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ZDF-Doku : Die Angst vor Chinas ehrgeizigen Plänen

  • -Aktualisiert am

Ringen um eine neue Weltordnung: Chinas Präsident Xi Jinping und der amerikanische Präsident Donald Trump Bild: Reuters

Ist es noch eine Frage des Systems? China hat im globalen Wettbewerb bereits gewaltig aufgeholt: Das ZDF zeigt eine alarmierende Dokumentation über den Vormarsch der asiatischen Supermacht

          Der Handelskrieg zwischen den Vereinigten Staaten und China hat begonnen. Dass Präsident Trump ihn auf typische Berserkerweise vom Zaun gebrochen hat, dominiert die Kritik. Doch scheint weiteres Zuwarten auch keine Alternative zu sein, das bringt diese recht beunruhigende Dokumentation – der erste Teil einer Supermächte-Trilogie – mit guten Argumenten zu Bewusstsein. Der an sich nicht ganz neue Tenor lautet, dass China dank seiner Wirtschaftskraft die führenden Marktwirtschaften der Welt schon bald zu überrollen drohe.

          Das Projekt der neuen Seidenstraße ist das Symbol dieses Griffs nach Westen, mit dem auch ein neues Wertesystem etabliert werde. Das Prinzip, Spitzentechnologie einzukaufen oder zu kopieren, um danach High-End-Waren (wie etwa Solarzellen) für den Weltmarkt billiger zu produzieren, erscheint hier als so kluges wie für den Rest der Welt gefährliches Kalkül. Zur Absicherung der neuen Weltmachtrolle diene militärische Stärke: China verfügt mit zwei Millionen Soldaten über die größte Armee überhaupt. Dass mehrere chinesische Akademiker abwiegeln und etwa betonen, es solle doch nur ein Bruttoinlandsprodukt auf Augenhöhe erreicht werden, kann die Filmemacher Annette von der Heyde und Stefan Brauburger nicht überzeugen.

          Im Schweinsgalopp durch zweitausend Jahre Geschichte

          Vielleicht hätte man auf den Ritt durch mehr als zweitausend Jahre chinesische Geschichte im Schweinsgalopp ganz verzichten sollen, denn auf diese Weise lässt sich kaum etwas erklären. Warum wurde denn nun die Schatzflotte Zheng Hes im 15. Jahrhundert plötzlich abgewrackt? Wird man der sogenannten „Kulturrevolution“ wirklich in siebzehn Sekunden gerecht, und das auch noch mit Sätzen wie „Die Revolution frisst ihre Kinder“?

          Der historische Schlenker legt eher falsche Fährten: Dass sich die Europäer im 19. Jahrhundert in China abscheulich aufführten (Stichwort Opiumkriege) oder dass ein deutscher General im Jahr 1900 als oberste Besatzungsinstanz in die verbotene Stadt einzog (Stichwort Boxeraufstand), begründet kaum die Politik Chinas unter Staatspräsident Xi Jinping, die auf einer Öffnung für die Weltmärkte und strikter Kontrolle nach innen fußt. Mehr noch: Man ginge damit dem „antiimperialistischen“ Gründungs-, Opfer- und Wiederaufstiegsmythos der Kommunistischen Partei Chinas auf den Leim, der im Film freilich gut seziert wird.

          Von der Konkurrenz unterschiedlicher Systeme

          Recht entspannt wirken die journalistischen Gesprächspartner. „Spiegel“-Chefredakteur Klaus Brinkbäumer gibt nur zu bedenken, dass man „nicht unterschätzen“ dürfe, dass das autoritäre chinesische Modell „attraktiv für viele Menschen“ sei, weil es die Armut zurückgedrängt habe. Nun legitimiert sich aber auch die Demokratie nicht nur philosophisch-ethisch, sondern ebenso ökonomisch. Womit also fährt ein Land letztlich besser?

          Den Wettstreit der Systeme hätte der Film genauer analysieren dürfen. Den China-Versteher gibt derweil der „Handelsblatt“- Korrespondent Frank Sieren, der dafür wirbt, „die Chinesen wirklich als Partner zu sehen, die eigene Vorstellungen haben und die natürlich die Weltordnung mitgestalten wollen“.

          Das sehen drei renommierte Experten deutlich kritischer. Da ist einmal Mikko Huotari vom Mercator Institute for China Studies, der das robuste Vorgehen des Landes bei der weltweiten „Ressourcensicherung“ genau kennt und daher mahnt: „Der Krieg um Afrika hat jetzt erst begonnen.“ Auch der massiv wachsende Druck Chinas auf Taiwan werde die Gewichte auf dem Weltmarkt verschieben.

          Die Sinologin Sarah Kirchberger, die beim Kieler Institut für Sicherheitspolitik arbeitet, weist darauf hin, dass China derzeit bedenkliche strategische militärische Allianzen etwa mit Russland eingeht und bereits heute qua Investitionen in Länder wie Griechenland hineinregiert, womit schon EU-Resolutionen gegen Menschenrechtsverletzungen untergraben worden seien.

          Vor allem aber der Hamburger Sinologe Kai Vogelsang, bekannt für seine so profunde wie klarsichtige Gesamtdarstellung der chinesischen Geschichte (2012) und hier auch als Berater fungierend, bringt viele Entwicklungen gut auf den Punkt. Der in China erreichte Wohlstand, so schließt er, sei mitnichten ein Grund zur Entwarnung: „Jetzt kriegen wir eine technisch hochgerüstete Diktatur, wie die Welt sie noch nie gesehen hat.“ Für Blauäugigkeit, das ist die Quintessenz, bleibt keine Zeit mehr. Die im Titel als Frage formulierte „Angst vor China“ soll also keineswegs genommen werden. Ob aber ein Handelskrieg viel ausrichten kann, wird vielleicht die nächste Folge zur wankenden Supermacht Vereinigte Staaten zeigen.

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