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ZDF-Doku über Afghanistan : Wiederholt sich die Geschichte?

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Sie sind wieder da, sie waren nie weg, sie geben den Ton an: Taliban-Führer im qatarischen Doha, wo sie 2013 eine offizielle „Botschaft“ eröffneten. Bild: ZDF und Gala Film

Die Dokumentation „Ghosts of Afghanistan“ stellt die Frage, was dort nach dem Abzug westlicher Truppen passiert. Sie deutet an, was zu erwarten ist: der Siegeszug der Taliban, mit allen grausamen Folgen.

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          Im Jahr 1965 schrieb Peter Scholl-Latour über den Vietnam-Krieg: Ein Land – er meinte Südvietnam – sei nicht zu verteidigen, wenn die Bevölkerung dem vordringenden Kommunismus keinen Widerstand mehr leisten wolle. Zehn Jahre später endete dieser Krieg mit der Kapitulation der Regierung im damaligen Saigon. Der Vietnam-Krieg wurde zum amerikanischen Trauma, der Rückzug der amerikanischen Truppen zum Symbol für das Scheitern. Wiederholt sich die Geschichte?

          Am 11. September dieses Jahres wird der letzte westliche Soldat Afghanistan verlassen. Das Datum erinnert an die Terroranschläge des Jahres 2001, mit denen dieser längste Krieg in der Geschichte der Vereinigten Staaten begann. Der Abzug ist eine historische Zäsur.

          In der Dokumentation „Ghosts of Afghanistan – Die Macht der Taliban“ schildert das Autorenteam um den kanadischen Journalisten Graeme Smith eine Gesellschaft im Übergang. Deren Widersprüche zeigen sich besonders an den im Film zu Wort kommenden Frauen. Die Zuschauer erleben westlich geprägte Feministinnen aus Kabul und traditionell geprägte Frauen in Burka aus Kandahar. In einer dortigen Mädchenschule hält eine Schülerin ein leidenschaftliches Plädoyer für weibliche Selbstbestimmung. Nach dem Ende des Schultags verlassen die Mädchen ihre Schule in der Burka, um nicht aufzufallen.

          Die Werte unserer westlichen Zivilisation existieren in Afghanistan selbst nach zwanzig Jahren Aufbauhilfe nur als Inseln in dem Meer einer weiterhin im islamischen Traditionalismus festsitzenden Gesellschaft. Das Leben auf dem Land habe mit den Diskussionen der Feministinnen in Kabul nichts zu tun, sagt die Leiterin eines Waisenhauses und ehemalige Beraterin der afghanischen Regierung.

          Land voller Widersprüche

          Der Film macht solche Widersprüche nachvollziehbar. Er erklärt zugleich die komplexe innenpolitische Situation im Land. Wie sich die Regierung in Kabul vom Eindruck eines von den ausländischen Mächten eingesetzten Marionettenregimes befreien muss, um nach dem Abzug zu überleben. Wie sich die in Qatar luxuriös residierende politische Führung der Taliban um ein modernes Image bemüht, weg vom archaischen Steinzeitislamismus der Neunzigerjahre.

          Der Film spricht den Opiumanbau als wohl einzigen funktionierenden Wirtschaftszweig des Landes an; zeigt, wie die Korruption diese Gesellschaft durchzieht. Afghanistan lebte seit 2001 von den Subventionen des Westens. In der Hinsicht erinnert es an das frühere Südvietnam, das nur mit amerikanischer Hilfe überleben konnte. Dieser Vergleich ließe sich auch über die Rolle von Graeme Smith anstellen, der uns Zuschauer durch den Film führt. Er habe nach der Besetzung des Landes geglaubt, man werde dem Land „Frieden und Demokratie“ bringen. Mit einer vergleichbaren Naivität waren die Amerikaner schon nach Vietnam gekommen. Scholl-Latour warnte seinerzeit auch vor den überzogenen Erwartungen an die Demokratisierungsfähigkeit Afghanistans.

          Trailer : Ghosts of Afghanistan - Die Macht der Taliban

          Was in dem Film fehlt, ist der Ausgangspunkt dieser afghanischen Tragödie. Es war der kommunistische Militärputsch im Jahr 1978, der ein Land mit neunzig Prozent Analphabeten mit Gewalt in die Moderne führen wollte. Als das Regime zu kollabieren drohte, marschierte ein Jahr später die sowjetische Armee ein. Der Konflikt entstand in Afghanistan, bevor das Land zu einem Brennpunkt der Weltpolitik wurde. Daran erinnert Hamdullah Mohib. Die Taliban seien „Extremisten“, sagt der Chef des Nationalen Sicherheitsrats der Regierung. Es gehe nicht um „politische Meinungsunterschiede, die verhandelt werden können“, sondern „um unser Land und unser Leben“.

          Der Film bemüht sich auszuloten, wie das Land aus diesem seit 43 Jahren bestehenden Kreislauf endloser Gewalt ausbrechen kann. Er zeigt den Überdruss vieler Afghanen an diesem Krieg. Dass er je endet, ist kaum mehr als eine Hoffnung. So zeigt uns diese Dokumentation ein Land vor einer historischen Zäsur: Es muss auf den eigenen Beinen stehen. Der erste Versuch war in den Neunzigerjahren gescheitert. Ob die Afghanen mittlerweile genug Widerstandsgeist haben, um eine Wiederholung dieser Tragödie zu verhindern? Diese Frage kann dieser sehenswerte Film nicht beantworten. Der 2014 verstorbene Peter Scholl-Latour wäre skeptisch gewesen. Es liegt an den Afghanen, uns eines Besseren zu belehren.

          Ghosts of Afghanistan – Die Macht der Taliban läuft um 23 Uhr auf ZDFinfo. Der Film ist auch in der Mediathek des ZDF zu sehen.

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