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ZDF-Film „30 Jahre Mauerfall“ : Wir träumten vom Paradies auf Erden

Demokratie bedeutet, politische Positionen auszuhalten, auch wenn sie uns nicht gefallen: Joachim Gauck vor den Überresten der Mauer Bild: ZDF

Dreißig Jahre nach dem Fall der Mauer fährt Altbundespräsident Joachim Gauck einmal quer durch die Republik und redet mit Rechten, Linken, Intellektuellen und Zeitzeugen aus Ost und West.

          Den Ernst der Lage erkennt man an der Musik. Dreißig Jahre nach dem Mauerfall gibt es noch immer viel zu tun, der Osten Deutschlands blüht zwar prächtiger als unmittelbar nach der Wende, aber zusammengewachsen ist längst nicht alles, was – eventuell – zusammengehört. Im Osten sind die politischen Ränder der Linken wie der Rechten stärker als im Westen, Ostdeutsche sind in Führungspositionen nach wie vor unterrepräsentiert und gelten aus der Perspektive der Westdeutschen schnell als tendenziell ausländerfeindliche (Wut-)Bürger, die sich „abgehängt“ fühlen, den Westen halten diese wiederum für unsolidarisch und konkurrenzorientiert. Migration, Rechtspopulismus, Digitalisierung – die Gesellschaft ist im Umbruch und markiert die Grenzen zwischen Ost und West neu. Wer das immer noch nicht verstanden hat, wird durch die dramatischen Melodien im Hintergrund daran erinnert – ein zu häufig eingesetztes Mittel in dem Dokumentarfilm von Stephan Lamby und Florian Huber, die ansonsten einen interessanten und nachdenklichen Beitrag im ZDF-Themenschwerpunkt zum Mauerfalljubiläum liefern.

          Hannah Bethke

          Feuilletonkorrespondentin in Berlin.

          Altbundespräsident Joachim Gauck ist der Protagonist der Stunde: Der einstige DDR-Pastor und Aktivist im Neuen Forum fährt quer durch die Republik, um die Gemütslage der Deutschen zu erfassen, wie es im Film heißt. „Die Deutschen“ sind dabei Personen des öffentlichen Lebens jeglicher politischer Couleur: Gauck spricht mit Petra Pau von der Linkspartei und mit René Jahn, dem Mitbegründer von Pegida. Er trifft Wolfgang Schäuble, Navid Kermani und Lothar de Maizière, den letzten Regierungschef der DDR. Marianne Birthler ist dabei, die ihm als Bundesbeauftragte der Stasi-Unterlagen folgte, die ehemalige Sprecherin der AfD, Frauke Petry, und der Politikwissenschaftler Herfried Münkler.

          Wie aber soll ein gegenseitiges Verstehen funktionieren?

          Wie viel Überwindung es Gauck gekostet haben mag, mit jemandem zu reden, dessen Gesinnung er radikal ablehnt, zeigt der Beginn des Gesprächs mit dem Pegida-Vertreter, in dem Gauck ihn nicht anguckt. Seine Haltung indessen ist so klar, wie man es sich in diesen aufgewühlten Zeiten nur wünschen kann: Wir müssten ertragen, dass sich auch die zu Wort melden, deren Positionen wir überhaupt nicht abkönnen. Solange sie sich auf dem Boden der Verfassung bewegen, gehöre das zur Demokratie. Wie aber soll ein gegenseitiges Verstehen anders funktionieren als über Begegnungen?

          Gauck führt beispielhaft vor, wie kontraproduktiv es ist, Vertreter der politischen Extreme wie die „Neuen Rechten“ vom Gespräch auszuschließen – aber auch, welche Grenzen die gegenseitige Einsicht hat. Wie es dennoch gelingen kann, durch Argumente (und nicht durch Emotionen) die sachliche Unbedarftheit des Gegenübers zu entlarven, zeigt Gauck in seinem hellwachen Gespräch mit Frauke Petry. Mit ihrer Mär, die Ohnmacht der Ostdeutschen in der DDR sei der Ohnmacht der heutigen Deutschen vergleichbar, die sich gegen „ungeregelte Migration“ wehrten, kommt sie bei Gauck nicht durch. Sie rede für eine Klientel, der sie selbst doch gar nicht angehöre, entgegnet er: „Sie brauchen ja nur zu sagen, schaut mich an, liebe Wählerinnen und Wähler, und ihr seht die Möglichkeit dieses Staates und dieser Demokratie. Die ist nämlich keineswegs so, dass wir zur Ohnmacht verdammt sind.“

          Der Film zeigt Gaucks Stärke, die er aus seinem Beruf als Pastor mitgebracht haben mag: Er hört den Menschen zu. Er macht vor, wie es gelingen könnte, die oft beklagte Kluft zwischen Politik und Bürgern zu überwinden. Dazu gehört auch die Ernüchterung in der Nachwendezeit: „Wir träumten vom Paradies und landeten in Nordrhein-Westfalen.“

          Der Film hat dort Längen, wo er zu sehr in ein privatisierendes Porträt von Gauck verfällt, der sogar beim Einkauf im Supermarkt gefilmt wird. Dennoch bietet er genug Stoff, um eine politische Diskussion in Gang zu bringen – umso mehr, als die Tiefenbohrung von Gauck an den wirklich heiklen Punkten zu rasch von neuen Szenen unterbrochen wird. Gerne hätte man etwa erfahren, was im politischen Gefüge zu tun ist, um, wie Gauck im Film sagt, den Toleranzbegriff zu erweitern und die politischen Ränder dadurch zu bezähmen, dass man auf sie zugeht – und ob das überhaupt funktionieren kann. Das Gespräch mit ZDF-Chefredakteur Peter Frey, das sich an die Voraufführung in Berlin anschloss, hätte diese Leerstellen füllen können. Doch Frey vertat die Chance, stellte Fragen wie in der Schule („Welches Gespräch ist Ihnen am schwersten gefallen?“, „Hat René Jahn Sie erreicht?“, „Hat sich Ihr Bild vom Land gefestigt?“), was nur deshalb nicht ins Gewicht fiel, weil Gauck fast immer etwas Interessantes zu sagen hat. So wie am Ende der Dokumentation, in der er davor warnt, uns von unserer Angst leiten zu lassen: Sie mache uns blind für die Möglichkeiten unserer offenen Gesellschaft.

          30 Jahre Mauerfall - Joachim Gaucks Suche nach der Einheit läuft heute, Donnerstag 4. April, um 20.15 Uhr bei ZDFinfo und am Dienstag, 9. April, im ZDF.

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