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Serie „Die Protokollantin“ : „Bestimmte Frauenrollen wurden einfach nicht geschrieben“

Die Geschichten der Toten lasten wie ein Alb auf ihrer Seele: Polizei-Protokollantin Freya Becker (Iris Berben) Bild: ZDF und Alexander Fischerkoesen

Wie man eine Frau im deutschen Fernsehen noch nicht gesehen hat: Die Drehbuchautorin und Regisseurin Nina Grosse spricht über ihre erste Serie „Die Protokollantin“ und Iris Berben als traumatisierte Mutter, die zur Täterin wird.

          Es gab, immer mal wieder, starke Frauenfiguren im deutschen Fernsehkrimi: Hannelore Hogner als Bella Bock oder Senta Berger in „Unter Verdacht“. Wie unterscheidet sich die Figur, die Iris Berben in „Die Protokollantin“ spielt, davon?

          Harald Staun

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Diese Freya Becker, die Iris Berben spielt, ist ganz anders. Senta Berger in „Unter Verdacht“ etwa ist die Aufklärerin, wunderbar spröde, aber fast schon mütterlich, eine Frau, die die Dinge wieder in Ordnung bringt. Freya ist eine Figur, die Chaos stiftet. Das ist das Neue daran: Dass man sich traut, so eine Figur zu erzählen, auch in der Länge. Dass man nach und nach in einen Abgrund hineingeht, der auch nicht beschönigt oder aufgelöst wird.

          Freya Becker protokolliert die Verhöre bei der Berliner Kriminalpolizei, oft geht es um männliche Gewalt: Vergewaltigung, Kindsmissbrauch, Mord. Als einer der Fälle ihre eigenen Vergangenheit berührt, das ungeklärte Verschwinden ihrer Tochter, fängt sie an, selbst zu ermitteln und zu handeln, sie wird zur Täterin. Und gleichzeitig wirkt sie immer auch wie ein Opfer, traumatisiert, zurückgezogen, fast depressiv. Warum haben Sie nicht einfach nur von einer starken, bösen Frau erzählen wollen?

          Kann sein, dass der radikalere Schritt gewesen wäre, einfach nur von einer starken, bösen Frau zu erzählen, ohne psychologischen Hintergrund. Ich hatte aber den Eindruck, dass ich ihr dieses Trauma geben muss, den Verlust ihrer Tochter, der immer wieder etwas auslöst, was sie zu ihren Taten motiviert. Wenn sie nur grausam gewesen wäre, wäre es für die Zuschauer kaum möglich gewesen, mit ihr mitzugehen. Und nach den ersten Reaktionen kann ich sagen, dass die Leute wirklich in einem Maße mit ihr gehen, dass sie sagen: „Wir wollen nicht, dass die auffliegt.“

          Warum gab es solche starken Frauenfiguren so lange nicht im Fernsehen? Wurden solche Stoffe von den Sendern früher abgelehnt?

          Davon habe ich manchmal gehört, aber persönlich habe ich das nie so erlebt. Bestimmte Frauenrollen wurden einfach nicht geschrieben. Die Ehegattin durfte schon mal Architektin oder Ärztin sein, aber das war’s dann auch. Dass wir die Tür für komplett neue Figuren aufmachen, das fängt jetzt erst an. Das muss radikal vorangetrieben werden. Das müssen gar nicht so extreme Figuren sein wie „Die Protokollantin“, das kann viel harmloser sein. Eine Frau, die nicht sagt, ich brauche für mein Glück einen Mann, sondern selbstbewusst alleine lebt. Eine Frau, die einen Beruf macht, der nicht dem Stereotyp entspricht und Männern anders begegnet. Da gibt es unendliche Möglichkeiten. Und es wäre auch schön, wenn die Männer ihren Blick darauf ändern würden. Es kann ja nicht nur Aufgabe der Frauen sein, andere Frauenfiguren zu erzählen.

          Nina Grosse (Regie) mit ihrer „Protokollantin“ Freya Becker (Iris Berben).

          Auch die anderen Figuren haben in Ihrer Miniserie genug Raum, um Profil zu entwickeln. Peter Kurth spielt den Kriminalhauptkommissar Heinz Silowski, einen abstinenten Alkoholiker, von dem man nie weiß, wann er wieder die Kontrolle über sein Leben verliert. Katharina Schlothauer spielt eine sehr selbstbewusste junge Polizeibeamtin und Moritz Bleibtreu Freyas Bruder, der zwar ein erfolgreicher Gastronom ist, privat aber eher unsicher wirkt. Würden Sie sagen, das man Ihren Figuren anmerkt, dass eine Frau sie geschrieben hat?

          Das Gebrochene der Figuren ist, glaube ich der weibliche Anteil. Moritz Bleibtreu zum Beispiel war sehr dankbar dafür, dass er mal nicht den coolen Macker spielt, sondern einen Mann, der etwas Weiches und Verletzliches hat. Silowski entspricht schon eher den Männerfiguren, die wir so kennen. Bei den Frauenfiguren habe ich erst anschließend gemerkt, dass jede eine andere Facette von Weiblichkeit verkörpert. Das mochte ich dann sehr.

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