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„Der gleiche Himmel“ im ZDF : Ich schau dir ganz fest in die Augen, Kleines!

  • -Aktualisiert am

Stasi-Romeo im Einsatz: Lars Weber (Tom Schilling) hat Lauren Faber (Sofia Helin) im Visier. Er will von ihr nur das eine – Geheimnisverrat. Bild: ZDF

Schläfrige Bilder, erwartbare Musik und uninspirierte Dialoge: Die Agentenstory „Der gleiche Himmel“ will den Kalten Krieg dramatisieren, serviert aber nur kalten Kaffee.

          Da hat der Stasi-Onkel, der die wie Erstklässler an Holztischen sitzenden Agenten zu – so hieße das heute – Pick-up-Artists ausbilden soll, neben die liebevolle Kreidezeichnung einer nackten Frau, die zeigt, wo bei diesem Wesen Augen, Brust und Becken sitzen, doch tatsächlich ein großes, walnussförmiges Gehirn an die Tafel gemalt. Es soll die Aussage unterstreichen, dass Frauen ein solches durchaus besitzen, aber nur partiell benutzen: „Frauen sind anders als Männer. Logik spielt für ihre Entscheidungen keine Rolle. Für Frauen dreht sich alles um Emotion.“ Das ist das Einfallstor: „Andauernder Blickkontakt verursacht tiefgreifende sexuelle Erregung bei der Frau“, weiß der Onkel, wobei das linke Auge günstiger sei, weil direkt mit der rechten Hirnhälfte verbunden.

          Was man für eine Mario-Barth-Show in Kostümen halten könnte, vielleicht noch für eine Karikatur des Frauenbilds der siebziger Jahre, das ist tatsächlich die narrative Basis dieser deutsch-deutschen Agentenserie. In vorerst drei Neunzigminütern unter Oliver Hirschbiegels Regie wird uns vorgeführt, dass alles stimmt, was die Stasi vorgeblich über Frauen dachte. Sie mögen als Datenanalystinnen für britische oder amerikanische Geheimdienste arbeiten, erliegen aber doch plumpesten Anmachversuchen, sofern diese übers linke Auge geschehen. Nach dem Sex singen sie wie Amseln: Man kann sich diesen Initialeklat im Drehbuch von Paula Milne allenfalls dadurch schönreden, dass als Romeo-Agent der nette Tom Schilling im Einsatz ist.

          Das Ausland erwartet Mauer-Erzählungen

          Das gerne mit wuchtigen „Event-Mehrteilern“ aufwartende, der feinsinnigen ARD-Serie „Weissensee“ aber wenig entgegensetzende ZDF will mit „Der gleiche Himmel“ zumindest zu RTL aufschließen. Die von Nico Hofmanns Ufa Fiction produzierte, hierzulande freilich gefloppte Spionageserie „Deutschland 83“ hat den Kölnern schließlich internationale Anerkennung eingebracht; die anstehende zweite Staffel allerdings würde ohne Amazon als Ko-Finanzier nicht zustande kommen. Offenbar erwartet das Ausland von uns Mauer-Erzählungen. So wurde das ebenfalls von der Ufa Fiction (gemeinsam mit Beta Film) realisierte Projekt des ZDF unter dem Titel „The Same Sky“ an Netflix verkauft. Same same but different, muss man wohl sagen. Zwar nähern sich beide Serien der deutschen Vergangenheit mit den Mitteln der Vorabendserie, aber die kluge Handlungsführung von „Deutschland 83“ sucht man bei der ZDF-Saga vergeblich.

          Angesiedelt ist die Geschichte im Jahr 1974, dem Jahr der Rücktritte von Willy Brandt und Richard Nixon, aber auch der Fußball-Weltmeisterschaft, bei der zum einzigen Mal die Nationalteams der Bundesrepublik und der DDR aufeinandertrafen – im Film eine verbindende Erfahrung. Der Stasi-Agent Lars Weber (Schilling) wird auf eine nicht mehr ganz junge Mitarbeiterin des britischen Geheimdienstes angesetzt, die in der gemeinsam mit der NSA betriebenen Überwachungsanlage auf dem Teufelsberg arbeitet. Lauren Faber (Sofia Helin), die sich mit einem pubertierenden Sohn herumschlägt – Drogen, Rio Reiser, RAF-Kult, das Übliche eben –, lässt sich nach kurzem Zögern ein auf den Galan, der sich als Architekt ausgibt. Da aber setzt das arg umständliche Drehbuch erstaunlicherweise neu ein. Nun gerät Laurens Freundin Sabine Cutter, die Lars schon zuvor auffiell, ins Blickfeld: ein noch lockenderes „Zielobjekt“, denn sie arbeitet in gleicher Funktion für die Amerikaner und ihr Stiefvater (Steven Brand) ist geradezu die Personifikation der NSA in Deutschland, zuständig nicht zuletzt für das Abhören von Verbündeten.

          Der Film ist ein sehr deutsches Projekt mit schläfrigen Bildern, erwartbarer Musik und uninspirierten Dialogen: Selbst wenn es um Freiheit versus Sozialismus geht, nichts als Plattitüden. Weitere Erzählstränge handeln etwa von Lars’ Cousine Klara (Stephanie Amarell), die Leistungsschwimmerin werden soll. Die damit einhergehende, durch Privilegien für die Familie versüßte Doping-Zumutung scheint Klaras Eltern (Godehard Giese, Anja Kling) endgültig zu entzweien. Da ist weiterhin der schwule Lehrer Axel (Hannes Wegener), der sich nach Freiheit sehnt und zufällig auf junge Dissidenten trifft, die einen Fluchttunnel graben. Sogar Lars’ Vater Gregor (Jörg Schüttauf), selbst Stasi-Mitarbeiter, hat Zweifel am System, die er aber vor dem Sohn sorgfältig verbirgt. Dieses Abhaken naheliegender Themen wirkt bestenfalls beflissen. Nichts davon wird aus den Figuren herausentwickelt. Alles ist exemplarische Veranschaulichung. Am spannendsten scheint noch der Protagonist, dessen Motivationen und Ansichten bis zum Schluss undurchsichtig bleiben.

          Dickenwitze, wie sie hier auf Kosten des ständig im Fluchttunnel steckenbleibenden Tobias (Daniel Zillmann) gemacht werden, mögen niederträchtig sein, aber sie bringen wenigstens etwas Komik in die Filme, denn daran fehlt es entschieden. Die meisten Figuren starren sehnsuchtsvoll oder leidend vor sich hin. Sabines Mutter Dagmar (Claudia Michelsen) kramt ständig mit Trauermiene in einer Erinnerungskiste, die ein dunkles Geheimnis bewahrt. Immerhin ist Ben Becker alias Ralf Müller ein Lichtblick. Er wird als Führungsoffizier des Romeo-Agenten eingeführt, erweist sich aber mehr und mehr als mürrischer Amor, der bei jeder intimen Situation insgeheim anwesend ist und stets einen Mackerspruch auf den Lippen hat. Warum dieser West-Berliner für die Stasi arbeitet, erklärt sich allerdings nicht. Am Westen stören ihn offenbar vor allem überquellende Mülleimer, was doch ganz lustig ist, denn der sich ausschließlich von Fastfood Ernährende hilft dabei kräftig mit.

          Dramaturgie gerät ins Rutschen

          Ein Fest ist die Ausstattung, die einen guten Teil des Budgets verschlungen haben dürfte. Gedreht wurde, das dürfte die Produktionskosten geschont haben, fast komplett in Prag. Doch auch phantastische siebziger Jahre-Lounges, Schlaghosen und stilvolle Automobile können nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Handlung oftmals auf der Stelle tritt, um sich dann im letzten Drittel des dritten Teils beinahe zu überschlagen, ohne es noch zu einem befriedigenden Abschluss zu bringen. Der starke Cliffhanger deutet auf eine zweite Staffel hin. Man hätte aber wenigstens die halbherzig mit Schrifteinblendungen angedeuteten Entwicklungen vollständig erzählen und dafür auf große Teile der ersten beiden Folgen verzichten können.

          Erschwerend kommt die Entscheidung hinzu, den Kalten Krieg höchst unrealistisch als innerfamiliäre Angelegenheit abzubilden. Als Kinder auseinandergerissene Zwillinge spielen dabei eine Rolle, wie uns die geradezu penetrant wiederholte Einblendung des identischen Familienfotos im Haushalt der Cutters und der Webers früh zu erkennen gibt. Damit aber gerät die gesamte Dramaturgie ins Rutschen, bleibt von einer Auseinandersetzung mit dem Thema des geteilten Deutschlands, auch wenn die es an Reflexionstiefe mit Christa Wolfs berühmter und berühmt verfilmter Erzählung „Der geteilte Himmel“ ohnehin nicht aufnehmen kann, nur eine boulevardtaugliche Soap mit Erotikfaktor übrig. Da helfen auch die beiden leichtgewichtigen Begleit-Dokus mit vielen Filmausschnitten nicht.

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