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ZDF-Samstagskrimi : Es stinkt gewaltig

  • -Aktualisiert am

Wilsberg (Leonard Lansink) macht Isabell Meineke ein (Genija Rykova) ein interessantes Angebot. Er will sich und Ekki (Oliver Korittke) als Müllmänner in ihre Firma einzuschleusen. Bild: ZDF und Thomas Kost

Von Ermüdungserscheinungen kann keine Rede sein: Wilsberg sucht mit 23 Jahren Ermittlungserfahrung die „Nadel im Müllhaufen“. Stichhaltigkeit ist zweitrangig, dafür sitzen die Pointen.

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          Wilsberg wird nicht müde, ganz im Gegenteil. Seit 23 Jahren ermittelt der Antiquar und Amateurdetektiv schon, und von Ermüdungserscheinungen kann auch beim Publikum keine Rede sein: Anfang des Jahres knackte die Krimiserie zum ersten Mal die Zuschauermarke von acht Millionen. Und weil nicht repariert werden muss, was nicht kaputt ist, verlassen sich Regisseur Martin Enlen und die Drehbuchautoren Natalia Geb und Sönke Lars Neuwöhner auch in der sechzigsten Folge von „Wilsberg“ auf das Bewährte. In „Die Nadel im Müllhaufen“ schicken sie Wilsberg und seine Kollegen zu einem Fall auf fruchtbarem Boden für allerlei Seltsamkeiten und kriminelle Machenschaften im großen Stil: Es geht um die Entsorgungsindustrie.

          Diesmal ermittelt Wilsberg (Leonard Lansink), noch bevor die Polizei weiß, dass ein Verbrechen geschehen ist. Seinen Auftrag findet er durch eine junge Frau (Anne Kanis), die vor seinem Antiquariat kopfüber in der Mülltonne steckt und nach brauchbaren Abfällen sucht. Das gehört zum Alltag von Elena Warnetzki, die ohne Bargeld lebt und vom Staat und damit auch von der Polizei nichts wissen will. Hilfe braucht sie jetzt allerdings, denn ihr Ex-Mann Thomas hat sie am Abend zuvor versetzt und ein ungutes Gefühl sagt ihr, dass etwas Schlimmes passiert sein muss.

          Spaziergänge an die Grenze des Körpers

          Ohne Aussicht auf Bezahlung, aber durchaus neugierig nimmt sich Wilsberg der Sache an und bekommt schon bald Unterstützung von den Kommissaren Anna Springer (Rita Russek) und Overbeck (Roland Jankowsky), nachdem die Leiche des Vermissten in einem Müllwagen seines Arbeitgebers gefunden worden ist.

          Fruchtbarer Boden für allerlei Seltsamkeiten und kriminelle Machenschaften: die Entsorgungsindustrie
          Fruchtbarer Boden für allerlei Seltsamkeiten und kriminelle Machenschaften: die Entsorgungsindustrie : Bild: Thomas Kost/ZDF

          Ein Müllmann im Müll – „hier stinkt etwas gewaltig“, kommentiert Overbeck und vermutet großangelegte Mafia-Verstrickungen. Schließlich war in einem Schreiben des Opfers an seine Ex-Frau Elena die Rede von Problemen mit der „Familie“, und die Leiterin des Entsorgerbetriebs „Mynstermyll“, Isabell Meineke (Genija Rykova), ist Halbitalienerin. Diese trachtet Overbeck von nun an in seinen Albträumen nach dem Leben, von Regisseur Enlen passend zum Rest der Geschichte in pointiert überzogenen Klischees komisch inszeniert.

          Bei Elena daheim gibt es Ingwertee und „Spaziergänge an die Grenze des Körpers“ (Mediation), ihr neuer Partner Micha (Daniel Christensen) meint, bei Mynstermyll arbeiteten „vom Großkapital ferngesteuerte Pseudoökologen“. Bei den „Pseudoökologen“ treffen die Ermittler überraschend auf Wilsbergs Nichte Alex (Ina Paule Klink). Sie ist seit ein paar Tagen Presse- und Rechtsabteilung in Personalunion. „Heutzutage muss man eben flexibel sein, wenn ein gutes Angebot reinkommt“, sagt sie.

          Die Erklärung ist ungefähr so plausibel wie die nicht entfernte Blutlache unter dem Fenster, aus dem der Müllmann gestoßen wurde. Stichhaltigkeit ist bei Wilsberg aber bekanntlich zweitrangig, dafür sitzen die trockenen Pointen des Detektivs und die Charmeoffensiven des bürokratischen Ekki (Oliver Korittke), der vor Begeisterung für das Müllhandwerk kaum an sich halten kann. Dieses übt er zu Ermittlungszwecken ein paar Tage Undercover aus, und seine Erwartungen werden erfüllt. Zu Songs von ZZ Top düsen die „Könige der Straße“ ihre Abfallroute entlang, werden von Frauen im Morgenmantel ins Haus gewinkt, bergen lebend entsorgte Würgeschlangen mit bloßen Händen und erledigen hier und da noch lukrative Nebenjobs. Die sind natürlich nicht ganz legal, und sosehr Alex auch versucht, ihre neue Chefin zu verteidigen, sieht es doch bald so aus, als gehe es bei Mynstermyll ganz und gar nicht sauber zu.

          Während die Wilsberg-Macher in den letzten Jahren immer mal wieder auch ernste Töne angeschlagen haben, steht die sechzigste Folge ganz im Zeichen der Unbeschwertheit und zelebriert das Zusammenspiel des quirligen Ensembles. Ekki kämpft im Milieu der harten Männer gegen seine Schüchternheit, Overbeck macht sich wichtig, Anna hegt noch immer romantische Hoffnungen, und Wilsberg lässt sich von ihnen durch die Gegend chauffieren. Das haben die Fans der Serie schon oft gesehen, selten aber in dieser pointierten Stimmigkeit. Für Experimente gibt es bei „Wilsberg“ keinen Anlass, die Beliebtheit der Serie gibt aber auch die Freiheit, sie durchaus zu wagen. Vielleicht beim nächsten Jubiläum.

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