf den „Tatort“ verzichtet. Das aber wird sein blaues Wunder erleben. „Honigfrauen“ ist nämlich eine klug bestückte Mogelpackung, deren Inhalt sich erst allmählich offenbart. Was zu Beginn harmlos scheint, entwickelt sich zu einer Geschichte, welche in einer ungewohnt dezenten Tonalität von der jüngeren deutschen Geschichte erzählt.

          Von ihm verspricht sich Maja das große Abenteuer: Tamás (Stipe Erceg), Hotelbesitzer und Fluchthelfer.

          Es gibt komödiantische Elemente, es geht um Familienbande, Liebe und Verrat, Flucht und Unterdrückung. An Dramatik, die nicht aufgesetzt wirkt, herrscht kein Mangel, die Szenerie ist fanatisch detailgetreu gestaltet. Was man in den Achtzigern in Ost wie West für Musik hielt – von Phil Collins’ „Sussudio“ bis zu Cyndi Laupers „True Colors“ –, prägt den Sound mitunter etwas zu penetrant. Die Charaktere wiederum sind hinreichend differenziert angelegt, die Schauspieler herauszufordern. Cornelia Gröschel als Catrin und Sonja Gerhardt als Maja lassen ihre Figuren zwischen Naivität, jugendlichem Überschwang, Verliebtheit, Einsicht in die bedrückenden Gegebenheiten des real existierenden Sozialismus und dem Mut, diese zu überwinden, überzeugend changieren. Den Part der Eltern spielen Anja Kling als Kirsten und Götz Schubert als Karl abgeklärt; Franz Dinda gibt dem falsch-freundlichen Rudi, der auffällig viele Fragen stellt, etwas Lauerndes; Stipe Erceg dem Hotelchef und Lebemann Tamás, der nebenbei Fluchthelfer ist, die nötige Doppelbödigkeit.

          Sie alle sind gefangen in einem Lügengespinst, in dem es zunächst scheinbar um Privates geht. Wenn Kirsten, die gelernte Schneiderin, ihrer Nachbarin angeblich mit der Nähmaschine hilft, telefoniert sie mit ihrem Verflossenen Erik (Dominic Raacke), der sie im Jahr des Mauerbaus verließ und in den Westen flüchtete. Er ist in Wahrheit – das wissen wir schnell – Catrins Vater und lungert nun auf dem Zeltplatz herum, auf dem die Schwestern Streesemann campieren. Dass er seit Jahren hinters Licht geführt wird, ist Karl längst aufgegangen, anmerken lässt er es sich nicht. Er würde es wohl beim schönen Schein belassen, träfen am Balaton nun nicht alle aufeinander. Dort hat er seine eigene Prüfung in Sachen Verrat zu bestehen. Die Stasi will die Familienaufstellung nämlich zu ihren Gunsten nutzen. „Berlin“ wäre begeistert, würde dieses Fluchthelfernest ausgehoben, sagt Rudis Stasi-Kollege. Zur Belohnung gehe es vielleicht nach Kuba. Dafür müsste der freundliche Angler alle verraten, die ihm inzwischen lieb und teuer geworden sind.

          Von unbeschwerter Sommerfrische kann für die Reisenden aus der DDR also keine Rede sein, denen die Deutschen aus der Bundesrepublik, die sich alles leisten können, wie überhebliche Zoobesucher begegnen, die sich über exotische Wesen amüsieren. Der Westen leuchtet, die Westler aber strahlen matte Sattheit aus und bekommen in diesem Film in etlichen kleinen Szenen ihr Fett weg. Die Kamera von Mathias Neumann nimmt dann die ganze Szenerie in den Blick. Der Regisseur Ben Verbong sorgt für den einen oder anderen Witz im Bild, etwa wenn Karls Trabi verreckt, während im Radio eine Übertragung des ersten Formel-1-Rennens am Hungaroring läuft. Ein vorbeibrausender Mercedes-Fahrer bietet generös seine Hilfe an, die Karl selbstverständlich ablehnt. Mit einem vielsagenden Satz, den wir im Fernsehen schon immer hören wollten, warten die Autoren Natalie Scharf und Christoph Silber auch auf: „Ich finde ja Bananen irgendwie überschätzt.“

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