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TV-Film „Vertraue mir“ : Nur zu zweit können sie die Bank knacken

Im Zweifel vereint: Julia Koschitz und Jürgen Vogel. Bild: ZDF und Martin Valentin Menke

Im ZDF-Thriller „Vertraue mir“ wissen die Helden nicht: Sind sie Liebende, Komplizen oder Betrüger? Die Geschichte um ein Komplott im Frankfurter Bankenviertel bleibt für alle ein Rätsel.

          Seinen Ex-Freund anzurufen, wenn man in der Klemme steckt, war noch nie eine gute Idee. Sich als per SMS Abservierter und fortan nie wieder Kontaktierter darauf einzulassen, der Verflossenen einen Gefallen zu tun, ebenso wenig. Aber würde Jürgen Vogel es in der Rolle des IT-Fachmanns Marc bei dem „Danke fürs Gespräch“ belassen, mit dem er gleich zu Beginn dieser Rückholnummer aussteigen will, gäbe es keinen Thriller zu erzählen. Und deshalb siegt angesichts des gleichermaßen beherrschten wie angstvoll flackernden Blicks, den Julia Koschitz als Investmentbankerin Elena aufsetzt - und der folgerichtig das Bild eines scheuen Rehs vor Marcs innerem Auge aufblitzen lässt -, der Beschützerinstinkt im Techniker, und das Unglück nimmt seinen Lauf.

          Ursula Scheer

          Redakteurin im Feuilleton.

          Wie alles kaum zwei Tage später endet, erfahren wir gleich zu Beginn des Dramas. Da gleitet die Kamera (The Chau Ngo) über stahlblau im Morgenlicht glänzende Fassaden im Frankfurter Bankenviertel, tastet himmelstürmende Vertikalen ab und ruft schließlich die ganz große Katastrophe auf: Ein Flugzeug nähert sich auf perfekt horizontaler Bahn einem der Bankentürme. Natürlich kracht es nicht in das Gebäude, sondern verschwindet hinter dessen Umrissen, viele Kilometer entfernt, doch die 9/11-Assoziation ist geweckt und vollendet sich in der Silhouette eines auf der gegenüberliegenden Seite des Wolkenkratzers aus großer Höhe fallenden Menschen.

          Von einem Tag auf den anderen verändert sich alles

          Mann? Frau? Das ist nicht zu erkennen, auch der Anblick des Aufpralls bleibt uns erspart. Kleine Glassplitter rieseln auf den Asphalt, eine Polizistin hebt ein Fünfmarkstück auf, und Julia Koschitz sagt aus dem Off: „Menschen, denen du vertraust, drückst du ein Schwert in die Hand, mit dem sie dich verteidigen oder vernichten können.“ Die Münze sehen wir in Elenas Hand wieder.

          Sie wird zum Sündenbock gemacht: Julia Koschitz spielt die Investmentbankerin Elena.

          Die stets kontrollierte Frau steht kurz davor, es ganz nach oben zu schaffen in der Bank, als sich alles verändert. Von einem Tag auf den anderen meidet ihr Chef (August Zirner) sie, Kollegen tuscheln hinter ihrem Rücken, E-Mails verschwinden, Termine platzen. Als Elena auf einen faulen Milliardenkredit stößt, ruft sie Marc zur Hilfe. Dass er als Chef der IT-Abteilung gefeuert und Hausverbot gegen ihn erteilt wurde, weil er die Bank betrogen hat, weiß sie nicht. Am Wachmann (Sascha Alexander Gersak) vorbei schleust sie ihn nachts ins Büro. Von dort hackt Marc das System, entdeckt, dass Elena als Sündenbock für Fehler der Geschäftsleitung herhalten soll, und beide setzen eine Abwehrstrategie aus Daten- und Geldströmen ins Werk.

          Es ist ein Spiel gegen die Zeit, natürlich, sonst wäre es wenig spannend, gemeinsam auf einen Bildschirm zu starren. Der Wachmann riecht Lunte, die Polizei saust durch Straßenschluchten, es wird eng. Doch statt aus dem Kammerspiel ein packendes Locked-in-Drama zu entwickeln, bei dem es atemlos von einem geknackten Code zum nächsten knappen Entkommen geht, verfängt sich „Vertraue mir“ in immer neuen Rückblenden. Jede fragt: Was lief da eigentlich zwischen Elena und Marc, der eiskalten Karrierefrau und dem undurchschaubaren Typen? Und was könnte da jetzt noch laufen? Die erinnerten Momente im Gegenlicht sind freilich wenig geeignet, die Umrisse einer Beziehung zu zeigen.

          Offenbar wurde für die Bankerin mit dem Vater- und Vertrauenstrauma der Job mit der Zeit immer wichtiger. Zur besseren Unterscheidung vom Jetzt-Zustand trägt Elena in den Flashbacks Pferdeschwanz und Pony statt Kurzhaarfrisur und wirkt in einer Szene sogar nahbar verstrubbelt - wenn nach einer Liebesnacht im Auto besagtes scheue Reh das Paar begrüßt.

          Gefhärliche Meinungsverschiedenheit: Jürgen Vogel und Sascha Alexander Gersak im Nahkampf.

          Das sieht gut und symbolgeladen aus, sagt aber wenig. So funktioniert der ganze nach einer Vorlage von Guy Meredith entwickelte und von Franziska Meletzky in Szene gesetzte Film. Er kleidet eine eher dünne Story in Bilder, die mehr versprechen, als sie halten. Die Regisseurin hat mit John-H. Karsten auch das Drehbuch verfasst, dessen Dialoge so minimalistisch ausfallen wie das Spiel, das sie ihre Hauptdarsteller zeigen lässt. Einzig Jürgen Vogel gelingt es, seinem Charakter etwas Irrlichterndes zu geben, selbst wenn er wie alle anderen im Ensemble mit angezogener Handbremse spielt. Julia Koschitz’ Figur raubt das fast jede Lebendigkeit.

          Der große Bankenskandal und die Verzweiflung am System wirken wie bloße Behauptungen, wenn „Vertraue mir“ mit einem Blick auf den Zürichsee schließt. Eine Auszeit ist angesagt, mit zwanzig Millionen auf dem Konto. Die Vertrauensfrage bleibt ungelöst. Das immerhin sorgt für einen versöhnlichen Schluss.

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