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ZDF & Bavaria : Elefantenhochzeit

Es ist ein großer Schritt für die Beteiligten und ein noch größerer für die deutsche Produzentenszene: Das ZDF und die Bavaria wollen künftig gemeinsam produzieren. Michael Hanfeld über die neue Partnerschaft.

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          Das ist ein großer Schritt für die Beteiligten und ein noch größerer für die deutsche Produzentenszene. Wenn alles wie geplant läuft, wird Ende Juni/Anfang Juli ein öffentlich-rechtliches Produktionsbündnis spruchreif, das seinesgleichen sucht: Die ZDF-Enterprises, Tochterfirma des Mainzer Senders, und die Bavaria Film, mehrheitlich getragen von Sendern der ARD, wollen eine gemeinsame Fernsehproduktionsfirma führen. Die Bavaria hat ZDF-Enterprises angeboten, als Teilhaber - mit fünfzig Prozent - in die am 1. Februar gegründete, bislang eigenständige „Bavaria Fernsehproduktion GmbH“ einzusteigen. Verwaltungs- und Aufsichtsräte müssen dem Bündnis noch zustimmen, die Praktiker sind sich dem Vernehmen nach aber so gut wie handelseinig. Die Konkurrenten auf dem umkämpften Markt laufen Sturm.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          „Es gibt konkrete Gespräche aufgrund konkreter strategischer und wirtschaftlicher Interessen, aber noch keine konkreten Entscheidungen“, sagte der Geschäftsführer der ZDF-Enterprises, Alexander Coridaß, im Gespräch mit dieser Zeitung. Der Bavaria-Geschäftsführer Matthias Esche äußert sich ähnlich. Er sieht in der geplanten Verbindung, wie er sagt, „eine nachhaltige Win-Win-Situation für die beiden Partner - und Dritten wird damit nicht geschadet“.

          Partner statt Konkurrenten

          Der Gewinn für das ZDF liegt auf der Hand. Der Mainzer Sender ärgert sich von jeher schwarz darüber, dass etliche Produktionen fürs Zweite von ARD-Tochtergesellschaften produziert werden, umgekehrt aber kaum Aufträge der ARD bei der ZDF-Tochtergesellschaft Network Movie landen, die in Köln und Hamburg ansässig ist. Deshalb wurde dem Vernehmen nach erwogen, mit Network Movie nach München zu gehen. Das aber hätte zusätzliche Konkurrenz für die rund vierzig freien Produzenten in der bayrischen Landeshauptstadt und für die Bavaria bedeutet. Insofern lag es für die Bavaria nahe, dem ZDF zuvorzukommen und ein Angebot für eine Partnerschaft zu unterbreiten, das offenbar („sehr fair“) so günstig ist, dass man in Mainz gar nicht nein sagen konnte.

          Matthias Esche: „Eine nachhaltige Win-Win-Situation für beide Partner”

          Schließlich produziert die Bavaria schon jetzt breite Sendestrecken fürs Zweite für geschätzte fünfzehn Millionen Euro pro Jahr - wie die „Rosenheim Cops“ und die Lindström-Filme. Ein Teil der daraus resultierenden Gewinne flösse künftig an das ZDF zurück. Bislang vergibt das ZDF nach Branchenmeinung Aufträge von achtzig bis neunzig Millionen Euro pro Jahr an ARD-Töchter, bei Network Movie sollen im Gegenzug ARD- Aufträge für nur gerade mal eine Million Euro landen. Das würde sich mit der gemeinsamen Produktionstochter Bavaria Fernsehen sicherlich ändern.

          Anti-Ufa-Koalition

          Doch beteuern die Partner in spe, dass deshalb noch lange nicht ganze Kontingente dem Wettbewerb entzogen würden und automatisch nicht mehr bei anderen, sondern nur bei ihnen landeten. Vor allem seien die kleineren Produzenten nicht betroffen, die sich aufgrund ihrer Kapazitäten auf Einzelfilme konzentrieren müssen, wie sie im deutschen Fernsehen vor allem bei ARD, ZDF und Sat.1 laufen. Allerdings sind Serien, Daily Soaps, Telenovelas, „Tatorte“ und „Polizeirufe“ (von denen die Bavaria angeblich im Augenblick achtzehn pro Jahr schon hat) ungleich attraktiver. Und sie sind das Wettbewerbsfeld, auf dem sich die öffentlich-rechtliche Bavaria vor allem mit der privaten Ufa misst - die für alle Sender produziert, aber selbst zu Bertelsmann gehört, was wiederum die Öffentlich-Rechtlichen wurmt, die einen Teil des Geldes, das sie für Produktionen ausgeben, natürlich am Ende gerne bei sich selbst und nicht bei dem großen privaten Konkurrenten wiedersehen. Und sie möchten selbstverständlich die Rechte an den Produktionen behalten und verwerten. Insofern dürfte man nicht falschliegen, wenn man das ZDF-Bavaria-Bündnis - auch - als Anti-Ufa-Koalition interpretiert.

          Für den Vorstandsvorsitzenden des Bundesverbands Deutscher Fernsehproduzenten, Bernd Burgemeister, aber ist der ZDF-Bavaria-Plan „der Anfang vom Ende einer ohnehin nur noch halbwegs funktionierenden Fernsehproduktionslandschaft“, wie er im Interview mit dem Fachblatt „Blickpunkt Film“ sagte. Die Lage in Deutschland sei geprägt durch übermächtige Sender, nirgends sonst sei „der Anteil der Programmbeschaffung durch Tochter- oder Enkelfirmen von Sendern so hoch wie bei uns“. Die Geschäftsführerin des Produzentenverbands „Film20“, Georgia Tornow, hat sich mit einer ähnlichen Argumentation in einem Schreiben an die Staatskanzleien der Bundesländer gegen das Bündnis von ZDF und Bavaria gewandt.

          Zeichen stehen auf Sturm

          Die in vier Verbände gespaltene Produzentenszene in dieser Frage auf einen Kurs zu bringen dürfte allerdings schwierig sein, allein weil die zahlreichen Töchter von ARD und ZDF dort auch mitreden. Nichtsdestotrotz wird derzeit eine „Produzenten-Allianz“ geschmiedet, in der sich alle wiederfinden sollen. Der Bavaria-Geschäftsführer Esche sagt allerdings angesichts der Kritik an seiner Geschäftspolitik: „Wir fragen uns ernsthaft, ob wir durch unsere Verbandsmitgliedsbeiträge die Lobbyarbeit gegen die Bavaria finanzieren sollen.“ Die Zeichen stehen also auf Sturm.

          Mit der Partnerschaft rüstet sich das ZDF über seine Tochter Enterprises, die den Programmvertrieb abwickelt, mit Lizenzen handelt und koproduziert, auch für das digitale Zeitalter, in dem sich die Mainzer als Einzelsender ohnehin benachteiligt sehen. Da liegt es nahe, nicht nur - wie alle anderen - eine digitale Sendeplattform aufzubauen, sondern auch einen möglichst großen Stock an Senderechten. Der Bavaria-Chef Esche führt mit dem Bündnis derweil die Politik seines wegen des Marienhof-Schleichwerbeskandals geschassten Vorgängers Thilo Kleine weiter, der die Bavaria durch neue Tochtergesellschaften mit MDR, SWR, WDR und Radio Bremen auf ein immer breiteres Fundament gestellt hat. An den Tochtergesellschaften „Bavaria Studios“ und „Enterprises Sonor“ ist das ZDF schon beteiligt.

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