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ZDF-Film „Totgeschwiegen“ : Wie zeigt man den Kindern, was Menschen sind?

  • -Aktualisiert am

Entzweit: Esther (Claudia Michelsen) kann zu ihrer Tochter Mira (Flora Li Thiemann) nicht mehr durchdringen. Bild: ZDF und Christiane Pausch

Im ZDF-Film „Totgeschwiegen“ kommt ein Obdachloser ums Leben. Keiner weiß genau, was geschehen ist. Doch bald wird klar, dass drei Jugendliche aus gutem Hause für den Tod verantwortlich sind. Die Reaktionen ihrer Eltern sprechen Bände.

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          Kinder machen Sachen. Das ist so und kann in weniger dramatischen Fällen, sobald sich der erste Ärger gelegt hat, mit einem lebensklugen Zitat aus „Ritter Rost“ aus der Welt geträllert werden: „Oh, diese Kinder, lalalalala, verflucht sei ihr Erfinder.“ Bei dem Vorfall, von dem der ZDF-Film „Totgeschwiegen“ erzählt, ein von der Regisseurin Franziska Schlotterer („Ende der Schonzeit“) wieder gemeinsam mit Gwendolyn Bellmann geschriebenes Drama, bleibt einem vor Entsetzen und Ratlosigkeit allerdings nur noch die Spucke weg: Drei Jugendliche, die sich modisch sehr darum mühen, ihren gymnasialen Hintergrund zu verwischen, warten in der Berliner U-Bahn-Haltestelle „Innsbrucker Platz“ auf den Zug – mit einer Weinflasche an den Lippen und einer Portion Pommes in der Hand.

          Ein Obdachloser mit Hund schlurft herbei. Der Mann torkelt und erleichtert sich unmittelbar neben der Bank, auf dem das Trio hockt. Die Dinge geraten außer Kontrolle, ohne dass genauer zu sagen wäre, was in der Aufregung geschieht. Auf dem Bild der Überwachungskamera, die den Bereich von Sitzbank und Eimer dummerweise ausspart, sind lediglich die Rücken dreier junger Leute zu sehen, die den Tatort verlassen. Wir Zuschauer wissen: Mira (Flora Li Thiemann), Fabian (Lenius Jung) und Jakob (David Ali Rashed) haben den Mann getötet. Sie rennen in ihre warmen Betten zurück – in ein familiäres Umfeld, in dem kaum jemand Jugendliche erwarten würde, die zu einer solchen Tat fähig sind. Zumindest nicht gleich.

          Nicht alles in diesen Familien läuft rund: Mira hat einen Stiefvater (Mehdi Nebbou), der sich gerade beruflich neu erfindet, Jakobs Mutter Nele (Laura Tonke) ist alleinerziehend, und das leere Gesicht von Fabians Mutter Brigitte (Katharina Marie Schubert) nimmt das Auseinanderbrechen ihrer Ehe schon vorweg. Doch das Umfeld, aus dem die Neuntklässler stammen, ist vergleichsweise wohlgesittet und freundlich: Miras Mutter Esther (Claudia Michelsen) ist Ärztin, Fabians Vater Volker (Godehard Giese) Patentanwalt. Jakobs Mutter wiederum gleicht die pekuniäre Unsicherheit, die mit ihrem Job als freiberufliche Übersetzerin verbunden ist, durch ein Doppelmaß an Zuneigung aus. Umso stärker interessiert den Film die Reaktion der Erwachsenen auf die Tat, die vor den Eltern nicht lange geheim gehalten werden kann. Seine Grundidee kennt man aus Sebastian Kos Thriller „Wir Monster“ von 2015 – eine Produktion mit überraschenden Wendungen, Spannung und ambitionierter Kameraarbeit.

          Juristenvater rät zum Stillhalten

          Dergleichen fehlt „Totgeschwiegen“. Aber auch diese Geschichte ist erklassig besetzt (in der Rolle von Miras Stiefvater Jean irritierenderweise mit demselben Mehdi Nebbou, der in „Wir Monster“ den Vater gab). Und das Autorinnen-Duo will ja auch ganz bewusst nicht unterhalten oder originell sein, nicht mal schöne Bilder abliefern. „Totgeschwiegen“ will halbwegs realitätsnah durchspielen, wie sich liebende Eltern in einem Fall wie dem vorliegenden, der von ihren Sprösslingen zunächst als Schubserei mit tödlichem Ausgang dargestellt wird, verhalten würden.

          Die Bandbreite der elterlichen Reaktionen reicht vom warmherzigen Jean, für den der Gang zur Polizei eine Selbstverständlichkeit ist, bis zum Juristenvater mit dickem Schönfelder auf dem Schreibtisch, der aus gegebenem Anlass auf den Rechtsstaat pfeift, ein Knast-Trauma der Kinder prognostiziert und Stillhalten empfiehlt – mit der Frage, was Gefängnisstrafen bei Jugendlichen bewirken, wird sich im Anschluss an den Film noch eine Doku zum Jugendstrafrecht befassen, die unterschiedliche Fälle vorstellt und teils auf Szenen aus „Totgeschwiegen“ zurückgreift.

          Wohlbehütete Kinder ohne Empathie

          Am Ende des Spielfilms rätselt der Zuschauer, wo die Enthemmung der Jugendlichen herkam, die zum Tod des obdachlosen Mannes führte. Auf diese Frage hat „Totgeschwiegen“ keine Antwort, weil es keine einfachen Antworten gibt. Allein das halbe Glas Wein, das Miras Stiefvater dem Trio vor der Fahrt in die Stadt anbot, dürfte die Tat kaum bewirkt haben.

          Wahrscheinlicher und unheimlicher ist, dass die wohlbehütet aufgewachsenen Kinder in dem Obdachlosen keinen Menschen sehen wollten. Ihnen geht jede Empathie ab. „Du weißt ja gar nicht, wie eklig der Typ war!“ bricht es aus einem der Jugendlichen heraus, während die Mutter eines anderen mehr über den Ermordeten in Erfahrung zu bringen versucht. Den Rest besorgte am Tatabend ein Umstand, den ein Präventionsprogramm der Polizei wohl mit dem griffigen Slogan „Messer machen Mörder“ beschreiben würde – Diskussionsstoff noch und nöcher.

          Totgeschwiegen läuft heute um 20.15 Uhr im ZDF. Um 21.45 Uhr folgt die Dokumentation Wenn Kinder Täter werden.

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