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„Sarah Kohr“ im ZDF : Was hier tickt, ist keine Uhr

  • -Aktualisiert am

Sie klettert selbst: Lisa Maria Potthoff als Sarah Kohr Bild: ZDF und Marion von der Mehden

Ersticken mit Stil: In der neusten Folge der Action-Serie „Sarah Kohr“ wird Sarin-Gas freigesetzt. Stimmig ist dabei wenig, aber die Spannung kann sich sehen lassen.

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          Zwei Jahre lang war keine Zeit zu sterben. Oder eben nicht zu sterben. Es war ja keine Zeit zu gar nichts. In dieser Woche wird mit Wucht nicht gestorben: Der lange erwartete „James Bond“-Film von Cary Fukunaga, in dem noch die Vor-Corona-Welt eingekapselt ist, wird die Lichtspielhäuser fluten. Nicht einmal Netflix oder Apple konnten den MGM Studios den Streifen für Hunderte Millionen Dollar abjagen, was wohl damit zu tun hat, dass MGM in der Zwischenzeit von Amazon geschluckt wurde. Doch auch Amazon denkt bei Bond (noch) nicht an „Streaming first“. Die Rettung der Welt in einer nostalgischen Mischung aus atemraubenden Stunts, Hochglanz-Sexyness aus der Deo-Reklame und rekordverdächtig teurer Schleichwerbung funktioniert am besten im Kino. Und dann muss natürlich die Handlung – nur bloß nicht ans Klima denken! – platt genug sein. Diesmal wird ein Wissenschaftler entführt, der selbstredend über bedrohliche Kenntnisse verfügt. Gerettet werden kann er nur durch den Besten der Besten. Das Böse hört dabei auf den Namen Safin. Der Rest von „No Time to Die“ ist bislang unbekannt, aber auch befreiend egal. Wer Komplexität will, suche sie bei Netflix, Apple oder Prime Video.

          Wer dagegen den Popcornhunger nicht mehr aushält, kann Action im ZDF goutieren, und gar keine schlechte. Die lockere Reihe „Sarah Kohr“ ist zumindest das, was dem „Bond“-Kosmos im Öffentlich-Rechtlichen am nächsten kommt. Lisa Maria Potthoff prügelt, klettert, schießt und sprengt sich als Spezialpolizistin seit sechs Folgen erfolgreich (und ohne Double) durch Hamburg und Umgebung; auch Herbert Knaup macht als deutscher M – Staatsanwalt und irgendwie auch Dienststellenleiter Anton Mehringer – keine schlechte Figur. Und die Handlung überfordert niemanden mit Originalität: Diesmal wird ein Wissenschaftler entführt, der selbstredend über bedrohliche Kenntnisse verfügt. Gerettet werden kann er nur durch die Beste der Besten. Das Böse hört dabei auf den Namen Sarin.

          Letzteres ist hier kein neuer Dr. No, sondern der geächtete chemische Kampfstoff, den das Assad-Regime in Syrien gegen die eigene Bevölkerung eingesetzt hat. Von dort, von Syrien, ist der Stoff in Granatenform nach Hamburg gelangt, wo er in einem Speziallabor neutralisiert werden soll, aber dann samt Wissenschaftler (Kai Wiesinger) abhandenkommt. Dessen Mitarbeiter, ein junger, gut aussehender Trottel (Jonas Anders), hat nicht aufgepasst. Das wissen wir alles noch nicht, zugleich aber bereits viel mehr. Mit einer Szene auf höchstem Adrenalinlevel einzusteigen gehört zwar heute zum guten Ton vieler Spannungsserien – auch hier ein Vorblick aufs wilde Ende –, ist aber in der Bond-Dramaturgie seit Jahrzehnten Usus. Nach Sekunden also ruckeln wir mit der blutverschmierten Heldin im Räumpanzer durch Hamburg und blicken gebannt auf den Zünder an der Sarin-Kartusche, der dann tatsächlich auslöst. Während die Protagonistin zu ersticken scheint, bewegen wir uns zwölf Stunden in der Zeit zurück.

          Autor Timo Berndt, aus dessen Feder alle Episoden der Kohr-Saga mit Ausnahme der verhalteneren Auftaktfolge stammen, hat sich Mühe gegeben, sein Buch wieder auf Hochgeschwindigkeit zu trimmen und viele überraschende Umschwünge einzubauen. So tauchen Figuren auf, wie man sie zu kennen meint – eine deutsche Konvertitin, ein sterbenskranker Polizist, der „bis zum letzten Atemzug“ kämpfen will –, aber dann entwickeln sich ihre Erzählstränge anders als erwartet: Die Konvertitin hat kaum eine Ahnung von dem, was sie tut, und der Polizist denkt gar nicht daran, sich in letzter Sekunde zu opfern. Was stattdessen passiert – verschiedene Rache-Plots überlagern einander –, ist zwar alles andere als glaubhaft, lässt sich aber wenigstens nicht erraten, und das ist bei einem Action-Thriller schon die halbe Miete. Die andere Hälfte ist die punktgenaue, temporeiche Inszenierung, die Regisseur Christian Theede bestens gelungen ist. Auch Theede ist nicht neu an Bord. Dass er Showdowns beherrscht, hat er mit der Episode „Das verschwundene Mädchen“ gezeigt. „Irgendwas stimmt hier nicht“: Was Sarah messerscharf analysiert, kann als Motto des Films gelten, das narrativ wie ästhetisch lustvoll umgesetzt wird.

          Dass das Sarin wieder auftaucht, wissen wir zwar vom ersten Moment an, aber die Gefahr ist damit keineswegs gebannt, im Gegenteil: Die Bedrohungslage kulminiert nun erst. Dabei stecken der Heldin da bereits schmerzhafte Faustkämpfe mit einem Ex-Söldner (Aleksandar Jovanovic), der im Namen einer von Jessika Wallhoffer (Ulrike C. Tscharre) geleiteten Chemiefirma am Sarin interessiert ist, in den Knochen; eine Entführung, eine Klettereinlage, Schießereien und ein nachglühender Kuss. So schmeckt das Popcorn. Schade ist einzig, dass sich das Buch im psychologisierenden Überbau dann doch vor dem deutschen Fernsehfilm verneigt, zum einen mit einer – auch noch gespiegelten – Tod-des-Bruders-Handlung (samt üblicher Schuldmotivik und rührseligem Bekenntnis-Dialog), zum anderen mit der redundanten, schlaff gespielten Nebenhandlung der kränkelnd darniederliegenden Mutter (Corinna Kirchhoff) der Heldin, die zwecklos gegen den Einsatz wettert. Das wird Bond kaum passieren.

          Sarah Kohr: Stiller Tod, 20.15 Uhr, ZDF

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