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ZDF-Dreh „Ku’damm 56“ : Die Fünfziger sind nicht, was sie mal waren

  • -Aktualisiert am

Die vier von der Tanzstelle: Emilia Schüle, Sonja Gerhardt, Claudia Michelsen und Maria Ehrich. Bild: ZDF

Das ZDF nimmt sich die Nachkriegsgeschichte der Bundesrepublik vor. In dem Dreiteiler „Ku’damm 56“ wird eine Tanzschule zu dem Ort mit dem richtigen gesellschaftlichen Drehmoment. Ein Setbesuch in Berlin.

          Sonja Gerhardt steigt zum fünften Mal auf die Leiter, und zum fünften Mal fällt ihr die Girlande, die sie für eine Hochzeit an die Decke nageln will, um den Hals von Sabin Tambrea, der nonchalant durch die Schwingtür der alten Tanzschule tritt. Die vom Scheinwerferlicht erhitzte Luft ist zum Schneiden. Alle paar Minuten wuseln Maskenbildnerinnen zwischen den Schauspielerinnen herum, pudern Gesichter nach und korrigieren ihre Frisuren. Bei gefühlten vierzig Grad fächeln sich ebenso viele Komparsen Luft zu. Wortlos warten sie in den Gängen auf ihren Einsatz als Tanzschüler in der nächsten Szene. Manche befürchten, dass jeden Moment jemand umkippen könnte.

          In einem Ufa-Studio südlich des Tempelhofer Felds wird der Dreiteiler „Ku’damm 56“ gedreht, der im nächsten Frühjahr vom ZDF ausgestrahlt werden soll. Sowohl für den Produzenten Nico Hofmann als auch für den Sender ist es einer der aufwendigsten und damit auch teuersten Filme des Jahres. Noch ist „Ku’damm 56“ ein Arbeitstitel, doch schon jetzt, während der Dreharbeiten, wird die Produktion immer wieder mit dem Kriegsepos „Unsere Mütter, unsere Väter“ verglichen, mit dem Hofmann vor zwei Jahren selbst international Aufsehen erregte.

          Psychologische Nachwirkungen des Kriegs

          Für Sonja Gerhardt ist „Ku’damm 56“ eine besondere Produktion. Die Einundzwanzigjährige spielt Monika Schöllack. Deren Mutter Caterina (Claudia Michelsen) steckt ihr gesamtes Geld in eine Tanzschule. Die Schöllack-Wohnung, Typ Eiche rustikal, steckt noch voller Reminiszenzen an den Familienvater, der nicht aus dem Krieg zurückkehrte und in Ost-Berlin bei einer anderen Frau lebt. Anders als ihre beiden Schwestern wird Monika den Konventionen der Nachkriegszeit nicht gerecht. Sie ringt um die Anerkennung ihrer strengen, beinahe verbitterten Mutter, die alles dafür tut, ihre Töchter an den Mann zu bringen. In der Tanzschule ihrer Mutter lernt Monika den Musiker Freddy kennen, der ihr den Rock ’n’ Roll zeigt. Monika verfällt dem Tanz und später dem Unternehmersohn Joachim Franck (Sabin Tambrea). Beide Liebschaften dienen ihr in der beengenden Biederkeit als Ventil. Abseits der geltenden Moralvorstellungen entdeckt Monika die Sexualität. Mit ihren Vorstellungen von der freien Liebe ist sie ihren beiden Schwestern etwa ein Jahrzehnt voraus.

          Uwe Ochsenknecht zeigt als Tanzlehrer Fritz Assmann wo es lang geht.

          Ursprünglich sollte der Film in einem Berliner Hotel spielen, was jedoch der Erfolg des ZDF-Dreiteilers über das Hotel Adlon vor zwei Jahren verhinderte. Die Idee, ihre Geschichte in einer Tanzschule anzusiedeln, kam Annette Hess beim Abschlussball ihrer Tochter: „Das ist das perfekte Setting, um den explosiven Konflikt zwischen der prüden Moralvorstellung und der Sehnsucht nach Werten zu erzählen.“ Der Plot steuert indes recht absehbar auf die Konfrontation zwischen der konservativen Mutter und ihrer rebellischen Tochter zu. Die politischen Entwicklungen spielen bei diesem historischen Spielfilm eine viel weniger offensichtliche Rolle als bei „Unsere Mütter, unsere Väter“ oder der Serie „Weissensee“. Die Figuren haben zwar sichtlich mit den sozialen und psychologischen Nachwirkungen des Kriegs zu kämpfen, doch die politischen Gegebenheiten wie die Teilung Berlins oder der wirtschaftliche Aufschwung werden nur en passant miterzählt.

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