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„Wetten, dass ..?“-Zukunft : Die sind ja alle nackt

  • -Aktualisiert am

Es ist wirklich Schluss: In Köln wurde von ZDF-Mitarbeitern klargestellt, dass es keinen Plan B für „Wetten, dass..?“ gibt. Bild: dpa

Kurz nachdem Markus Lanz das Ende von „Wetten, dass ..?“ verkündete, kamen Gerüchte über eine baldige Wiederbelebung auf. Nun wurde auf dem „Großen Showgipfel“ in Köln klargestellt: Die Show kommt nicht wieder. Dafür gibt es im Fernsehen ganz andere Trends.

          Die zweithöchste Fernsehnutzungsdauer aller Zeiten wurde laut Eurodata TV Worldwide im Jahr 2013 gemessen (den Rekord hält 2012 aufgrund großer Sportereignisse): drei Stunden und vierzehn Minuten täglich im weltweiten Durchschnitt.

          Dieses quäkende Etwas, das die röhrenden Hirsche in unseren Wohnzimmern ersetzt hat, hat also allein 2013 der Menschheit 8,5 Billionen Stunden Lebenszeit gestohlen, nicht wenige davon mit Aufnahmen würmermampfender Halbpromis oder mit Gesang, gegen das jedes Hirschröhren ein Genuss wäre.

          Für die Herstellerbranche dieser Form von, nun ja: Unterhaltung ist das verständlicherweise erst einmal eine gute Nachricht, auch wenn sich innerhalb des Angebotsgefüges eine weitere Schwerpunktverlagerung weg von den Shows und hin zur Fiktion – der Serienhype hält an – erkennen lässt.

          „Es gibt keinen Plan B“

          Seit mittlerweile zehn Jahren findet im Nachgang zur großen MIPTV-Fachmesse in Cannes der „Große Showgipfel“ in Köln statt, ein Treffen der Fernsehunterhaltungsbranche, das die Beratungsagentur HMR International gemeinsam mit der Produktionsgesellschaft Brainpool ausrichtet.

          In diesem Jahr überschattete das Aus für „Wetten, dass ..?“ die Diskussionen. Oliver Fuchs, Leiter und Entrümpler der Hauptredaktion Show des ZDF, ließ keinen Zweifel daran, dass es sich um ein definitives Aus handelt: „Es gibt keinen Plan B.“ Man wolle eine schwächelnde Show lieber beenden, „als dass man vor sich hin eiert und versucht, noch irgendetwas daraus zu machen“.

          Bei den anderen Granden der Branche stieß dies nicht unbedingt auf Gegenliebe. Thomas Schreiber, der ARD-Koordinator für Unterhaltung, nannte es „gefährlich, eine Marke aufzugeben, weil man zwar ganz schnell sieben Millionen Zuschauer los ist, aber ganz schwer sieben Millionen Zuschauer wieder neu auf einem Sendeplatz zu einer Uhrzeit in einem Kanal versammelt“ habe: „Es wird der Wahrnehmung von Unterhaltung nicht helfen.“

          Marken-Klammern als Trend im Fernsehen

          Das sah der Brainpool-Geschäftsführer Jörg Grabosch ganz ähnlich, denn dort wäre man froh, würden Sendungen wie „Schlag den Raab“ solche Quoten erreichen, die dem ZDF als Einstellungsgrund dienen: Das Ende von „Wetten, dass ..?“ sei keineswegs der Tod der Samstagabendshow, aber die Tendenz hin zu immer mehr Fiktion sei für die gesamte hier versammelte Branche durchaus bedenklich.

          Auch Taco Ketelaar, neu für die große Unterhaltung bei Sat.1 zuständig, also für Shows wie „Got to Dance“, „The Voice“ und bald auch die frisch eingekaufte Endemol-Show „Utopia“ (eine Art „Big Brother“ mit Kuhmelken; bei Pro Sieben beginnt derweil im Juni die Dating-Show „Guys in Disguise“), bedauerte das Aufgeben einer Marke.

          Obgleich Fuchs die Kreativen geradezu bekniete, mit neuen Ideen zu kommen – „wir werden auch den Mut haben, das zu tun dann“ –, dürfen das Klammern an Marken und das Immer-mehr-vom-Gleichen wohl als Hauptmerkmal der Fernsehunterhaltung gelten.

          Viel Nacktheit und Pseudowissenschaft

          Nicht nur die austauschbaren Krimis vermehren sich exponentiell, sondern eben auch die Shows, wie dieser Gipfel wieder eindrücklich zeigte: Nur minimal voneinander abweichende Koch-, Talent-, Dating-, Magier-, Wander- und Realityshows dominieren das Entertainment-Segment weltweit.

          Lediglich kleine Trends lassen sich innerhalb dieses Rahmens ausmachen. Immer öfter sind die Teilnehmer beispielsweise nackt, entweder beim Dating („Adam & Eve“, Eyeworks), beim Würmeressen in der Wildnis („Naked &Afraid“, Renegade 83) oder beim Hauskauf („Buying naked“, TLC).

          Auch gibt es immer mehr Spielshows, die pseudowissenschaftliche Experimente in den Mittelpunkt stellen. Eine davon, „Duck Quacks Don’t Echo“, werden wir bald als Sommerpausenfüller für die „heute show“ erleben.

          Hundeschule fürs Publikum

          Als weiteren Trend können Crowdfunding-Shows gelten. Besonders platt und damit besonders erfolgreich ist die aus Singapur stammende Sendung „Angel’s Gate“, welche ihr Entwickler Ash Singh in Köln präsentierte: Potentielle Geldgeber in weißen Anzügen sitzen in einem weißen Raum und wählen unter gecasteten Unternehmer-Aspiranten solche aus, deren Idee sie unterstützen.

          Auch die Zuschauer können in die Ideen investieren, vor allem aber viele tausend Dollar teure Kurse buchen, was sie offenbar massenhaft tun, wie Singh stolz vermeldete. Ähnlich ist Endemols interaktive Show „Fundastic“ aufgebaut.

          Es scheint zudem nur eine Frage der Zeit zu sein, wann der neuste englische Hit, eine Hund-und-Herrchen-Show, Deutschland erreicht. Jamie Munro, ehemals Produzent, jetzt Investor in neue Formate, stellte „Superstar Dogs“ vor, das zurzeit auf Channel 4 läuft. Die Sendung lebt nicht nur von der Frage, welches Team gewinnt, sondern auch davon, dass die Hunde trotz allen Trainings irgendwann tun, was sie wollen: Das zumindest könnte uns, dem trainierten Publikum, doch immerhin als Vorbild dienen.

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