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„Südstadt“ im ZDF : Wenn das Hase-Igel-Rennen zu früh endet

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Saskia (Bettina Lamprecht), Anne (Anke Engelke), Martin (Matthias Matschke) im Film „Südstadt“ Bild: ZDF und Martin Valentin Menke

Mit der Überzeugungskraft einer an der eigenen Existenz entlang improvisierten Authentizität: In Matti Geschonnecks Film „Südstadt“ über Midlife-Paare geht es angenehm realistisch zu.

          Das mit dem Glück ist ein Hase-Igel-Rennen. Ist man endlich dort angekommen, wo man immer hinwollte, winken einem die Wünsche schon wieder keck von der anderen Seite zu. Angekommen scheinen sie durchaus, die sechs schlagfertigen Protagonisten in Matti Geschonnecks entspannt realistischer und zugleich gelungen pointierter Midlife-Studie „Südstadt“ nach einem couragiert offenen Drehbuch von Geschonnecks Lieblingsautor Magnus Vattrodt.

          Sie wohnen dort, wo man wohnen möchte in Köln: in einem geschmackvollen Südstadt-Altbau inmitten des Dolce-Vita-Getümmels. Sie haben interessante Jobs, liebenswerte Partner, echte Freunde, kurz, ein gutes Leben. Was könnte man da noch wollen? „Bullerbü“ nennen die Bewohner ihr Oikos denn auch kokett.

          Der Kleinkrieg der neuen Partnerin mit der Exfrau

          Aber wie jeder Altbau hat auch dieses Glück seine Tücken. Ganz so glatt läuft das mit den Karrieren eben doch nicht, zudem haben sich kleine und große Lebenslügen angesammelt, und so mancher einst begehrte Partner hat nach Jahren einfach seinen Reiz verloren. Zumal man als Endvierziger das allmähliche Anschleichen des sogenannten Alters kaum mehr leugnen kann. Die Tragödien und zumal ihre Bebilderungen mögen hier und da einen Tick zu konventionell geraten sein – die gesperrte EC-Karte beim Einkauf in der Edelboutique; das kaputte Vogelhäuschen als Symbol; der Kleinkrieg der neuen Partnerin mit der Exfrau; Kind-Karriere-Kollisionen bis hin zu Regretting Motherhood.

          Aber auch all das nimmt man den hervorragenden Darstellern voll und gern ab. Sie spielen – ein Ensemblefilm im besten Sinne des Wortes – samt und sonders mit der Überzeugungskraft einer nah an der eigenen Existenz entlangimprovisierten Authentizität. Leiden wird nicht dramatisiert, Freude nicht exaltiert ausgestellt; alles findet sehr viel zurückgenommener statt, die Tragik ist oft nur angedeutet. Die Erschütterungen reichen gleichwohl tief, lassen ganze Lebensentwürfe kollabieren.

          Die in Beziehungsfragen allzu romantisch veranlagte Eva (Andrea Sawatzki, r.) lernt Greta (Emma Drogunova) kennen.

          Im Erdgeschoss wohnt die einzige Familie. Der gutmütige Ironiker Kai (Alexander Hörbe) hat das Gefühl, seine Karriere als Wirtschaftsjournalist nehme endlich Fahrt auf, aber just da beschließt seine Frau Saskia (Bettina Lamprecht), wieder arbeiten zu gehen. Thomas (Dominic Raacke), der neue Freund der für Beziehungen allzu romantisch veranlagten Eva (Andrea Sawatzki), beschafft Saskia einen Job in seiner Personalberatungsfirma, womit die leidige Frage der Kinderbetreuung im Raum und ihre Beziehung vor ernsten Problemen steht. Auch bei Thomas und Eva kriselt es bald, weil Eva nicht behagt, wie sich Thomas in ihrem Leben einnistet, ohne das vorherige zu einem Abschluss gebracht zu haben.

          Das Hauptkatastrophenpaar aber mimen Anke Engelke und Matthias Matschke, wobei beide zur Höchstform auflaufen. Die genervte Ehefrau, deren Mimik unentschieden zwischen Mitleid und Vorwurf laviert, ist Engelkes Spezialität. Matschke wiederum gibt eine erstklassige Mittelbau-Ruine ab: Der von ihm stolz selbstmitleidig gespielte Martin hat seine Dozentenstelle an der Uni verloren und befindet sich, hinter einer altlinken Fassade verschanzt, psychisch wie ökonomisch auf rasanter Talfahrt, was dazu führt, dass Anne die geplante Scheidung – zugunsten eines Kollegen – noch einmal verschiebt: „Wenn wir uns jetzt trennen, dann muss ich ihm am Ende noch Unterhalt zahlen.“

          Geschonneck zeigt, wie gut es einem Film tut, wenn man seinen Figuren (und Darstellern) Raum lässt, um sich zu entfalten. Die gereizte Stimmung wird meist durch kleine, glaubhafte Details ausgedrückt: der ins Babyphon rufende Vater, der nach Jahren noch nicht gemerkt hat, dass das Gerät nur in eine Richtung funktioniert, das grundlose Anherrschen des Kindes, der gestandene Akademiker, der keinen Lebenslauf in einheitlicher Schriftgröße auf die Reihe bekommt, die unvorhersehbaren Stimmungsschwankungen eines Teenagers (Emma Drogunova) oder die hingenuschelte, aber keinen Deut mehr liebevoll gemeinte Anrede „Kai, du dumme Wurst“.

          Es ist gut beobachtet, dass in einem bestimmten Alter, in dem man gemerkt haben sollte, dass das Leben eine einzige Kette von Kompromissen ist, eine fast irrationale Angst vor Kompromissen aufkommt, ein Gefühl, als hätte man zu früh kapituliert im Hase-Igel-Rennen, bei dem man ohnehin nie eine Chance hatte (der Igel ist ja ein Betrüger). Dass sich hier nun aber gleich alle drei Männer als Pfeifen erweisen, sei es als emotionale Hanswürste, sei es als klägliche Berufsversager, verleiht der Erzählung dann doch leichte Schlagseite. Köln hingegen, die Heimat von Engelke und Vattrodt, hat es diesmal gut getroffen: Im ewigen Nachmittagslicht sieht die Stadt so behaglich aus wie selten. Fast wie ein Kompromiss mit Geschonnecks Berlin.

          Südstadt läuft heute um 20.15 Uhr im ZDF.

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