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ZDF-Film „Gegen die Angst“ : Wer hat Angst vor diesem Clan?

  • -Aktualisiert am

Auge in Auge: Clanchef Machmoud (Atheer Adel) und Staatsanwältin Schraders (Nadja Uhl). Bild: ZDF und Lars R. Liebold

Gesetz der Stärke: Der ZDF-Film „Gegen die Angst“ hat ein großes Thema. Es ist so groß und gewichtig, dass es die fiktionale Erzählung begräbt.

          „Jede Drehbuchfassung glichen wir mit den aktuellen Berliner Entwicklungen in Sachen Clans ab.“ Eine Fernsehredaktion, die eine solche Aussage vorausschickt, macht vor allem deutlich, wie herzlich egal ihr die künstlerische Eigenständigkeit (und mithin Qualität) eines Films ist. Die ZDF-Redakteurin Esther Hechenberger legt noch nach: „Bei der Stoffentwicklung haben wir die Private Lines unserer Staatsanwältin immer weiter reduziert, weil das Thema kriminelle Clans so viele Aspekte bot, die wir erzählen wollten“, etwa „die Personalknappheit bei den ermittelnden Beamten“. Der Fernsehfilm als Vehikel für gesellschaftspolitische Botschaften, das sind wir leider gewohnt, aber üblicherweise bauen Filmemacher wenigstens kleine Verfremdungen ein.

          Das Drehbuch lag in den Händen von Robert Hummel, der sich auf seiner Webseite so vorstellt: „Berliner. Halb-Syrer. Ex-Scharfschütze. Ehrenamtlicher Richter am Landgericht. Vater.“ Er führt seine Expertise für das Clan-Thema auf Erfahrungen als Schöffe zurück: „In Verhandlungen gegen Drogenhändler und Gewalttäter bekam ich Einblick in die Parallelwelt der organisierten Kriminalität.“ Dass hier eine gewaltige Aufgabe vor den Strafverfolgungsbehörden in Berlin und NRW liegt, ist freilich seit Jahren offensichtlich und war bereits Gegenstand zahlreicher Reportagen. Hummel und Regisseur Andreas Herzog wollen in ihrer filmischen Verarbeitung, die zwei starke Frauen auf der Seite des Gesetzes in den frustrierenden Kampf gegen eine archaisch patriarchal organisierte Mafia schickt, die Zuschauer vor allem emotional packen. Keine neue Idee, aber durchaus machbar.

          Trotzdem ist das Ergebnis furios misslungen. Die Handlung wird so lieblos hingeklatscht, dass man den Darstellern, allesamt eindimensionale Klischeefiguren, trotz überdeutlicher Mimik ihre Wut, Verzweiflung und Trauer kaum abnimmt. Besonders die perfide ausspuckenden, plump drohenden und im Gerichtssaal fies lächelnden Clanmitglieder sind von den soziokulturell komplexen, beängstigend sympathischen Charakterzeichnungen in der grandiosen Clan-Serie „4 Blocks“ weiter entfernt als der Libanon von Deutschland. Das mit schmierigem Stolz (vor)getragene Familienmotto der Al-Fadis lautet ambivalenzfrei: „Überall wo’s Geld gibt, da sind wir. Jeder respektiert uns.“ Auch die kontrastierte Überhöhung eines einzelnen Familienzweigs, der nicht nach Clanregeln spielt und deshalb fatale Konsequenzen zu tragen hat, wirkt alles andere als subtil. Die junge Leyla (Sabrina Amali) wurde gar Polizistin und ist jetzt – Überraschung! – entscheidend in den Fall involviert.

          Leyla nämlich hat als einzige Zeugin beobachtet, wie ihr Vetter Hisham (Burak Yigit) einen Tatort verlässt, an dem ein Polizist (Andreas Pietschmann) niedergeschossen wurde. Staatsanwältin Judith Schrader (Nadja Uhl) und Kommissar Jochen Montag (Dirk Borchardt) bemühen sich, die Al-Fadis für ihr Verbrechen zur Verantwortung zu ziehen. Wie es der nächste Zufall will, war der Angeschossene der heimliche Geliebte der Anwältin. Auch für diese filmtaktische Liebeshandlung, die letzte „private line“, standen nur öde Standardszenen parat: ein Techtelmechtel auf dem Sonnenbalkon, ein halbes Versprechen: „Du und ich, das wäre ein Leben voller Sonntage.“

          Dialog- und Logik-Schwächen treten hinzu: Wie kamen die Gangster zum zweiten Mal an die Zeugin? Warum reden die libanesischen Brüder selbst im Affekt miteinander Deutsch mit Schurkenakzent („Der Hurensohn wollte mich festnehmen: Hab ich ihn erschossen“; „Ich verfluche den Tag, an dem Mama dich geboren hat“), führen den Clan aber auf Arabisch? Abstrus unglaubwürdig wirkt es, wenn Gangsterboss Machmoud (Atheer Adel) die Staatsanwältin mit einer herablassenden Ansprache volltrichtert: „Ihr Deutschen, ihr belügt euch. Ihr verwechselt Diplomatie mit Feigheit. Ihr haltet Stärke für nicht wichtig.“ Es gelte aber nun einmal: „Nur der Starke bekommt Respekt.“

          Tatsächlich scheint trotz Schraders juristischer Tricks gegen die nackte Gewalt kein Kraut gewachsen zu sein. Was aber soll dies, das tragische Finale einberechnet, nun bedeuten? Wird Machmouds Macho-Rede, die auch ein Law-and-Order-Wutbürger unterschreiben würde, durch die Ereignisse legitimiert? Innerhalb der vorhersehbaren, oft allein aus der Musikuntermalung Spannung generierenden Handlung bleibt nur der naive Appell, sich der Angst nicht zu beugen, was zugleich – das Opfer ist zu groß – als allzu naiv markiert wird.

          Die einzige (und sicher richtige) Konsequenz: Der Staat muss wehrhafter werden gegenüber mafiösen Parallelwelten. Für einen guten Film reicht eine simple, längst allseits anerkannte Parole aber nicht. Diese Produktion, die mit anschließender Dokumentation zum Thema versendet wird, ist ein Beispiel für überhebliches Redaktionsfernsehen, das die holprige Bebilderung von Tagesaktualität für Relevanz hält und sich von jedem künstlerischen Anspruch verabschiedet hat.

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