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ZDF-Chefredakteur zum Talk-Programm : Brennglas statt Elfenbeinturm

  • -Aktualisiert am

„Talkshows brauchen Überraschungen“: schreibt Peter Frey, der Chefredakteur des ZDF, in seinem Gastbeitrag Bild: ZDF / Carmen Sauerbrei

Am Talk-Fernsehen wird viel Kritik geübt. Häufig ist diese wohlfeil. Denn Talkshows können nicht besser sein als die Politik, sie müssen aber so bunt sein wie die Realität.

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          Immer dieselben Gäste, Unterhaltung statt Information, Personalisierung statt Themenorientierung: die Kritik an politischen Talkshows ist bekannt und wohlfeil. Parallel zur sogenannten Talkshowschwemme gibt es eine nicht abebbende Kritikflut. Sie erreicht auch das ZDF, das mit „Maybrit Illner“ nur eine und nicht fünf politische Talkshows produziert.

          Hinter der Kritik steckt auch die Sehnsucht nach einer reinen Politik. Nicht wer sich am besten präsentiert, soll sich durchsetzen, sondern der fähigste Kopf mit den besten Argumenten. Die Talkwelt soll schöner als die Wirklichkeit sein. Doch das kann sie nicht. Ob im Wahlkampf oder im Parlament: Inszenierung, Emotionen und Persönlichkeit spielen eine Rolle, nicht nur im Fernsehen, sondern auch in der politischen Realität. In einer guten Talkshow wird die große Politik wie in einem Brennglas sichtbar.

          „Talkshows brauchen Überraschungen“

          Was macht einen Talk interessant oder fade? Am wichtigsten ist die Vielfalt der Gäste. Talkshows dürfen nicht zu Sitcoms werden, in denen immer die gleichen Leute oder bestimmte Typen auftauchen. Sie sollten keine Rollen besetzen und auch nicht vermeintlich sichere Quotenbringer präsentieren. Sicher, eine gute Quote signalisiert, dass die Sendung beim Publikum angekommen ist. Talk-Macher sollten aber auch auf Risiko spielen, schwächere Einschaltquoten akzeptieren, weil das Thema oder noch unbekannte Protagonisten ganz einfach Sendezeit verdienen.

          Keinesfalls sollte man Redaktionen mit starren Quotenvorgaben oder Erfolgsprämien zwingen, keine Experimente zu wagen. Talkshows brauchen Überraschungen: Unternehmer, die gegen den Strich bürsten, Gewerkschafterinnen, die jenseits des Funktionärssprech argumentieren, Menschen aus der Praxis, die sich nicht aufs Betroffenensofa verdrängen lassen. Statt der immer gleichen grauhaarigen Polit-Pensionäre sollten da junge Frauen oder erfolgreiche Migranten sitzen, die sich und ihre Sicht aufs Leben einbringen. Die deutsche Wirklichkeit ist sehr viel bunter als die meisten Talkrunden.

          Professionalisierung der Gäste

          Wer sich Fernsehdebatten aus vergangenen Jahrzehnten ansieht, kann eine frappierende Beobachtung machen. Damals wurde auf nicht wesentlich höherem Niveau diskutiert. Da machen einige Nostalgiker das Fernsehen der Vergangenheit besser, als es war. Doch der Ton war offenherziger. Heute haben wir es mit einer Professionalisierung der Kommunikation unserer Gäste zu tun. Politiker wissen, wie sich aus jedem von ihnen ausgesprochenen Wort im Internet ein Sturm der Entrüstung erheben kann.

          Sie haben ihre Gegenstrategien entwickelt: Die einen sind nur mehr in ausgesuchten Situationen bereit, sich Diskussionsrunden zu stellen. Andere haben ihre Positionen so perfekt einstudiert, dass überraschende, lebendige Aussagen kaum zu bekommen sind. Dritte wählen gezielt weniger politische Formate aus, wo sie sich sympathisch „als Mensch“ präsentieren können und keine Konflikte austragen müssen. Wer 34 Talk-Auftritte in einem Jahr absolviert, der verliert seine Spontanität - bis zum Preis der Unkenntlichkeit.

          Kaum eine Gattung des Fernsehjournalismus wird mehr geschmäht als der Polittalk. Das ist oft ungerecht - schon weil das Publikum sich dem verächtlichen Gähnen der politisch-medialen Klasse nicht anschließt. Talk bleibt ein Erfolgsformat. Das sollte die Verantwortlichen aber nicht zum Programm-Zynismus verführen. Im Talk sollte Unvorhergesehenes, ja Aufklärerisches geschehen, katalysiert durch eine kompetente, vorwärtsstrebende Moderation, die weiß, wo sie sich zurückhalten muss, und mit Gäste-Konstellationen, die Funken schlagen. Die Einbindung „sozialer“ Medien bietet neue Chancen, die Realität in die Sendungen zurückzuholen. Offene Kommunikation von und nach außen kann eingefahrene Rituale durchbrechen, wenn sie selbstverständlich daherkommt, wie etwa im interaktiven ZDFinfo-Talk „log in“.

          Wer im Talk-Geschäft arbeitet, der lebt nicht nur mit extremer Konkurrenz, sondern auch unter ständiger Beobachtung. Dabei erfolgreich zu sein, originell zu bleiben und sich immer weiter zu entwickeln, das ist eine große Aufgabe. Gelingt das, dann werden Talkshows dreierlei: interessante Politikvermittlung, richtig gute Unterhaltung und ein Stück vom Leben. Die bessere Politik können sie nicht sein.

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