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TV-Kritik „Der Bankraub“ : Familientreffen mit den Lehman Brothers

  • -Aktualisiert am

Bild: ZDF

Ein deutscher Sparer geht bankrott – und ein Film gleich mit: „Der Bankraub“ im ZDF belehrt über die Finanzkrise. Es fehlt, was an Oliver Stones Vorlage „Wall Street“ faszinierte.

          3 Min.

          „Banken sind gefährlicher für die Freiheit als stehende Armeen“, hat Thomas Jefferson gesagt, der dritte Präsident der Vereinigten Staaten. Und dass man nicht Gott - respektive der Moral - und dem Mammon zugleich dienen könne, hat uns schon der Evangelist Matthäus zugerufen. Die Einschätzungen von Marx bis Brecht sind bekannt. Das alles wird nicht falsch dadurch, dass man es häufig wiederholt. Aber man wird dadurch auch nicht unbedingt schlauer.

          Wie wenig die Gesellschaft insgesamt zum Schlauwerden neigt, zeigt die jüngste Bankenkrise. 2008 stand die Weltwirtschaft aufgrund hemmungsloser Bankengier am Rande des Ruins, Millionen Menschen verloren ihr Erspartes. Für Hunderte Milliarden Dollar, mit denen die Banken gerettet wurden, haben Steuerzahler geradezustehen. Doch die Institute betreiben ihr undurchsichtiges Spiel mit systematischer Kundentäuschung und hochriskanten Spekulationen munter weiter, wie der telegene Ökonom Max Otte in einer freilich nur Altbekanntes aufbereitenden ZDF-Dokumentation von Frank Gensthaler und Hannes Vogel mitteilt: „Die Banken sind tendenziell noch größer geworden. Die Politik ist noch schwächer geworden.“

          „Solange die Party läuft, musst du tanzen“

          Da mag es durchaus sinnvoll sein, noch einmal daran zu erinnern, wie sich die Finanzkrise aufgebaut hat. Das ZDF tut dies in Form eines gutherzigen Erklärfilms. Das Doku-Drama „Der Bankraub“ aber erweist sich trotz vorzüglicher Schauspieler, guter Recherche und nachgereichter Dokumentation als Verlegenheitslösung. Dabei gibt sich das Buch von Martin Rauhaus erkennbare Mühe, den glanzvollen Hollywood-Börsenfilmen einen nüchternen, realitätsnahen Film gegenüberzustellen. Er soll uns offensichtlich belehren, denn unablässig halten die Protagonisten Vorträge über obskure Praktiken und windige „Finanzprodukte“ der Branche. Leider ist das nicht viel spannender als ein Gespräch mit dem Bankberater. Von der Glaubwürdigkeit ganz zu schweigen, denn stets muss ein Top-Banker den begriffsstutzigen Schüler spielen, der von alldem - Kreditversicherungen, algorithmenbasiertem Handel, Umsätze in Billionenhöhe - noch nie gehört zu haben scheint.

          Dass der Zuschauer danach wüsste, wie „Collateralized Debt Obligations“ genau funktionieren, kann indes nicht behauptet werden. Die Figuren lassen einen wohl auch deshalb derart kalt, weil es sich um Idealtypen handelt. Wir sehen den Aufsteiger Martin Kreye (Franz Dinda), anfangs liebenswerter Sohn und Freund, bald arroganter Laffe, der Freundin und Familie rüde zurückstößt. Wir sehen den guten Banker (Hanns Zischler), der am Ende der Gelackmeierte ist, und den böse Banker (Justus von Dohnányi), der als Vorgesetzter, Mentor und Mephisto des Helden Sprüche klopft wie: „Solange die Party läuft, musst du tanzen.“ Eine verführerische Wall-Street-Investmentbankerin (Anna Drijver) gehört zum Personal, sie wickelt gutgläubige Deutsche um den Finger und belohnt Millionendeals mit Sex, und im Zentrum steht der über den Tisch gezogene kleine Mann (Joachim Król). Er rechnet unablässig nach, dass es für das Alter nicht reicht, und dann muss auch noch die kranke Ehefrau operiert werden.

          Was diesem Film fehlt

          Noch vor der Investmentbank „Lehman Brothers“ bricht hier das erzählerische Konzept zusammen, denn der arme Alte, der als Betriebsrat Kurzarbeit wie Lohnverzicht zustimmen muss und schließlich zur Selbstjustiz greift (damit beginnt der Film), ist rein zufällig Martin Kreyes Vater. Die ihn übertölpelnde mittelständische Bank ist nicht nur dieselbe, die seinen Sohn nach New York schickt, um am Immobilienboom teilzuhaben, sondern es sind auch genau die vom Sohn nach Hause übermittelten Abzocker-„Zertifikate“, die Kreye senior, der früh mahnte: „Müssen Häuser in Amerika nicht bezahlt werden?“, in den Ruin treiben. Der Sohn indes, angeekelt von der Armut, schreit ihn an: Was der Vater wohl glaube, wer seine Rente einmal bezahlen werde?

          Das muss man erst einmal hinbekommen, plakativer zu sein als Brechts „Mahagonny“, aber dazu gänzlich saft- und kraftlos. Der Regie von Urs Egger gelingt es mühelos. Es wirkt, als wäre jede Szene auf ihre Aussagefähigkeit hin optimiert worden: engagiertes Fernsehen alter Schule, das alle dramaturgischen Gesetze besten Gewissens missachtet. So richtig die Botschaft der allmächtig gewordenen Banken sein mag, so wenig will man sie annehmen, wenn sie derart aufdringlich serviert wird. Oliver Stones „Wall Street“ - bis in manche Details die Folie für „Der Bankraub“ - wurde wohl gerade deshalb zum Klassiker, weil er Spekulanten eben nicht einfach als gierig-dumm diskreditierte, sondern zugleich von ihnen fasziniert war. Das genau fehlt hier: Stil.

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