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75 Jahre Pippi Langstrumpf : Astrids Flucht aus Bullerbü

Die sechzehnjährige Astrid (Alba August) auf dem Fahrrad. Bild: ZDF

Vor 75 Jahren erschien das erste Pippi-Langstrumpf-Buch. Dazu zeigt das ZDF Pernille Fischer Christensens Biopic „Astrid“ - ein Jugendbild der berühmtesten Kinderbuchautorin der Welt:

          3 Min.

          Eine schlanke, ältere Frau steht im Halbschatten ihres Zimmers. Am Schreibtisch öffnet sie ihre Post, lauter Briefe von Kindern, die der Adressatin, „Astrid“, Bilder gemalt haben, versehen mit Grüßen und aufmunternden Worten. Ein Brief enthält eine Audiokassette. Kinder einer Schulklasse haben aufgenommen, was sie an Astrids Werken schätzen: dass die Protagonisten auch in aussichtslosen Situationen nicht aufgeben, dass man trotz vieler Geschichten von Tod und Sterben das Leben liebt, dass die Autorin Kindern als Beispiel dient, selbst Geschichten zu erfinden. Und ein Mädchen fragt: „Wie kannst du so gut darüber schreiben, wie es ist, ein Kind zu sein – obwohl es so lange her ist, dass du selbst eines warst?“

          Tilman Spreckelsen

          Redakteur im Feuilleton.

          Keine Frage, den Hinweis „inspiriert von Begebenheiten im Leben Astrid Lindgrens“ braucht man nicht, um den Zusammenhang zwischen der weltberühmten Kinderbuchautorin, die von 1907 bis 2002 lebte, und dem Film von Pernille Fischer Christensen herzustellen, zu dem der dänische Autor Kim Fupz Aakeson das Drehbuch geschrieben hat. Besonders die Frage nach dem tiefen Verständnis, das die Seniorin noch immer für die Lebenswelt ihrer jungen Leser besitzt, ist an das Werk Astrid Lindgrens oft gestellt worden. Hier leitet sie über zu einer filmischen Erzählung jener Jahre, in denen sich die Autorin vom Elternhaus im Umkreis des schwedischen Vimmerby löste, während zugleich große Teile ihres späteren Werks – „Michel“, „Bullerbü“ – ohne diesen Hintergrund gar nicht zu denken sind.

          Das beginnt in der Dorfkirche und endet auch dort, allerdings unter völlig veränderten Vorzeichen. Das Mädchen Astrid nimmt, anders als die Eltern, den Gottesdienst nicht recht ernst, und die Geschichte von Sodom und Gomorrha dient ihr zur Vorlage eines phantasievollen Lügenmärchens in Pippi-Langstrumpf-Manier. Überhaupt häufen sich in den ersten Szenen Hinweise auf Ausbruchswünsche der Sechzehnjährigen, und ebenso darauf, dass sie dabei nicht auf das Verständnis ihrer Mutter rechnen darf. Weil sie beim braven Tanzvergnügen in Vimmerby nicht aufgefordert wird, tanzt sie allein und durchaus raumgreifend, und weil sie auf dem Heimweg durch eine traumhaft schöne Nachtlandschaft schier ersticken müsste, wenn sie all ihre Unruhe, all ihre Lebensgier nicht herausließe, schreit sie zur Verwunderung ihres Bruders die Worte, die sie nach dem Kirchgang noch den Bewohnern der gestraften Sünderstädte in den Mund gelegt hatte: „Guten Morgen! Limonade!“

          Dass und wie Alba August diese Rolle spielt, steht klar auf der Habenseite des Films. Die junge schwedische Schauspielerin legt ihre Astrid als eine im Kern ruhige, abwartende, neugierig die Welt in sich aufnehmende Person an, die aber jederzeit äußerst emotional auf das reagieren kann, was ihr widerfährt, die langmütig ist, aber konsequent bis in die Haarspitzen, wenn der Bogen überspannt wird. Und die bis an die Grenzen gehen muss, um sich die Liebe und das Vertrauen ihres Sohnes Lasse zu erkämpfen, der sie in seinen ersten Jahren kaum sieht und sie partout nicht mit „Mama“ anreden will.

          Schwelgende Streicherklänge

          Dass mit diesem Film eine bestens bekannte Geschichte erzählt wird, spielt keine große Rolle: Das Volontariat der jungen Frau bei der Lokalzeitung von Vimmerby, die Affäre mit dem Redakteur und Besitzer der Zeitung, die Schwangerschaft, die bittere Zeit, in der Astrids Sohn in Dänemark bleiben und seine Mutter in Stockholm arbeiten musste, schließlich die Bekanntschaft mit einem Herrn Lindgren – all das ist denjenigen bereits vertraut, die sich für das Leben der Autorin interessieren, und nur der Zeitsprung zur vielleicht berühmtesten Geschichte aus dieser Biographie, die Erfindung Pippi Langstrumpfs für die erkrankte Tochter, wird hier unterlassen.

          Was aber schwer wiegt, ist, dass der Film sich so ganz auf seine Hauptdarstellerin verlässt und im Ästhetischen leider ausgetretene Pfade geht. Er schwelgt im Dekor einer hinreißenden Landschaft und der Messingpracht jener Jahre – wer Dampfeisenbahnen mag, sollte den Film nicht verpassen. Keine Emotion, die nicht ausdrücklich und massiv ins Bild gesetzt wird, kaum eine Szene, die nicht zur Vertiefung der Empfindung mit schwelgenden Streicherklängen und perlendem Klavier übergossen wird, und wenn Astrids Junge hustet oder dessen gutherzige Pflegemutter im Sterben liegt, dann bleibt dabei nichts im Ungefähren. Nur auf die Anfangsfrage zur Vertrautheit Lindgrens mit der Welt der Kinder findet der Film keine Antwort. Wahrscheinlich ist das ganz gut so.

          Astrid läuft heute, an Christi Himmelfahrt, um 20.15 Uhr im ZDF.

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