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„Nachtschicht“-Krimi im ZDF : Wer zuletzt lacht, löst den Fall

Haben Sie dafür eine Erklärung? Die Kommissare Yannick Kruse (Christoph Letkowski, links) und Erich Bo Erichsen (Armin Rohde, Mitte) hätten von dem Comedian Jacky Herbst (Jürgen Vogel) gern gewusst, wer seinen Ferrari zu Schrott gefahren hat. Bild: ZDF und Georges Pauly

Lars Beckers „Nachtschicht“ im ZDF ist nicht zu schlagen. Diesmal geht den Kommissaren ein Verdächtiger nach dem anderen durch die Lappen. Sie sind fast immer zu spät , nur am Ende nicht.

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          Ein Mann betritt die Bühne. Eher widerwillig stellt er sich vor. Sein Name sei Kommissar Erichsen von der Hamburger Kriminalpolizei und nun - sei die Show leider vorbei: „Ihr könnt nach Hause gehen.“ Das Publikum im Saal johlt. Es hält die Aufforderung für einen Gag. Erst recht, als der Kommissar, dem nach Scherzen nicht zumute ist, den Satz wiederholt und sich nicht anders zu helfen weiß, als sich wie Rumpelstilzchen im Kreis zu drehen und zu singen: Die Vorstellung ist aus, aus, aus, „ihr könnt nach Hause gehen“. Für den Auftritt würde ihn der Manager des Künstlers Jacky Herbst, der jetzt eigentlich im Rampenlicht stehen müsste, gerne gleich verpflichten. Doch daraus wird nichts. Hinter der Bühne ist ein Mord geschehen, und bevor der nicht aufgeklärt ist, gehen die Kommissare der „Nachtschicht“ nicht ab.

          Michael Hanfeld
          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Von besonderem Witz sind die „Nachtschicht“-Filme von Lars Becker seit jeher. Es ist ein trockener, makabrer, trotziger Humor, ohne den die Figuren dieser einzigartigen ZDF-Serie, die mit jeweils einem Stück pro Jahr aufwartet, gar nicht denkbar sind und ohne den die Kommissare der „Nachtschicht“ ihren Dienst schwerlich bewältigten. Diesmal, in der Episode „Ladies first“, geht es - vordergründig - nur um Komödie beziehungsweise deren aktuelle Spielart namens „Comedy“. Es geht um den Comedian Jacky Herbst (Jürgen Vogel), der zuerst in einen schweren Unfall und dann in eine Mordserie verwickelt ist. Es geht um die Krankenschwester Emma Graf (Nora von Waldstätten), die von einer Karriere in der Unterhaltung träumt. Es geht um die Härte, die das Geschäft mit dem Frohsinn ausmacht und die der Manager Leo Strootmann (Henry Hübchen) sich durch permanenten Cannabis-Konsum schönraucht. Und es geht um Rache für ein Verbrechen, dessen Opfer im Koma liegt.

          Auftritt zum siebzigsten Geburtstag des Schauspielers: Henry Hübchen (links) ist in der Rolle des Managers Leo Strootmann in der „Nachtschicht“ in einer üblen Lage. Dafür sorgt der Dealer Marvin Weber (Alexander Scheer).
          Auftritt zum siebzigsten Geburtstag des Schauspielers: Henry Hübchen (links) ist in der Rolle des Managers Leo Strootmann in der „Nachtschicht“ in einer üblen Lage. Dafür sorgt der Dealer Marvin Weber (Alexander Scheer). : Bild: ZDF und Georges Pauly

          Das alles wird von dem Regisseur und Drehbuchautor Lars Becker in gewohnter Manier mit etlichen Kaskaden zu einem spannenden Fall verschraubt, in dem die Kommissare Erich Bo Erichsen (Armin Rohde) und Yannick Kruse (Christoph Letkowski) einen neuen Rekord aufstellen. Zuerst entwischt ihnen der eine Hauptverdächtige, der Drogendealer Marvin Weber (Alexander Scheer), den nächsten lassen sie gleich zweimal laufen. Ihr Chef Ömer Kaplan (Özgur Karadeniz) fasst es nicht, doch kann er seinen Leuten nicht einmal einen Vorwurf machen. Der Irrwitz, mit dem sie jeweils nur knapp zu spät kommen oder danebenliegen, hat Format. Die Kommissarinnen Lisa Brenner (Barbara Auer) und Mimi Hu (Minh-Khai Phan-Thi) machen es etwas besser, ihnen geht bei der Mördersuche, die sie auf die Intensivstation des Krankenhauses führt, auf der Emma Graf arbeitet, deren verdächtiger Ehemann nur fast durch die Lappen.

          Zum vierzehnten Mal versammelt Lars Becker seine eingeschworene Stamm-Crew zur „Nachtschicht“, zum vierzehnten Mal bietet er eine beeindruckende Phalanx von Gast-Stars auf, und wirklich nichts deutet darauf hin, dass Beckers seit 2003 laufendes Experiment, in seinen Krimis jeweils die Geschichte einer Nacht zu erzählen, an Fahrt und Farbe, an schauspielerischen Miniaturen und beiläufiger Gesellschaftskritik verloren habe. Im Gegenteil hat man den Eindruck, es gehe jetzt erst richtig los. Der größte Witz dieser Episode ist selbstverständlich der vom Beginn, zu dem sich Armin Rohde als Kommissar nicht auf die Bühne traut: „Ich, da draußen auf der Bühne? Das fehlt noch!“ Nein, fehlt nicht. Wen anderes als diesen Schauspieler kann man sich vorstellen, wie er aus dem Stegreif und im Handumdrehen das Publikum für sich gewinnt?

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