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ZDF-Doku „Im Land der Taliban“ : Die Bombenentschärfung wird vertagt

  • -Aktualisiert am

Auf Außenposten: Bundeswehrsoldaten im afghanischen Maimana. Bild: ZDF und Ashwin Raman

Grausige Superlative und verstörende Bilder: Ashwin Ramans Dokumentation „Im Land der Taliban“ zeigt, dass Afghanistan nicht zur Ruhe kommt.

          3 Min.

          Schwarzer Rauch dringt aus dem Fenster einer Wohnung. Die Flammen peitschen an der schon rußigen Verkleidung des Hauses empor. Von der Straße aus beobachten Leute den Brand, manche sind mit Gewehren bewaffnet, einer tippt auf seinem Smartphone herum. Cut. Protestierende Menschen klettern auf einen Geländewagen. Ein Mann bearbeitet die Seitenscheibe mit einem Brecheisen. Andere werfen Ziegelsteine. Der Hinterreifen hat Feuer gefangen. Cut. Ein weiterer Geländewagen steht in Flammen und brennt langsam aus. Etliche Passanten nehmen davon keine Notiz. Diese Szenen zeigen den Alltag in Kabul, wohlgemerkt nicht Anfang der neunziger Jahre, als sich unterschiedliche Mudschaheddin-Gruppierungen dort bekämpften und die Stadt größtenteils zerstörten. Aufgenommen wurden die Bilder 2018, siebzehn Jahre nach dem Einmarsch der Nato-Truppen in Afghanistan.

          Ashwin Raman, der für seine Reportagen und Filme unter anderem mit dem Deutschen Fernsehpreis und dem Grimme-Preis ausgezeichnet wurde, hat eine Dokumentation über Afghanistan gedreht, die zu gleichen Teilen lehrreich und deprimierend ist. Sie heißt „Im Land der Taliban“ und wartet auf mit grausigen Superlativen, entmutigenden Zahlen und der Abwesenheit einer auch nur halbwegs günstigen Perspektive. So waren etwa die ersten sechs Monate dieses Jahres in Kabul die blutigsten seit dem Sturz der Taliban 2001. Mitte August starben zweiunddreißig Menschen bei einem Selbstmordattentat auf eine Schule. Fast täglich ereignen sich Terroranschläge. Die Regierung? Hilflos. Die Sicherheitskräfte? Am Ende ihrer Kapazitäten.

          Ein bisschen Heimat in der Fremde

          Und die deutsche Mission? Läuft. Raman besucht das Camp Marmal nahe Mazar-i-Sharif am Fuße des Hindukusch. Bis 2012 waren dort mehr als fünftausend deutsche Soldaten stationiert, heute sind es noch tausendzweihundert. Auf einer gelben Tafel, die einem Ortseingangsschild nachempfunden ist, lesen wir: „Leipzig 4483,06 km“. Überhaupt die Schilder. An einer schmucklosen Klinkermauer ist ein weiß-blaues Polizeischild angebracht. Daneben, über einem Eingang, ein Schild mit der Aufschrift „Cop-A-Cabana“. Davor ein Schild, auf dem „Copland“ steht. An einer kahlen, mit Stacheldraht bewährten Wand hängt ein Schild, das auf einen „Zwingerclub“ hinweist.

          Autor Ashwin Raman im Pandschir-Tal.

          Die im Camp gefilmten Sequenzen sind deswegen so beklemmend, weil die Schilder ein Stückchen Heimat in die Fremde bringen sollen, tatsächlich aber erst wirklich spürbar machen, wie weit entfernt Deutschland ist. In der monochromen Wüste erscheint die von der Truppe aufgebaute Dekoration wie aus Zeit und Raum gefallen. Das trifft auch auf die vor Ort stationierten Soldaten zu. Im März 2018 verlassen sie Mazar-i-Sharif zum ersten Mal seit drei Jahren, um in Maimana die afghanische Armee mit besserer Ausrüstung zu versorgen. Das Ereignis wird auf einem bunten Plakat im neu errichteten Zeltlager angekündigt: „Oh, wie schön ist Maimanah“. Daneben der kleine Bär, der kleine Tiger und dessen hölzerne Tigerente. Von der Janosch-Idylle geht es schnell zurück in die Realität, wo afghanische Soldaten üben, wie man Straßenbomben unschädlich macht. Die Kompanie, welche von der deutschen Einheit ausgebildet werden soll, verfügt über zwanzig Metalldetektoren. Denen allerdings fehlen die Batterien. Die Bombenentschärfung ist damit vertagt.

          Häufig wechselnde Schlaglichter

          Auch die anderen Probleme, von denen Raman berichtet, verdeutlichen, dass Afghanistan ein Land am Abgrund ist: 2017 verdienten die Taliban vierhundert Millionen Dollar mit dem Drogenhandel; ein afghanischer Hauptmann erzählt von der mangelhaft ausgebildeten Armee; in Baglan liefern sich afghanische Soldaten fast täglich Kämpfe mit radikalen Islamisten; einer der Begründer der Taliban, Akbar Agha, bezieht monatlich tausend Dollar Unterhaltsgeld von der Regierung; in der ersten Hälfte dieses Jahres sind tausendsiebenhundert Menschen im Krieg am Hindukusch gestorben.

          Der nur dreißigminütige Film ist randvoll mit Informationen. Schauplätze und Interviewpartner wechseln in schneller Folge, der Sprecher deckt uns fast pausenlos mit Namen und Fakten ein. Das strengt an, und wir bekommen den Eindruck, ein wirres Episoden-Mosaik zu betrachten, welches erst einmal geordnet werden muss. Diese Schwäche ist zugleich die Stärke des Films. Denn die unüberschaubaren afghanischen Verhältnisse spiegeln sich in den vielen, häufig wechselnden Schlaglichtern, welche die Dokumentation auf ganz unterschiedliche Aspekte des Lebens wirft. So mögen Inhalt und Form zwar verwickelt sein. Das Zusammenspiel jedoch funktioniert verblüffend gut. Dies dürfte wohl der letzte Film des 1946 geborenen Reporters Ashwin Raman gewesen sein, zumindest der letzte, den er in einem Krisen- und Kriegsgebiet aufgenommen hat. Sein erster entstand unter dem Titel „With the Sandinistas“ im Jahr 1978. Der Sendeplatz, den das ZDF nun gewählt hat, erscheint nicht angemessen.

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