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ZDF-Film „Die Feindzentrale“ : Sollte Löwenthal sterben?

  • -Aktualisiert am

Ein Mann und seine Akten: ZDF-Redakteur Christhard Läpple Bild: ZDF/Jürgen Detmers

In zweijähriger Sisyphusarbeit recherchierte Christhard Läpple die Dokumentation „Die Feindzentrale“. Der ZDF-Redakteur klärt auf, wie die Stasi seinem Sender zusetzte. Mit dem Film reißt er manche Wunden wieder auf.

          5 Min.

          Das ZDF wartet in dieser Woche mit einem großen Zeitdokument auf. Es ist ein Muß für alle, die sich für die jüngere deutsche Geschichte und die deutsche Gegenwart interessieren. Auch wenn es erst kurz vor Mitternacht beginnt: Was der ZDF-Redakteur Christhard Läpple in zweijähriger Sisyphusarbeit recherchiert hat, ist eine journalistische Ausnahmeleistung. Dies um so mehr, als Läpple, der stellvertretende Chef des Kulturmagazins „aspekte“, sich in seiner zweiteiligen Dokumentation „Die Feindzentrale“ mit seinem eigenen Sender und den eigenen Kollegen beschäftigt.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Läpple beschreibt, wie die Stasi das ZDF von dessen Gründung im Jahr 1963 an durchleuchtete. 335.000 Seiten Papier hat er gesichtet, 235 IM-Vorgänge hat er gefunden, die mit dem Zweiten Deutschen Fernsehen in Verbindung stehen, mindestens 69 Bundesbürger waren in sie verwickelt. „Die Feindzentrale“ handelt von Tätern und Opfern, von dem legendären Gerhard Löwenthal, den die Stasi bekämpfte wie keinen zweiten; von einer jungen Frau aus der DDR, die jahrelang im Gefängnis saß, nur weil sie Kontakt zum ZDF-Studio in Ost-Berlin hatte; von einem Kameramann, der für das ZDF in alle Welt fuhr, von Saigon bis ins Kanzleramt, und alles nach Ost-Berlin kabelte; von einem DGB-Funktionär, der weitergab, was er als Fernsehrat des ZDF mitbekam; und nicht zuletzt geht es um zwei Korrespondenten, die noch im Dienst des Senders stehen: um Dietmar Schumann, der vom DDR-Fernsehen zum ZDF kam und Korrespondent in Tel Aviv war, und um Michael Schmitz, ehemals Berichterstatter in Ost-Berlin, der für das ZDF heute in Wien sitzt.

          „Ich habe den Wettkampf ein bißchen personalisiert“

          Es beginnt - wo sonst? - in Ost-Berlin und Mainz. Dort stellte sich im November 1984 in Guido Knopps Redaktion für Zeitgeschichte eine neue Praktikantin vor. Christina Kanyarukiga war nett, adrett und fiel nicht auf. Niemand ahnte, daß sie nicht aus der DDR geflüchtet, sondern ausgebildete Spionin war. Dafür, daß sie Erich Honecker mit Informationen über einen Besuch des damaligen Bundeskanzlers Helmut Kohl auf einem Schlesier-Treffen versorgte, bekam sie einen Orden. Sie blieb auch nach der Wende unentdeckt und bewahrte ihr Geheimnis bis - der ZDF-Rechercheur Läpple sie ausfindig machte. Nicht einmal ihren Söhnen hatte sie bis dato von ihrem Vorleben erzählt. Jetzt spricht sie vor der Kamera, was eine weitere, besondere Leistung Läpples ist. Er läßt die Opfer zu Wort kommen und ehemalige Stasi-Offiziere schwadronieren, bringt aber auch die ehemaligen oder vermeintlichen IMs zum Reden.

          So zum Beispiel den ehemaligen DGB-Funktionär und ZDF-Fernsehrat Günter Scheer. Als IM „Gaston“ war er für die Stasi eine Topquelle im ZDF, mindestens 83 Berichte sind für „Gaston“ verzeichnet. Und was stand drin? Nichts, wofür sich Günter Scheer heute schämen will, nichts Schädliches natürlich, schon gar nicht über die Intendanz. „Ich habe den Wettkampf der Systeme ein bißchen personalisiert“, schreibt er dem ehemaligen ZDF-Intendanten Dieter Stolte nach der Wende. Vor der Kamera erinnert er sich daran, wie „ungewöhnlich nett“ die Stasi-Leute, zu denen er Kontakt hatte, doch waren.

          Mielkes Späher feiern Löwenthals Verschwinden

          Nicht ungewöhnlich nett, sondern ungewöhnlich brutal jedoch war der Zugriff, den die Stasi, gespickt mit den Informationen der IMs, auf ihre Opfer nahm. Gerhard Löwenthal etwa, der harte kalte Krieger und Chef des „ZDF-Magazins“, erscheint in besonderem Licht, wenn man sieht, wie die Stasi jahrelang mit Dutzenden Leuten vergeblich versuchte, ihm etwas anzuhängen. Daß Löwenthal als Jude die Nazizeit überlebte hatte, dachte man bei der Stasi, könne nicht mit rechten Dingen zugegangen sein. Obwohl Löwenthals Familie vernichtet wurde, suchte die Stasi nach belastendem Material aus dem Dritten Reich. Und fand nichts. Daß sie Löwenthal wirklich ans Leben wollte, liegt nahe - eine Bombendrohung gegen die von ihm ins Leben gerufene Aktion „Hilferufe von drüben“ gab es, sein Sohn behauptet, daß die Stasi seinen Vater wirklich töten wollte -, doch hat der Autor Läpple dafür keinen Beweis gefunden.

          Was er dokumentiert, reicht jedoch hin, um sich einen Eindruck zu verschaffen, wie heiß der Kalte Krieg war. Als Löwenthal 1987 mit seinem Magazin vom Bildschirm verschwand, feierten Mielkes Späher das als ihren Sieg. In der Stasi-Zentrale floß Sekt, wie sich der ehemalige Offizier Günter Bohnsack erinnert. Löwenthal verabschiedete sich bei seinen Zuschauern mit den Worten: „Gott schütze Sie.“

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