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Fridtjof Küchemann, Redakteur im Feuilleton

Youtubes Nutzungsbestimmungen : Missachtung

Geschäftstüchtig: Youtube-Chefin Susan Wojcicki im Februar 2017 in Los Angeles Bild: AP

Vor zwei Jahren hatte Youtube geklagt, es könne „zu riskant“ werden, weiter „Inhalte von kleinen Videomachern zu präsentieren“. Jetzt öffnet es die Clips der Kleinsten für Werbung – ohne diese zu beteiligen.

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          Youtube hat die Kleinen für sich entdeckt. In einer Neufassung ihrer Nutzungsbestimmungen, die seit Mittwoch in Amerika gelten und von Mitte kommenden Jahres auch in allen anderen Ländern gelten sollen, nimmt sich die Video-Plattform das Recht, künftig auch Werbung bei Videos zu schalten, deren Produzenten nicht am „Youtube Partner Program“ teilhaben. Dieses Programm steht Nutzern offen, deren Kanal mindestens tausend Abonnenten zählt und in den vergangenen zwölf Monaten mindestens viertausend Stunden „gültiges“ Video-Material angeboten hat. Die übrigen der insgesamt mehr als 31 Millionen Channels werden mit der in einem nüchternen Blogpost angekündigten Neuerung jetzt – wenn sich die Videos als Umfeld dafür eignen –ebenfalls mit Werbung versehen. Nur ihre Betreiber haben nichts davon.

          Der Ton war bei Youtube nicht immer derart unterkühlt. Ein emotionaler Höhepunkt war vor gut zwei Jahren erreicht, als die Chefin Susan Wojcicki den aktiven Nutzern ihr Herz ausschüttete. Ihre Sorge: „Das Internet, wie wir es heute kennen“, könnte sich „drastisch verändern“. Die von Youtube „Creators“ genannten Nutzer, die Videos hochladen, rief sie zu energischem Protest gegen das damals geplante Urheberrecht auf. Eindringlich warb sie dafür, dass die Creators ihr Publikum für eine missliche Lage sensibilisierten: „Der Vorschlag“, so Wojcickis düsteres Szenario, „könnte Plattformen wie Youtube dazu zwingen, nur eine kleine Anzahl von Inhalten großer Unternehmen zuzulassen. Es wäre schlichtweg zu riskant, Inhalte von kleinen Videomachern zu präsentieren, da die Plattformen nun direkt für diese Inhalte verantwortlich wären.“ Dabei wisse Youtube durchaus, „wie wichtig es ist, dass alle Rechteinhaber angemessen entschädigt werden“.

          Die Urheberrechtsrichtlinie der EU, von Youtube so vehement bekämpft, soll bis zum 7. Juni 2021 in deutsches Recht umgesetzt werden. Dabei sollen, wie die Bundesregierung bekräftigt, „Upload-Filter nach Möglichkeit verhindert, die Meinungsfreiheit sichergestellt und die Nutzerrechte gewahrt werden“. Bislang ist die von Susan Wojcicki beschworene drastische Veränderung des Internets ausgeblieben*. Stattdessen hat das findige Unternehmen einen Weg gefunden, das im Oktober 2018 noch als untragbar beschriebene Risiko, auch für mögliche Urheberrechtsverletzungen kleiner Kanäle im Zweifelsfall einstehen zu müssen, zu finanzieren: indem sich Youtube bei diesen kleinen Kanälen bedient.

          Der Anteil an den Werbeeinnahmen, den Youtube an seine „Partner“ weitergibt, ist denkbar gering: Für ein paar tausend Aufrufe eines einzelnen Clips kann sich ein „Creator“ gerade einmal einen Kaffee kaufen. Der jetzt angekündigte Schritt zeigt jedoch nicht nur, was das Unternehmen heute noch von der eigenen Beteuerung hält, sehr wohl zu wissen, „wie wichtig es ist, dass alle Rechteinhaber angemessen entschädigt werden“. Er zeugt von Missachtung.

          * Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Fassung dieser Glosse heißt es irrtümlich, „das von Youtube so vehement bekämpfte reformierte Urheberrecht“ sei in Deutschland seit Anfang 2019 in Kraft. Vielmehr dauern die Konsultationen an. Die Frist für die Umsetzung der EU-Richtlinie endet am 7. Juni 2021.

          Fridtjof Küchemann
          Redakteur im Feuilleton.

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