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ZDF-Melodrama : Bis die Lawine rollt

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Der Lehrer Eugenio (Jason Löwenberg) gehört zu den Verschütteten des Lawinenunglücks. Bild: Christian Schramm

Für den Regisseur Reinhold Bilgeri ist der Film „Der Atem des Himmels“ eine Herzensangelegehiet gewesen. Doch er produziert nur Katastrophen-Kitsch.

          Wenn der Berg ruft, muss der Mensch gehorchen. Erhebung über die Natur kann im Handumdrehen zu fürchter licher Vernichtung führen. Der Berg ruft zur Bewährung auf. Wer an ihm scheitert, verliert Leben und Ehre. Lektionen, die uns Luis Trenkers Bergfilme gelehrt haben. Bergdramen sind gewöhnlich auch moralische Erzählungen. Auch der Film „Der Atem des Himmels“ ist ein klassisches Bergdrama, aber dabei bleibt es nicht. In epischer Ausführlichkeit schildert der Film die ländlich-sittlichen Irrungen und Wirrungen, welche die verwitwete Adlige Erna von Gaderthurn („Von ist bitte gestrichen, mit Verlaub. Wir haben alles verloren, auch das ,von‘“) 1953 und 1954 nach dem Tod ihres Vaters in dem Vorarlberger Dorf Bruns besteht. Und das ist mehr Ganghofer als Trenker, wenn nicht gar Lore-Roman und Hansi Hinterseer, verlegt in die Fünfzigern.

          Im Januar 1954 fanden im Großen Walsertal bei der schlimmsten Lawinenkatastrophe Österreichs (noch wartete man auf den Staatsvertrag zur Gründung der Zweiten Republik) in Bruns 57 Menschen den Tod. Hunderte wurden verschüttet, bei der Bergung der Verletzten halfen die amerikanischen Streitkräfte unter anderem mit Helikoptern. „Der Atem des Himmels“ beginnt mit dem Lawinen abgang und schildert in einer langen Rückblende chronologisch die sechs Monate zuvor. Durchaus filmtraditionsbewusst geht es um das moralische Versagen, welches das Ausmaß der Tragödie erst ermöglicht haben soll.

          Eugenio (Jaron Löwenberg), der Dorfcharmeur und Jazzsaxophonist, wandert mit Erna (Beatrice Bilgeri) durch die Berge.

          Aus Profitgier vernachlässige er den Lawinenschutz, wirft dem charmanten wie politisch biegsamen Baron von Kessel (Gerd Böckmann) schon Monate vor der Katastrophe der umweltbewusste Luftikus Eugenio Casagrande (Jaron Löwenberg) vor, seines Zeichens Lehrer und Jazzsaxophonist. Als Erna von Gaderthurn, angetan mit Seidenkleidern, hochhackigen Schuhen und Sonnenschirm, im Dorf erscheint, um als Lehrerin ihr Brot zu verdienen, entflammen die Herren für sie. Während beide auf ihre je eigene Art werben, verlegt sich der männliche Teil der Ortsansässigen aufs Stielaugenmachen, der weibliche übt sich in übler Nachrede. Aber anpacken, das kann sie ja. Sogar freiwillig. So erwirbt man sich Respekt.

          In Hochglanzbildern, untermalt von schmalziger Musik, zeigt sich „Der Atem des Himmels“ als süßliches Bergdrama und Katastrophenkitsch. Durchgehend spricht Erna von Gaderthurn aus dem Off mit dem verstorbenen „lieben Papa“, bläst sich die widerspenstige Stirnlocke aus dem Gesicht und vertritt ihren Eigensinn charmant, aber unnachgiebig gegenüber den Dörflern wie auch gegenüber der bornierten Mutter des Barons. Da hat man längst begriffen: Hier geht eine Frau ihren Weg. Das Drehbuch, das Reinhold Bilgeri nach seinem eigenen Bestsellerroman verfasst hat, zeichnet alle Charaktere eher grob, die Bilder schwelgen bis zur Katastrophe in Fünfzigerjahre-Heimatfilm-Panoramen. Für Bilgeri, so ist zu erfahren, waren Buch und Film eine Herzensangelegenheit, weil sie die Geschichte seiner Mutter nachzeichnen. Als Romanautor, Drehbuchverfasser, Regisseur und Produzent in Personalunion hat er sich schlicht übernommen. Die Hauptfigur der Erna von Gaderthurn spielt seine Frau Beatrice Bilgeri. Vom Erhabenen der Bergwelt ist wenig zu sehen. Es bleibt bei Postkartenansichten. So ist der Film das Zeugnis einer großen familiären Zuneigung. Der Stoff hätte mehr hergegeben.

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