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ZDF-Doku über Seyran Ateş : Ein neues Haus für Allahs Kinder

  • -Aktualisiert am

Nach Eröffnung der Moschee wird Seyran Ate auf Grund einer Vielzahl an Morddrohungen unter Polizeischutz gestellt. Sie darf vorerst ihre Wohnung nicht verlassen. Bild: ZDF

Das ZDF porträtiert die mutige Juristin und Islamreformerin Seyran Ateş, die gegen alle Widerstände der Fundamentalisten in Berlin die liberale Ibn-Rushd-Goethe-Moschee eröffnet hat.

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          Sie kann einem leidtun, die unvorbereitet hereingeschneite Journalistin, die in das eben erschienene Buch von Seyran Ateş, „Selam, Frau Imamin“ (2017), nicht einmal hineingeschaut hatte – „Ähm, ich hab’s bei mir liegen“ – und von der Anwältin erstaunt abgebügelt wird: „Also müssen wir jetzt von vorne anfangen. Sie haben überhaupt keine Ahnung. Sie wissen gar nicht, was überhaupt eine Imamin ist.“ Sie habe eigentlich keine Lust mehr, das immer wieder zu erklären. Aber natürlich erklärt die Islamreformerin es dann doch: dass man als Imamin keine formale Ausbildung brauche, auch wenn sie ihre Lehrjahre gern so tituliere. Der Koran und die Hadithen legten lediglich fest, dass eine Person, die mehr wisse als die anderen, die Gemeinde leiten solle.

          Mit dem feurigen Temperament der ersten deutschen Imamin haben schon ganz andere Ego-Kaliber Bekanntschaft gemacht. Der Ahnungslosen ist sie allenfalls überdrüssig, die Orthodoxen aber, die mit der Berufung auf die Scharia einen patriarchal geprägten, Frauen deklassierenden Islam predigen – „Der Prophet sagt: Ein Volk, das Frauen zu Führerinnen macht, wird scheitern“ –, wecken den wahren Kampfgeist in der Berlinerin türkisch-kurdischer Abstammung. Muslimen, die das Verbergen von Frauen befürworten, damit die Gedanken nicht von Allah weg auf diese „Süßigkeit“ gelenkt würden, fährt sie hart in die Parade. Solche Männer, sagt sie, hätten ein Problem mit ihrer Sexualität.

          „Es geht mir um die Liebe in meiner Religion“

          Den Musliminnen, die das Kopftuch aus freiem Willen tragen, möchte Ateş es nicht wegnehmen, aber sie hält es für „Kindesmissbrauch“, jungen Töchtern eine solche Denkweise aufzuzwingen. Dass diese Frau, die islamische Fundamentalisten immer schon zur Weißglut reizte, auch noch die Chuzpe respektive den Mut besaß, eine liberale Moschee zu eröffnen, in der Männer und Frauen gemeinsam beten, seien sie nun Sunniten, Schiiten oder Alewiten, das führte zu so vielen Verwünschungen und Todesdrohungen, dass Seyran Ateş seither Tag und Nacht mit Personenschutz lebt. So hoch dieser Preis ist, wäre der Preis dafür, sich weiterhin wegzuducken oder ihren Glauben preiszugeben, für sie noch viel höher. „Es geht mir um die Liebe in meiner Religion“, sagt Ateş. „Ich kann es nicht mehr ertragen, dass der Islam nur noch mit Terror in Verbindung gebracht wird.“

          Beinahe zwei Jahre lang hat die Journalistin Güner Yasemin Balci die Frauenrechtlerin mit der Kamera begleitet, beginnend mit der Eröffnung der in einem Nebengebäude der Johanniskirche in Berlin-Moabit untergebrachten Ibn Rushd-Goethe-Moschee im Juni 2017. Auch wenn es nicht leicht war, abseits vom Presserummel am Eröffnungstag den Moscheealltag zu filmen – aus Angst haben viele Gemeindemitglieder Aufnahmen untersagt oder nur verdeckt zugelassen –, vermittelt die ohne Kommentar und Experteninterviews auskommende Dokumentation einen guten Eindruck davon, wie offen und – horribile dictu – aufgeklärt es in diesen Räumen zugeht. Man sieht auch, welche Sicherheitsvorkehrungen aus eben diesem Grund leider nötig sind, und das mitten in Deutschland „230 Jahre nach Kant und Voltaire und Feuerbach“, wie es der unablässig vor dem „islamischen Faschismus“ warnende Politikwissenschaftler Hamed Abdel-Samad im Film ausdrückt.

          Eine längere Passage zeigt den im Oktober 2017 durch die Presse gegangenen „Thesenanschlag“ an der Tür der umstrittenen, erzkonservativen Neuköllner Dar-As-Salam-Moschee durch Ateş‘ Mitstreiter Abdel-Hakim Ourghi. Der in Freiburg lehrende, die liberale Erneuerung seiner Religion auf der Grundlage einer historisch-kritischen Quellenanalyse propagierende Islamwissenschaftler wollte auf diese Weise nicht zuletzt sein Buch „Reform des Islam“ bewerben. Diskutiert werden die Thesen hier allerdings nicht. Daneben hat Henryk M. Broder den wahrscheinlich unauffälligsten Auftritt seiner Karriere. Er wirkt wie der leicht verlotterte Chauffeur von Abdel-Samad und steuert lediglich zwei wirre Kommentare bei, die freundlich übergangen werden. Die Kamera ist bei all dem zugegen, nah, aber unaufdringlich. Man weiß nur manchmal nicht, ob das programmatisch geschieht, die Direct Cinema-Tradition, oder einfach nur aus Mangel an Konzeption. Dreht man halt, was so los ist.

          Zu kurz kommt durch den Fokus auf die Moschee die Tätigkeit von Seyran Ateş als Anwältin, Autorin und Vortragsreisende, obwohl all diese Tätigkeiten ineinander greifen. Dafür erfahren wir Bedrückendes aus ihrer Istanbuler und Berliner Kindheit, von den Schlägen der Brüder, Cousins und des Vaters: „Das Haus meines Vaters erschien mir immer wie ein Gefängnis.“ Während ihres Studentenjobs im Frauenhaus überlebte Ateş nur knapp einen Mordanschlag. Das alles hat sie geprägt. Die inhaltlich starken Passagen aus der Autobiografie „Große Reise ins Feuer“ („Seyran“ bedeutet „große Reise“; „Ateş“ bedeutet „Feuer“) wurden allerdings arg ‚literarisch‘ eingesprochen und ästhetisch sehr schwach umgesetzt. Man hat sie einfach mit pathetischen Schwarz-Weiß-Bildern und emotionaler Musik zugekleistert. Obschon die Dokumentation also kein filmisches Meisterwerk darstellt, bleibt sie sehenswert, weil sie zeigt, wie weit der Weg zu einem liberalen Islam selbst in einem liberalen Land noch ist.

          Die große Reise – Seyran Ateş und der Weg zu einem reformierten Islam läuft in der Nacht von Montag auf Dienstag um 0.25 Uhr im ZDF.

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