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ZDF-Intendantenwahl : Liebesgrüße aus Mainz

Bitte lächeln: Ministerpräsidentin Malu Dreyer (SPD) gratuliert Norbert Himmler zur Wahl. Bild: dpa

Norbert Himmler ist zum ZDF-Intendanten gewählt worden. Seine Wahl wirft die Frage auf: Hat der unabhängige öffentlich-rechtliche Rundfunk gesiegt oder gerade nicht?

          4 Min.

          Das ZDF hat einen neuen Intendanten. Im März des kommenden Jahres tritt Norbert Himmler die Nachfolge von Thomas Bellut an. Dass der Programmdirektor zum Senderchef aufsteigt, war lange Zeit erwartet worden. Doch dann stand es plötzlich spitz auf knapp. Eine Gegenkandidatin tauchte auf, und die schlug sich bei der Wahl an diesem Freitag sehr achtbar. Im zweiten von drei Wahlgängen im ZDF-Fernsehrat bekam die ARD-Hauptstadtstudiochefin Tina Hassel von sechzig Stimmen 28, auf Himmler entfielen 32 Stimmen. Dann zog Hassel ihre Kandidatur mit großer Geste zurück. Sie wolle, dass aus einer kleinen Mehrheit für ihren Konkurrenten eine große werde, gehe es ihnen beiden doch gemeinsam um eines: einen starken öffentlich-rechtlichen Rundfunk. So sagte es die Kandidatin. Sie reite erhobenen Hauptes vom Hof. Großer Applaus, dritter Wahlgang, 57 Stimmen für Norbert Himmler, eine Gegenstimme, zwei Enthaltungen. Er bedanke sich für das Vertrauen und nehme die Wahl an, sagte Himmler, sichtlich mitgenommen. Sein Anzug war, meinte man aus der digitalen Ferne bei der anschließenden Pressekonferenz zu erkennen, durchgeschwitzt.

          Michael Hanfeld
          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Was für ein Wahltag! Lesen kann man ihn auf zweierlei Weise. Man könnte denken, die Fernsehräte des ZDF hätten den Beweis für gelebte Rundfunkdemokratie angetreten. Zwei würdige Kandidaten treten vor, präsentieren souverän ihr Programm, erst die eine, dann der andere; erst in dem einen „Freundeskreis“ des Wahlgremiums, dann in dem anderen und schließlich im Plenum. Ein Kopf-an-Kopf-Rennen resultiert daraus, im ersten Wahlgang steht es 34 zu 24 für Himmler, im zweiten holt Hassel auf 28 zu 32 auf, um dann generös zurückzutreten, zur höheren Ehre des öffentlich-rechtlichen Rundfunks.

          Tina Hassel, Leiterin des ARD-Hauptstadtstudios, hatte ihre Kandidatur zurückgezogen.
          Tina Hassel, Leiterin des ARD-Hauptstadtstudios, hatte ihre Kandidatur zurückgezogen. : Bild: WDR/Max Kohr

          Man könnte diesen Freitag in der Mainzer Rheingoldhalle, in die der Fernsehrat zur Abstandswahrung in Pandemiezeiten umgezogen war, allerdings auch anders interpretieren. Man könnte meinen, dies sei eine Machtdemonstration und der Beweis dafür, dass die alten Zeiten, in denen die politischen Parteien im ZDF und in der ARD den Ton angaben und vor allem über Personalpolitik ihre Macht ausübten, nicht vorbei sind. Das fing mit dem Einzug der Vorsitzenden des ZDF-Verwaltungsrats, der rheinland-pfälzischen Ministerpräsidentin Malu Dreyer (SPD), in den Versammlungssaal an. Sie nahm oben auf dem Podium Platz und hatte alle Fernsehräte im Blick. Es setzte sich fort mit deren Abstimmungsverhalten. 34 Stimmen für Himmler im ersten Wahlgang, 24 für Hassel, zeigten an, dass eine Mehrheit für den ZDF-Programmdirektor in greifbarer Nähe war. Was andeutete, dass er den Rückhalt des „schwarzen“ oder nach seinem Vorsitzenden Jung benannten „Freundeskreises“ zu haben schien. Doch war der im zweiten Wahlgang perdu. Da stimmten nur noch 32 Fernsehräte für ihn. Der andere, der „rote“ oder nach dem Verdi-Vorsitzenden Werneke benannte „Freundeskreis“, zeigte sich hingegen mit 28 Stimmen für Tina Hassel geschlossen. Nun hätte alles auf ein Patt zulaufen können, auf einen dritten Wahlgang, wiederum ohne die nötige Dreifünftelmehrheit von 36 Stimmen. Dann wären beide Kandidaten verbrannt gewesen, man hätte nach einer oder einem Dritten im Bunde suchen und im September neu wählen müssen – eine Erinnerung an die Chaostage im ZDF im Jahr 2002, als Markus Schächter erst nach einer langen Abnutzungsschlacht, bei der viele Kandidaten verschlissen wurden, ins Amt gewählt wurde. Doch dann ging die Kandidatin Tina Hassel erhobenen Hauptes ab, gewissermaßen als Königin der Herzen, unter großem Applaus. Zeit für den großen Umschwung: 57 von sechzig Stimmen in Runde drei für Norbert Himmler, eine Gegenstimme, zwei Enthaltungen, wiederum großer Applaus, der Intendant in spe bedankt sich für das große Vertrauen.

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