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„Ostfriesensünde“ im ZDF : Soko Mauerbau

  • -Aktualisiert am

Ann-Kathrin Klaasen (Christiane Paul) wird vom dramatischen Tod ihres Vaters verfolgt. Bild: ZDF und Sandra Hoever

Der Ostfriesenkrimi-Reihe des ZDF mit Christiane Paul als seherisch begabter Kommissarin geht die Puste aus: Die neue Folge ist eine Enttäuschung ohne Pointe.

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          Was macht ein Ostfriese bei Stromausfall? Er holt ein paar Kilo Watt. Weshalb zieht ein Ostfriese ein Seil von Emden nach Leer? Schieben geht nicht. Warum schreibt ein Wahl-Ostfriese Ostfriesenkrimis, in denen kein einziger Ostfriesenwitz vorkommt, dafür aber mehr Schmerz und Düsternis als in jedem Skandinavien-Schocker? Weil er witzig sein will. Bestsellerautor Klaus-Peter Wolf hat jedenfalls gut lachen: Seine Serie rund um die – selbstverständlich unkonventionelle – Ermittlerin Ann-Kathrin Klaasen, die am nicht ganz so originellen Ermordeter-Vater-Trauma laboriert („Die Täter laufen immer noch frei rum“), ist brutal erfolgreich.

          Das ZDF in seiner ewigen Angst, trotz der etwa vierzig Krimireihen von der ARD als Blaulicht-Sender abgehängt zu werden, lässt die Romane seit zwei Jahren mit einer dauerleidenden, schrecklich präkognitionsbegnadeten Christiane Paul in der Hauptrolle verfilmen. Die ganz soliden Produktionen „Ostfriesenkiller“ und „Ostfriesenblut“ haben dem Sender, der Plattlandkrimis sonst gern mit Komik verbindet, das Etikett „Makaber jetzt auch im Norden“ eingebracht. „Ostfriesensünde“ will daran anschließen, aber ach, nun wird das Seil doch wieder geschoben.

          Dramaturgisch hölzern

          Schriftsteller Wolf, der selbst einige psychologisch durchwachsene „Polizeiruf 110“- und „Tatort“-Drehbücher verfasst hat, überließ die Aufgabe, seine Vorlage zu einem Neunzigminüter zu verhackstücken (in dem ja auch noch Zeit für Meer, Felder und Deiche sein muss), wie beim ersten der Filme Florian Schumacher. Aber es muss einen Stromausfall im Writers Room gegeben haben, anders ist das Ergebnis nicht zu erklären. Dass ein offenbar misogyner Knilch eine junge Frau lebendig einmauert und im dunklen Verlies elend krepieren lässt, nehmen wir noch hin. Wir haben uns schließlich an die irrsten Bildschirmpsychopathen gewöhnt. Mit welcher Einfallslosigkeit die Kernhandlung dann aber ausgefaltet wird, das verblüfft ebenso wie die drögen Nebenstränge.

          Die Kommissarin spricht mit ihrem toten Vater: Christiane Paul und Ernst Stötzner in „Ostfriesensünde“.

          Ann-Kathrin, ihr verlässlicher Kollege/Lebensgefährte Frank Weller (Christian Erdmann) und der coole, neidische Rupert (Barnaby Metschurat) haben es zunächst mit nur einer mumifizierten Leiche zu tun. Dramaturgisch hölzern – die „Soko Maurer“ (Stephan Zinner) schaltet sich ein – wird daraus eine ganze Serie. Und just in diesem Moment verschwindet eine weitere junge Frau. Nach bekanntem Strickmuster und wüstem Zufallsmanagement sind bald Verdächtige ausgemacht: der sich in Widersprüche verstrickende Exfreund (Jan-Peter Kampwirth) der Entführten, ein windiger Freikirchen-Evangelikaler (Jan Georg Schütte) und ein entschwundener Arzt (Jörg Pose).

          An Kreativitätsverweigerung grenzen die Dialoge der Kommissarin mit dem Geist ihres Vaters (Ernst Stötzner): „Du hättest nichts tun können, mein Mädchen.“ Kaum realistischer wirken die Spannungen im Team angesichts der Frage, ob Ann-Kathrin so gut ist wie ihr Ruf. Da erreicht der Film seinen Tiefpunkt. Es gab viele peinliche Einfühlungssequenzen in psychoanalytisch aufgeweichten Krimis, aber diese Produktion in der Regie von Rick Ostermann setzt Maßstäbe: Weil der Heldin im Mumienzimmer und beim VR-Brillen-Gang durch einen weiteren Leichenkeller keine Idee kommt, lässt sie sich kurzerhand selbst einmauern. Die magere Einsicht: „Man wird vollkommen auf sich zurückgeworfen.“ Ann-Kathrin ahnt dann zwar – aus dem Nichts – das wahre Motiv, aber das hat sich parallel auch anderweitig ergeben. Der ganze Hokuspokus war für die Katz.

          Die Auflösung des Falls ist dermaßen meschugge, dass sich „Ostfriesensünde“ wegen seiner angestrengten Ernsthaftigkeit doch als schlechter Witz erweist. Die schwache Inszenierung – weites Land im Kontrast zur klaustrophobischen Enge der Innen- und Verliesaufnahmen; redende Köpfe; schlaff aufgesagte Texte (nur Barnaby Metschurat besitzt Energie); Musiksoße – tut ein Übriges, um einen Film hervorzubringen, der für das steht, wovon sich das mumifizierte deutsche Alltagsfernsehen schnellstens entfernen sollte, wenn es gegen die gewaltige Serienkonkurrenz bestehen will. Mauer drum und vergessen.

          Ostfriesensünde, um 20.15 Uhr im ZDF

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