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Neues aus dem Silicon Valley : Zu Besuch bei den Herren der Welt

Hand in Hand: Szene aus „Schöne neue Welt - Wie Silicon Valley unsere Zukunft bestimmt“ Bild: ZDF und Martin Ehleben

Claus Kleber und Angela Andersen haben für das ZDF in die Labore des Silicon Valley geschaut. Sie treffen Leute, die die Zukunft der Menschheit programmieren und von ihrer Mission so fasziniert sind, dass einem ganz anders wird. Ein sehenswerter Film.

          Während der Fußball- Europameisterschaft gibt es auch bei ARD und ZDF ein sehenswertes Kontrastprogramm. Es wird nur ziemlich gut versteckt und erst um Mitternacht gesendet. An diesem Sonntagabend zum Beispiel läuft im ZDF einer der interessantesten Filme, die Claus Kleber je gedreht hat. Gemeinsam mit seiner Kollegin Angela Andersen hat der Chef des „heute journals“ sich im Silicon Valley umgesehen, um zu ergründen, wie dort die Zukunft der Menschheit gestaltet wird und was sich diejenigen denken, die einen technischen Fortschritt betreiben, der die Gesellschaft in rasantem Tempo verändert, ohne dass den Menschen Zeit oder Gelegenheit bliebe, darüber nachzudenken oder darauf Einfluss zu nehmen, wie sich ihr Leben wandelt.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Wir sollten nicht daran denken, die Technik aufzuhalten, sagt etwa Astro Teller, sondern, wie sich die Gesellschaft schnell genug anpasst. Eric „Astro“ Teller entstammt der berühmten Wissenschaftler-Familie und leitet seit 2010 „Google X“, also jene Abteilung des Online-Konzerns, in der gefragt wird, warum die Dinge sind, wie sie gerade liegen, und was an ihre Stelle treten könnte. Selbstfahrende Autos? Vor zehn Jahren war das eine utopische Vorstellung, heute stehen die Gefährte, die vom Computer und nicht von Menschenhand gesteuert werden, vor der Serienreife. Und eine ganze Industrie muss sehen, wo sie bleibt. Sebastian Thrun, der diese Entwicklung in Gang setzte, „Google X“-Chef war und heute das Online-Universitätsprojekt „Udacity“ leitet, kann gar nicht genug Beispiele für den die Menschheit beglückenden Fortschritt finden, um das Statement zu untermauern, das alles immer besser wird und alles gut, was aus dem Silicon Valley kommt.

          Sie erschaffen künstliche Wesen

          Den Standpunkt vertreten alle, die Angela Andersen und Claus Kleber in den Zukunftslabors treffen, von Facebook bis zu der Gentechnik-Schmiede Doudna, die dabei ist, künstliche Wesen zu erschaffen. Mit der DNA von Viren fängt es an, mit kompletten Organismen wird es enden. „Die DNA wird redigiert wie ein Word-Dokument“, sagt Kleber. Die Unternehmenschefin Jennifer Doudna meint, sie wünsche sich darüber eine transparente, weltweite Diskussion. Doch die gibt es schon allein deshalb nicht, weil das Silicon Valley das Rennen vom Hasen und vom Igel immer wieder gewinnt. Bevor über gesellschaftliche Folgen auch nur ansatzweise debattiert werden kann, ist die Entwicklung schon da und schafft Fakten. Die Regierung sei langsam und das sei auch einer der Gründe, warum das Silicon Valley so erfolgreich ist, sagt Sebastian Thrun. Man merkt, dass ihm das gefällt. Wirklich fair, sagt er, sei nämlich nur die freie Marktwirtschaft.

          Das Dumme ist nur, dass außer der technischen Elite, die unsere Zukunft programmiert, alle anderen arbeitslos werden, auch die bestens Ausgebildeten, die sich heute noch nicht träumen lassen, dass sie sehr bald durch Computerprogramme und Roboter ersetzt werden: Makler, Anwälte, Ärzte, sie alle werden überflüssig. Kein Wunder also, dass in den Konzernzentralen des Silicon Valley so viele Gefallen an einem bedingungslosen Grundeinkommen finden. Mit Arbeit werden die Menschen ihren Lebensunterhalt nämlich nicht mehr verdienen können. Es sei denn, sie freunden sich mit dem Dasein eines Arbeitssklaven an, wie es der Uber-Fahrer führt, den Angela Andersen und Claus Kleber treffen. Er arbeitet achtzehn Stunden am Tag, schläft in seinem Auto und kommt nur so eben über die Runden.

          Andersen und Kleber schildern das alles mit einer Mischung aus Faszination und Skepsis. Die einzelnen Gesichtspunkte, die sie erörtern, dürften für die Interessierten nicht unbedingt neu sein, aber so stringent erzählt und optisch geschmeidig ins Bild gesetzt (als Leitmotiv prescht ein digital animiertes Einhorn durch die Szenerie), hat man das im Fernsehen selten. Man bekommt auch mit, wie beseelt diejenigen sind, die die Zukunft der Menschheit zu programmieren glauben. Andersen und Kleber sprechen von einer „Silicon-Valley-Religion“. Man könnte es auch eine Sekte nennen.

          „Die Kräfte die hier entfesselt wurden, sind nicht mehr zu stoppen“, heißt es im Film, „vielleicht sind sie noch zu steuern.“ Sind sie das? Andersen und Kleber scheinen das uns - den Europäern -, zuzutrauen, die Veränderungen nicht so „vergötterten“ und einen schärferen Blick dafür hätten, „wie untrennbar verwoben Verheißung und Gefahr im Fortschritt sind“. Es sei „dringend, nachzudenken, bevor Unwiderrufliches geschieht. Aber Bremsen allein wird nicht reichen.“ Das dürfte stimmen. Aber wir würden einmal wetten: Das Unwiderrufliche ist im Silicon Valley schon längst im Gange.

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