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„Herr und Frau Bulle“ im ZDF : Da knistert nichts mehr

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Und das soll nun Tango sein: Yvonne (Alice Dwyer) und Heiko Wills (Johann von Bülow) Bild: ZDF

Hart und zart ermitteln in Berlin: In der ZDF-Krimiserie „Herr und Frau Bulle“ räumt ein ungleiches Ermittler-Paar in einer eindimensionalen Hauptstadt und einer ebensolchen Ehe auf. Doch der Reiz hält sich in Grenzen.

          Die neue Krimiserie „Herr und Frau Bulle“ ist ein Hingucker. Warum? Weil sie auf bisweilen unfreiwillig komische Weise zeigt, wie sich der öffentlich-rechtliche Familiensender ZDF wertkompatible Frivolität und Verruchtheit zur Primetime vorstellt. Die oberflächenglänzende Bildästhetik in der Auftaktfolge „Tod im Kiez“ ist Luxusparfüm-Werbespots zum Verwechseln ähnlich (Kamera Timo Moritz). Als Wiedergänger von Nicole Kidman und Tom Cruise („Eyes Wide Shut“) tummeln sich „Herr und Frau Bulle“ Yvonne und Heiko Wills (Alice Dwyer und Johann von Bülow) auf einer pseudoorgiastischen Maskenveranstaltung. Sie trägt Negligé aus roter Seide und gefährlich hohe Schuhe, er führt sie gentlemanlike auf unbekanntes Terrain. Nämlich in ein verplüschtes Retroboudoir mit Zimmerpalme im Berliner Abbruchhaus; draußen zieht sich der Strich, auf dem sich geschlechtsangepasst Operierte feilbieten, was aber erst später für die Mordermittlung interessant werden wird.

          Wer „Babylon Berlin“ gesehen hat, schaltet womöglich jetzt schon ab. Einstweilen aber treiben es am Rand der Tanzfläche Verkleidete, in der Mitte erklärt der Gatte der Gattin und dem Zielpublikum sein Begehr als Idealvorstellung des Abends: „Tango ist Sex auf der Tanzfläche.“ Muss erotisch reichen, ins Bett geht dieses Paar trotz behaupteter Abenteuerfreude nur in den eigenen Laken. Als im Konzertflügel eine nackte Leiche mit großen Brüsten gefunden wird, rücken die Kollegen mit fiesen Kommentaren an. Nur Kriminaldirektor Pede (Stephan Bissmeier) hält sich mit witzig gemeinten Sprüchen zurück und schiebt den glücklich Verheirateten die Aufklärung zu.

          Zu Berlin fällt „Herr und Frau Bulle“ nichts eigenes ein

          In Nullkommanichts haben die Willsens so ihren ersten gemeinsamen Fall an der Backe, zu dem später noch Yvonnes durchtrainierter Mitarbeiter des Monats, Kevin Lukowski (Tim Kalkhof), und die überkorrekte Assistentin Heikos, Diane Springer (Birge Schade), stoßen. Fertig ist das Quartett der Gegensätze vom Drehbuchreißbrett (Buch Axel Hildebrand, Regie Till Franken). Bis dahin knistert höchstens das Auswickelpapier der dringend benötigten Fernsehbegleitnaschereien.

          Später knistert dann gar nichts mehr. Bernd Michael Lade gibt einen Tanzbodenveranstalter der schmierigsten Art mit ellenlangem Vorstrafenregister, Heinz Hoenig den halbpensionierten Rockerkönig mit Fußfessel, Florian Lukas seinen verschlagenen Sohn. Es treten auf ein dänischer Miethai mit Großimmobilienambitionen, diverse „Transen“ mit Glitzerleggings aus dem Mainzer Karnevalsfundus, zottelige Obdachlose und delirierende Junkies, weitere Tote und ein Innensenator (Walter Kreye) mit gepanzerter Limousine. Zu Berlin fällt „Herr und Frau Bulle“ nichts eigenes ein. Dabei hätte man sich durch Lars Beckers „Nachtschicht“ inspirieren lassen können. Auch die Clankriminalitätsserie „4 Blocks“ wäre nützlich gewesen. Meret Becker und Mark Wascke vom Berliner „Tatort“ hätte man als Berater hinzuziehen können.

          Doch hier geht es allein um die zentrale Pointe des ermittelnden Ehepaars. Yvonne ist die Harte, Heiko der Zarte. Oder: Yvonne ist der Körper, Heiko der Kopf. Sie kennt sich in der Unter- und Halbwelt bestens aus, verfügt über Straßenweisheit und dubiose Verbindungen, scheut selbst Illegales nicht. Er ist der Typ überkorrekter Fallanalytiker mit Psychologenweisheit und abseitigen Schlussfolgerungen, die sich dann aber als genau richtig herausstellen (müssen). Beide Figuren haben wenig Tiefe, und man hätte Alice Dwyer und Johann von Bülow, die sich rasend abmühen, wirklich Besseres gewünscht. In der Auftaktfolge aber sieht „Herr und Frau Bulle“ bloß uninspiriert und eindimensional aus. Was umso erschütternder wirkt, weil Eikon Media, die Produktionsfirma der Reihe, zuvor mit „Unter Verdacht“ mit Senta Berger eine der feinsten Krimireihen hervorgebracht hat.

          Herr und Frau Bulle, heute, 20.15 Uhr im ZDF.

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