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ZDF-Film „Stumme Schreie“ : Wenn Kinder zu Hause nicht sicher sind

  • -Aktualisiert am

Desiree (Carla Demmin) hat Angst, ihre Mutter (Hanna Hilsdorf) ist überfordert. Bild: ZDF und BRITTA KREHL

Das ZDF zeigt einen eindringlichen Film über Gewalt in der Familie: In „Stumme Schreie“ gibt Hanna Hilsdorf als überforderte Mutter eine glaubwürdige, geradezu furiose Vorstellung.

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          Der Anspruch ist hoch. Familie sollte ein Ort der Sicherheit sein, müsste den Nachwuchs umsichtig, mit Grenzen und Geduld in die Zukunft begleiten. Stattdessen hat die Geduld oft schnell Grenzen. 2018 starb in Deutschland an jedem fünften Tag ein Kind an den Folgen elterlicher Misshandlung. Mehr als 200.000 Kinder wachsen mit Gewalt in der eigenen Familie auf. Die Langzeitfolgen sind eine Hypothek fürs Leben.

          Schläge, Tritte, Verbrennungen und Schütteltraumata, psychische Gewalt und fortdauernde Erniedrigung sind dabei kein Unterschichtenphänomen, sondern kommen gleichermaßen in Villenvierteln vor. Dass es hierzulande so schwierig zu sein scheint, Kinder wirksam zu schützen, ist ein Armutszeugnis für das Land. Die Probleme sind nicht nur, aber auch juristisch-struktureller Natur. Gesehen werden die verletzten oder toten Kinder im schlimmsten Fall erst in der Rechtsmedizin. Die Ärzte unterliegen der Schweigepflicht, dürfen zwar die Jugendämter informieren, selbst aber keinen Gewaltverdacht bei der Polizei anzeigen. Die ärztliche Praxis bestimmt hier nicht selten Ohnmacht und fortwährendes Dilemma.

          Wie ein Tagebuch elterlicher Frustration

          Johannes Fabricks (Regie, „Der letzte schöne Tag“) und Thorsten Näters (Buch, „Bella Block“) ZDF-Fernsehfilm „Stumme Schreie“ basiert auf dem Rechtsmediziner-Sachbuch „Deutschland misshandelt seine Kinder“ von Michael Tsokos und Saskia Guddat, in dem das Problemgeflecht mit zahlreichen erschütternden Fällen dokumentiert wird. „Stumme Schreie“ begleitet die junge Assistenzärztin Jana (Natalia Belitski) bei ihrer Erstanstellung in der Rechtsmedizin einer großen Berliner Klinik. Statt mit Leichensezierung – das wäre weitaus erträglicher – konfrontiert sie ihr Mentor Professor Bremer (Juergen Maurer) bald mit Patienten, deren Versehrungen sich lesen wie ein Tagebuch elterlicher Aggression, Frustration und Überforderung. „Das ist nicht das Bild eines einmaligen Ausrasters, das ist ein Kalender der Gewalt“, sagt Bremer beim Anblick alter und frischer Blessuren auf dem Rücken eines Kleinkinds. Die wichtigsten Pflichten: gerichtsfeste Spurensammlung, Bewahrung der Distanz, keine Überwältigung durch Mitleiden. Hinweis auf dem kleinen Dienstweg an die Polizei. Information des Kinderschutzteams des Jugendamts. Gespräch mit den Eltern, die sich nicht erklären können, warum etwa der kleine Junge immer wieder auf die heiße Herdplatte fasst. Vielleicht ein Gendefekt? Nein: Die Handfläche des Jungen wurde mit Kraft auf die Platte gedrückt.

          Das sind keine „normalen“ Verletzungen: Jason (Till Patz) wurde misshandelt.

          Ein anderer Fall: ein Baby, das geschüttelt wurde. Es weist das typische Verletzungsmuster samt Gehirnschwellung auf. Wenn es überlebt, dann schwer behindert. Es stirbt, was Jana persönlich nimmt, obwohl Bremer sie genau davor gewarnt hat. Die junge Ärztin stellt die zuständigen Familienbetreuer Gilda (Amanda da Gloria) und André (Timur Bartels) zur Rede. Gilda identifiziert sich stockholm-syndrom-ähnlich mit Nicole (Hanna Hilsdorf), der Mutter des toten Babys, die selbst von ihrem Freund geschlagen wird und mit Desiree (Carla Demmin) und Jason (Till Patz) noch zwei weitere Kinder von anderen Männern hat. André ist zunächst unentschlossen.

          Engagierte Themenfilme gibt es immer noch im öffentlich-rechtlichen Fernsehen, manchmal sind sie auch gut gemacht. Wie in diesem authentischen, faktenbasierten „Thriller“, in dem besonders die Darstellung der prekären Hauptfamilie gelungen ist. Vor allem Hanna Hilsdorf als überforderte Mutter Nicole gibt eine glaubwürdige, geradezu furiose Vorstellung. Auch die beiden Kinderdarsteller Carla Demmin und Till Patz agieren überzeugend, und die Regie umgeht sicher die Rührseligkeitsfalle. Armutsvoyeurismus wird vermieden, auch mit der Darstellung der Gewalt gegen die Kinder geht der Film bei aller Deutlichkeit sensibel um (Kamera Helmut Pirnat). Dramaturgisch bleibt „Stumme Schreie“ zwar gänzlich im Rahmen der Fernsehspielkonventionen, aber genau das macht den Film im Grunde auch erträglich. Zu diesen Konventionen gehört, den Zuschauer nicht ohne Hoffnungsschimmer zu entlassen. Ein Hoffnungsschimmer, der in der anschließend gesendeten Reportage „Tatort Kinderzimmer“ indes kaum aufscheint.

          Stumme Schreie, um 20.15 Uhr im ZDF

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