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ZDF-Dokumentation: Hitler-Tagebücher : Die Fälschung des Jahrhunderts

  • -Aktualisiert am

Sein ganzer Stolz: „Stern“-Reporter Gerd Heidemann präsentiert am 25. April 1983 die vermeintlichen Hitlertagebücher. Bild: dpa

Ein Chefredakteur des „Stern“ und das ZDF erinnern in einer ZDF-Dokumentation an die vermeintlichen Hitler-Tagebücher und deren mediale Ausschlachtung im Jahr 1983.

          Wenn eine Wochenzeitschrift mit einem Hitler-Bild aufmacht, um über den misslungenen Coup eines Magazins nachzudenken, das mit Hitler-Covern Kasse machen wollte, ist das nicht ohne Witz. Die von der „Zeit“ abgedruckten Notizen des ehemaligen „Stern“-Chefredakteurs Felix Schmidt indes, die Tagebücher zu den „Hitler-Tagebüchern“, erinnern plastisch an die journalistische Hybris und den Systemkollaps, der Hamburg vor drei Jahrzehnten ereilte, und das kann man im Zeitalter der Hochgeschwindigkeits-Publizistik nicht groß genug tun.

          Denn als die Verlagsleitung den Chefredakteuren Koch, Gillhausen und Schmidt im Mai 1981 eröffnete, ein Reporter habe mit ihrer Unterstützung den Ankauf von „Hitler-Tagebüchern“ vorangetrieben (auch Bertelsmann-Chef Reinhard Mohn, der Eigentümer von Gruner & Jahr, hatte die ersten Kladden vor der Chefredaktion in der Hand), vergrub das Trio in Rekordzeit den Ärger über das Vorgehen, um Gewehr bei Fuß zu stehen: „Wer will schon eine solche Geschichte platzen lassen?“

          Ein Armutszeugnis, durch und durch

          Wie ein Häuflein Verschwörungstheoretiker blendete man aus, was bizarr war und verdächtig. Niemand fühlte sich „richtig verantwortlich“, „jeder glaubte, der andere habe die Verantwortung übernommen“, nahm Geheimnisse der Kaufleute, Sonderabsprachen und Versicherungen kollegial hin. Eine Atmosphäre herrschte, in der Zweifel, wenn es sie denn gab, vom Gedanken an den bevorstehenden Rummel verdrängt wurden, ja nicht ausgesprochen werden konnten. Und deutsche Fachleute mied der „Stern“ sowohl aus Angst vor einem Leck wie aus Überheblichkeit.

          Dabei hätte schon der Umstand, dass die absurd teuren „Tagebücher“ über die DDR bezogen wurden, zu besonderer Vorsicht führen müssen, ebenso das Entsetzen des Historikers Eberhard Jäckel, der 1981 von gefälschten Dokumenten in seiner Hitler-Edition berichtete. Stattdessen fieberten einige im Haus den Schlagzeilen entgegen, dass „Hitler, folgt man den ,Tagebüchern’, das Ausmaß der Judenvernichtung nicht gekannt habe“. Ein Armutszeugnis, durch und durch.

          Kritik vom Tisch gefegt

          Zugleich gab es nicht nur einen Starreporter, der „Menschenleben in Gefahr“ sah, „wenn ich meine Quellen preisgebe“, sondern auch freundliche Gutachten wie das vom Landeskriminalamt in Rheinland-Pfalz. Auch die Historiker Hugh Trevor-Roper und Gerhard Ludwig Weinberg, der Entdecker von Hitlers „zweitem Buch“, schienen bei einem raschen Blick auf die „Tagebücher“ im Züricher Safe genickt zu haben, als sei alles klar.

          Im Nachhinein sitzt man da schnell auf hohem Ross. Als mit der Veröffentlichung der vermeintlichen „Tagebücher“ im Frühjahr 1983 die ersten Historiker Einwände erheben, unter ihnen Trevor-Roper, dessen „Umfallen“ sich angekündigt hatte, applaudiert noch die ganze Themenkonferenz einem der Chefredakteure, der die Kritik mit großer Geste vom Tisch fegt. Umso leichter schießt die Belegschaft sich später, das Bundesarchiv hat die „Tagebücher“ als Fälschung enttarnt, die investierten Millionen sind verloren, auf den Reporter mit dem Nazifimmel und den Altnazi-Kontakten ein. Der „Stern“-Herausgeber Henri Nannen meinte nun: „Ich glaube Heidemann kein Wort mehr, der hat uns reingelegt.“

          Nur ein grobes Bild

          Dabei will doch auch Heidemann reingelegt worden sein - vom Militaria-Händler und Fälscher Konrad Kujau nämlich. Um das zu bemerken, muss man das Lehrstück jedoch stärker aus Heidemanns Warte erzählen, vielleicht nicht ganz so einseitig, wie es „Spreezeitung.de“ gerade mit einem biographisch interessanten Gespräch aus dem Jahr 2009 macht, sondern so multiperspektivisch wie die ZDF-Dokumentation „Die Jahrhundertfälschung“.

          Der Film Jörg Müllners, der auf die Expertise des ehemaligen „Stern“-Autors Michael Seufert baut und mit den Telefonmitschnitten Gerd Heidemanns aufwartet, wird wie die „Augsburger Puppenkiste“ eingeleitet, aufgemischt mit Szenen aus dem Film „Schtonk!“ und Illustrationen und aufgelockert durch Auszüge aus dem „Tagebuch“, die Christoph Maria Herbst mit zickzackiger Stimme liest.

          Trotzdem ist auch diese Beschäftigung mit den „Hitler-Tagebüchern“ eine Eiskernbohrung, dank deren sich das bundesrepublikanische Klima zu Beginn der Ära Kohl und der Kern des journalistischen Geschäfts erkennen lassen. Zu den Kontakten, die der sensations- und geldgierige Heidemann zur DDR pflegte (der „Spiegel“ hatte 2002 von Stasi-Verbindungen berichtet, ohne dass die „Hitler-Tagebücher“ damit zum Stasi-Triumph geworden wären), hätte man indes einige Sätze erwartet, die über den Hinweis auf Trinkfestigkeit hinausgehen.

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