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ZDF-Fernsehfilm : Verschwörungstheorie zum Ersten Weltkrieg

Ein Schuss, der für Europa eine Katastrophe bedeutet: Gavrilo Princip „Eugen Knecht“ zielt auf den österreichischen Thronfolger Bild: Petro Domenigg

In „Das Attentat - Sarajevo 1914“ wartet das ZDF mit einer seltsamen Kriegserklärung auf. Der Fernsehfilm spekuliert zu viel um das tatsächliche Geschehen herum.

          Reinhold Elschot, der Fernsehfilm-Chef des ZDF, hält große Stücke auf seine Wiener Dependance für ausgefallene Einfälle. Zu Recht. Denn mit dem Regisseur Andreas Prochaska und dem Drehbuchautor Martin Ambrosch, beide Jahrgang 1964, hat sich dort ein kreatives Duo etabliert, das stets für die außergewöhnlichen Momente abseits der Fernsehroutine gut ist.

          Jochen Hieber

          Redakteur im Feuilleton.

          Als Dritten in ihrem Bund darf man den Schauspieler Heino Ferch erachten, den Leihstar aus Deutschland, mit dem die beiden für das ZDF inzwischen auch drei begeisternde Folgen des Psycho-Thrillers „Spuren des Bösen“ gedreht haben - die vierte ist fertig und wird noch im diesem Jahr gesendet. Hierzulande bekannt gemacht hat die Serie auch einige exzellente österreichische Schauspieler, unter anderen den auf abgefeimte Art abgeklärten Erwin Steinhauer und den äußerlich beherrschten, aber zu jedweder inneren Explosion fähigen Jürgen Maurer.

          Dieses Quintett ist nun auch im Einsatz, um den Ur-Moment der k.u.k-Katastrophe in Szene zu setzen: das Attentat auf den Erzherzog Franz Ferdinand am 28. Juni 1914. Ferch gibt dabei den zwielichtigen deutschen Arzt Herbert Sattler, Steinhauer den Wiener Landeschef für Bosnien und die Hercegovina namens Oskar Potiorek und Maurer den Justizchef Fiedler, der nach den Morden an Franz Ferdinand und dessen Gemahlin Sophie im sommerlichen Sarajevo sofort weiß, in welche Richtung die Ermittlungen zu Tat und Tätern zu laufen haben - in Richtung auf Österreich-Ungarns umgehende Kriegserklärung an Serbien mithin.

          Mehr als ein schlichtes Dokudrama

          Drehbuch und Regie haben für dieses deutsch-kakanische Trio eine durchaus elaborierte Verschwörungstheorie gestrickt. Sie arbeitet mit Spurenelementen von Fritz Fischers „Griff nach der Weltmacht“, sieht also das wilhelminische Deutschland als den eigentlichen Drahtzieher in Sachen Krieg, reichert das Szenario um obskure finanzimperialistische Geschäfte im Zusammenhang mit der Bagdadbahn an - seit 1903 wird an dem gigantischen Projekt gebaut, Serbien steht dabei im Weg - und macht schließlich das so plötzliche wie spurlose Verschwinden des Chauffeurs zum Indiz dafür, dass das Auto, im dem Franz Ferdinand und Sophie saßen, geheimdienstlich ferngesteuert war, also mit Vorbedacht ins Verhängnis fuhr.

          Vor dem Ur-Moment der k.u.k-Katastrophe: Wagenzug durch Sarajevo

          Nun sind solche Spekulationen um ein tatsächliches Geschehen allemal ein Futter für den Ehrgeiz von Drehbuchautoren und Regisseuren, die sich mit einem schlichten Dokudrama nicht begnügen wollen. Ambrosch und Prochaska gehen deshalb bei der rasanten Vermischung von historisch Beglaubigtem und frei Erfundenem noch einen Schritt weiter: Sie entnehmen dem 1982 erstmals erschienenen Roman „Der letzte Sonntag“ (in späteren Auflagen: „Die Schüsse von Sarajevo“) des österreich-ungarisch-serbischen Autors Milo Dor die Figur des jüdisch-kroatischen Untersuchungsrichters Leo Pfeffer, der sich, ein gesellschaftlicher Außenseiter, als Einziger für echte Aufklärung und wirkliche Wahrheit einsetzt und von Florian Teichtmeister dementsprechend als elegischer Held gespielt wird. Naturgemäß kann der edle Tor nur unter die Räder des kriegstreiberischen Weltlaufs geraten, immerhin: Er darf am Ende des Films überleben.

          Zuvor aber er stürzt sich, in Milo Dors Roman noch ein braver Ehemann, dank der amourösen Phantasie des Ambrosch-Drehbuchs in eine Liebesgeschichte mit der reichen und schönen Marija Jeftanovic (edel und ebenfalls elegisch: Melika Foroutan). Spätestens dann aber kommen diesem hochambitionierten ZDF-Film sämtliche Wahrscheinlichkeiten abhanden.

          Zwar wird Pfeffer von Sattler, also Ferch, noch gewarnt, bei Marija handle es sich um „eine serbische Suffragette“, was das Liebespaar jedoch keine Sekunde lang daran hindert, so miteinander zu reden, als käme es direkt aus dem Partnerschaftskurs der Volkshochschule unserer Tage. Zudem fährt Pfeffer ständig mit dem Fahrrad durch Sarajevo - völlig undenkbar für einen Untersuchungsrichter des Jahres 1914.

          Aber da gab es doch noch was? Richtig: das Attentat - und mit ihm die drei Hauptattentäter Cabrinovic, Ilic und eben jenen Gavrilo Princip, von dem die tödlichen Schüsse stammten. In Eugen Knecht hat er zwar einen überzeugenden Darsteller, bleibt aber eine Randfigur. Denn Prochaska und Ambrosch gingen dieses Mal eben aufs ganz Große und Ganze.

          Als einen rein fiktiven Thriller hätte man ihren Film durchaus akzeptieren, ja sogar respektabel finden können. Als geschichtsdeutende Verschwörungslektion aber ist „Das Attentat - Sarajevo 1914“ ein entschieden zu ausgefallener Einfall, der die Grenze zum Hanebüchenen gleich mehrfach überschreitet. Zu viel Cello überdies.

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