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ZDF-Krimi „Walpurgisnacht“ : Mord an der Grenze

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Dienst ist Dienst: Jörg Schüttauf, Roland Zehrfeld und Silke Bodenbender spielen die Ermittler. Bild: ZDF und Julie Vrabelova

Das ZDF hat sich einen ost-westdeutschen Kriminalfall anno 1988 im Harz ausgedacht: „Walpurgisnacht“. Trotz Annäherungen gestalten sich die Ermittlungen problematisch.

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          „Nicht aufgeklärt“: Ein simples Ankreuzen auf einem Polizei-Informationsformular mit weitreichenden Folgen. Grund ist der Todessturz einer jungen Frau aus dem Hessischen. Sie hatte ein Stelldichein mit dem Sohn des SED-Kreisstellenleiters Egon Pölz (Godehard Giese), Ronny (Theo Trebs). Das Mädchen und Ronny planten offenbar seine Flucht. Nun lässt der Vater und Funktionär Beweise verschwinden. Er und nur er schreibt schließlich die Chronik der Ereignisse hier im Harz. Berlin ist weit und Gorbatschows Macht vorerst nur eine Chimäre. Dienststellenleiter Lothar Wieditz (Jörg Schüttauf), abgesandt aus Wernigerode in die Provinz, beschwichtigt seinen Polizeikollegen vor Ort: Nur ein Unfall einer Westtouristin, Vorgang abzuschließen wie immer. Aber Karl Albers (Ronald Zehrfeld), DDR-Volkspolizist im Dorf unweit des Todesstreifens an der schwerbewachten Zonengrenze, setzt sein X an die unerhörte Stelle und löst damit unfreiwillig die Wiedervereinigung aus.

          Zumindest die Begegnung zwischen der Abgesandten des LKA Wiesbaden und ihm selbst, und die Folge sind Glasnost und Perestroijka im hintersten Winkel der Weltgeschichte – und die erste grenzüberschreitende Ermittlung im Fall eines frauenhassenden Serienkillers in der DDR. 1988, anderthalb Jahre vor dem Fall der Mauer. „Das ist die neue Annäherung“, vermutet Kriminalrat Brehm (Stefan Merki), der mit der zurückhaltenden LKA-Fallanalytikerin Nadja Paulitz (Silke Bodenbender) seinen „besten Mann“ in den Osten schickt und Vorsicht und diplomatisches Fingerspitzengefühl anmahnt. Dass seine Ermittlerin nach traumatischen Erfahrungen gerade erst wieder den Dienst angetreten hat, ist nicht gerade hilfreich.

          Es hätte so sein können wie im Zeitgeschichtsthriller „Walpurgisnacht – Die Mädchen und der Tod“ ausgedacht: Seine Aufnahme des historischen Moments des bröckelnden Stillstands vor dem Sturm ist insbesondere im Szenen- und Kostümbild (Adéla Haková und Simona Rybáková) ansehnlich. Die Fassade der Kneipe „Hexenbräu“ wirkt fadenscheinig, in der Kirche verstauben Altar und Bänke, die Interieurs, Frisuren und Kleidung im Ostjeanslook zeigen den Willen zum sprechenden Symbol. Atmosphäre ist die Sache des Regisseurs Hans Steinbichler, der sich seit „Hierankl“ dem nüchtern-abgründigen Heimatfilm in besonderer Weise verschrieben hat, und sie zeigt sich auch in diesem 180-Minüter.

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          Im „Hexenbräu“ findet die Wahl zur „Miss Harz 88“ statt, geraucht wird wie verrückt, der Tankstellenbetreiber und Teilzeit-Erotikfotograf Alexander (David Schütter) lichtet junge Frauen ab und träumt von einer Zukunft mit der feschen Steffi (Zsá Zsá Inci Bürkle). In der einzigen Pension knarzen derweil in der Nacht die Dielen schreckenerregend. Auf dem Dachboden schnitzt der geistig eingeschränkte Jörg Spengler (Adam Venhaus) Hexenfiguren und wird von bösen Ahnungen von Schuld und Sühne heimgesucht.

          Profilerin Paulitz und die Ost-Polizisten stecken bald fest, als nacheinander die Teilnehmerinnen der Misswahl ermordet werden. Und obwohl die Stasi höchst alarmiert sein müsste, wird der Fall immer mehr zur alleinigen Ost-West-Verbindung von Albers (Zehrfeld) und Paulitz (Bodenbender). Anders als etwa „Mord in Eberswalde“, ein Film, der sich den realen Fall des Jungenmörders Hagedorn zum Vorbild nimmt, wird „Walpurgisnacht“ besonders im zweiten Teil zum reinen Kriminalduell, das auf übliche Serienkillermuster setzt und von der Vorwendezeit nur das Ambiente borgt (Buch Christoph Silber und Thorsten Wettcke, Kamera Christian Marohl).

          Silke Bodenbender und Ronald Zehrfeld (die schon in „Stunde des Wolfes“ gemeinsam im Erzgebirge-Glasbläsermilieu deutsche Sagen aufarbeiteten) und Jörg Schüttauf, dem man den plötzlich aus der jovialen Rolle fallenden Ostpolizeimann gleichwohl gern abnimmt, spielen das wie anderswo schon gehabt. Nur David Schütter stiehlt ihnen die Schau. Zum Ende hin ist der Film ein weiteres Beispiel für die ZDF-„Kann, muss aber nicht“-Krimischublade. Zumal die Auflösung zuletzt in gleich zwei „Tatorten“ vorweggenommen wurde.

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