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„Hotel Mondial“ im ZDF : Übernachtung mit Zeitgeist im Kraftwerk

  • -Aktualisiert am

Männer spielen hier die zweite Geige: Lara Hildebrandt (Joy Ewulu) mit ihrem neuen Team Bild: ZDF/Maik Fløder

Eine ZDF-Vorabendserie zwischen Geschäft und Gefühl: „Hotel Mondial“ wirkt wie auf dem Reißbrett der Diversitätsrichtlinie entworfen.

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          Viele Jahre stand das ZDF unter anderem für langlebige Erfolgsformate am Vorabend, für Krimiserien wie „Ein Fall für zwei“, die auch in der Neuauflage ihr Publikum finden. In der ARD gab es die wöchentliche Dosis „Lindenstraße“. Der wahre Abräumer auf dem Programmplatz vor der sogenannten „Prime Time“ aber war und ist der RTL-Dauerbrenner „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“.

          Seit mehr als dreißig Jahren gibt der Klassiker unter den täglichen „Soaps“ dem Vorabend seine Themen und Gesichter vor. Wer Neues produziert, orientiert sich daran, was sich bald ändern mag, wenn immer mehr „Soap“-Serien eigens für die Mediatheken produziert werden und ins lineare Fernsehens nur noch zur Zweitverwertung kommen. „Vorabend“ spielt dann keine Rolle mehr.

          Bis Sommer 2023 kündigt allein das ZDF annähernd dreißig neue Serien an. Sie sollen verstärkt die Chance nutzen, „mit leichter Hand“ Zeitgeistthemen zu verhandeln, wie es in der PR-Prosa zur neuen ZDF-Vorabendserie „Hotel Mondial“ heißt. Immer Mittwochs will diese „Weekly Soap“ eine „moderne Perspektive“ der Mitarbeiter eines Vier-Sterne-Hotels in Schwerin zeigen.

          Dramen bei den Gästen

          Belebt werden soll das „traditionsreiche und fast vergessene“ Genre der Hotelserie. Mal abgesehen davon, dass die „Schwarzwaldklinik“ nichts Wesentliches von einer Hotelserie mit kranken Gästen unterschied, trifft „fast vergessen“ nur bei sehr kurzem Gedächtnis zu. Von 2016 an wirkten Ulrike C. Tscharre, ab 2018 dann Annette Frier unter Mithilfe von Christoph Maria Herbst im „Hotel Heidelberg“ regelmäßig in der ARD – in einem Haus, das noch um einiges mondäner daherkam als nun das „Hotel Mondial“. Ansonsten war das Rezept ähnlich. Hierarchiegeplänkel und Teamworkanstrengung bei den Mitarbeitern von Concierge bis Zimmerpersonal, Dramen bei den Gästen.

          Die „frische Programmfarbe“ ergibt sich vor allem aus dem erzählerischen Fokus. Eva de Vries (Gesine Cukrowski) ist die neue, aus zunächst Gründen strafversetzte Hoteldirektorin in Schwerin, das mit ansprechenden tourismusfördernden Bildern genauso bedeutend ist wie Heidelberg im „Hotel Heidelberg“. Die zweite Hauptfigur ist Lara Hildebrandt (Joy Ewulu), die schwarze Adoptivtochter weißer Eltern, deren leibliche Mutter einst im „Hotel Mondial“ arbeitete und unter mysteriösen Umständen verschwand. Als Concierge grüßt die emotionale Maria Rietzel (Lea Sophie Salfeld), an der Rezeption arbeitet die blitzgescheite Linh Thuy (Nhung Hong), im Zimmerservice bemüht sich Svetlana Bogdanova (Sarah Palarczyk). Nicht zu vergessen sei die Spitzenköchin (“Food Chefin“) Uli Kersting (Agnes Mann). Männer, ob beruflich oder privat, spielen hier die zweite Geige. Gäste sind unter anderem ein Mathematiker mit Alzheimer, der Formeln vergisst und eine erschöpfte Fitness-Influencerin, deren Ehemann ihr Leben kontrolliert.

          Dass die Serie sich Themen wie rassistische Beleidigungen und Anziehung zwischen Frauen nicht als dramatische Ausnahme vornimmt, sondern beiläufig in die Geschichten integriert, ist aller Ehren wert. Leider aber wirken die Handlungsstränge allzu oft wie vom Reißbrett der Diversitäts-Selbstverpflichtung. Erst einmal gibt es zwölf Folgen von „Hotel Mondial“. Falls es weitergehen sollte, seien bessere Drehbücher empfohlen. Denn was ist hier ein Hotel? „Ein Kessel, der ständig erhitzt wird und an dem sich moderne, heutige Geschichten wie Wasserdampf niederschlagen – im Pendelschlag zwischen Geschäft und Gefühl. Es ist ein unendliches Kraftwerk an faszinierenden Geschichten“, findet Produzent Johannes Pollmann. Ein Spiegel mit Wasserdampf im Pendelschlag, aufgehängt in einem Kraftwerk? Mit weniger Metaphern-Überschuss und weniger Charakter-Holzschnitt hätte „Hotel Mondial“ vielleicht Chancen auf ein Upgrade.

          Hotel Mondial läuft mittwochs ab 19.25 Uhr im ZDF und ist in der Mediathek abrufbar.

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