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Youtube und Journalismus : Essen Neonazis eigentlich Döner?

Einer der Gäste bei „Frag ein Klischee“: Der ehemalige Neonazi Philip Schlaffer Bild: Screenshot Youtube

Youtube ist für den Journalismus Fluch und Segen zugleich: Die Produktionsfirma Hyperbole versucht beides zu verknüpfen – und setzt dabei auf die Subjektivität von Protagonist und Publikum.

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          Als sich Jawed Karim im Frühjahr 2005 dabei filmen lässt, wie er vier ziemlich belanglose Sätze in eine Videokamera spricht, wirkt der damals 26-Jährige etwas unbeholfen. Gleichzeitig gibt er dezidiert die Richtung vor. Am 23. April 2005 lädt Karim, einer der drei Gründer der Videoplattform Youtube, den neunzehn Sekunden langen Clip mit schlechter Bildqualität ins Netz. Es ist das erste Video auf Youtube. Zu sehen ist er mit dunkelblauem Pulli und einer Regenjacke vor dem Elefantengehege im Zoo von San Diego. Zu hören sind nur vier Sätze: „Ich stehe hier vor den Elefanten. Und das Coole an ihnen ist, dass sie wirklich, wirklich lange Rüssel haben. Und das ist cool. Mehr gibt es nicht zu sagen.“ Es sind Sätze, deren Botschaft ebenso unmissverständlich wie genial ist: Das hier ist Youtube. Und hier kann (fast) alles passieren – ganz egal, wie belanglos, trivial oder irrelevant.

          David Lindenfeld
          Volontär.

          In den Anfangsjahren gab das die Richtung vor im Kampf der konkurrierenden Videoplattformen um die Aufmerksamkeit der Nutzer. Youtube legte mit dem Slogan „Broadcast yourself“ zugleich den Fokus auf das Individuum, das „sich selbst übertragen“ sollte, und damit den Grundstein für zahlreiche Formate, die in den darauffolgenden Jahren geschaffen wurden. In ihnen geht es längst nicht mehr um banale Fakten über Elefanten.

          Große Ziele

          Youtube hat sich mittlerweile gewandelt: Zu einem Portal, auf dem einerseits Verschwörungstheoretiker ihre Botschaften oft ungehindert in die Welt senden können, auf dem andererseits aber auch zunehmend seriöse Inhalte zu finden sind. Es gibt unzählige Kanäle mit Tipps und Tricks, solche, die Wissen vermitteln, und inzwischen auch vermehrt unabhängige journalistische Formate, die sich ihren Themen mitunter aus einer anderen Perspektive nähern als die etablierten Medien. Für den Journalismus ist das deshalb relevant, weil Youtube das Potential hat, jüngere Menschen zu erreichen. In Deutschland nutzen laut einer Studie aus dem Jahr 2018 89 Prozent der 18 bis 34-Jährigen Youtube. Tendenz steigend.

          Hierzulande setzt sich der gleichnamige Kanal der Videoproduktionsfirma Hyperbole mit einem solchen Programm hohe Ziele: „Wir wollen, dass HyperboleTV innerhalb von zwölf Monaten der größte unabhängige Youtube-Kanal für journalistische Inhalte in Deutschland wird“, sagt der Gründer der Firma, Bastian Asdonk, im Gespräch mit der F.A.Z. Hyperbole gehört seit Anfang August als eines von rund 60 Medienunternehmen aus aller Welt zum „Google Sustainability Lab“, einem Netzwerk, das Unterstützung bei der Umsetzung von nachhaltigen und unabhängigen Videojournalismus-Formaten auf Youtube leistet und den Austausch fördert.

          Der Erfolg solcher Medien basiert meist nicht darauf, dass sie herkömmliche Formate kopieren und ersetzen, sondern das Angebot ergänzen. Hyperbole ist das mit der Reihe „Frag ein Klischee“ gelungen, das anfangs in Kooperation mit der Süddeutschen Zeitung erschien. Viele Videos wurden bereits millionenfach aufgerufen, der Kanal bringt es nach eigenen Angaben im Monat auf sieben Millionen Aufrufe und eine „Watchtime“ von 880.000 Stunden. Die Idee hinter dem Format ist simpel: Die Fragen stellen keine Journalisten, sondern die Zuschauer. Für die einzelnen Episoden wird jeweils ein Protagonist mit einem bestimmten Hintergrund eingeladen. Das Publikum kann ihm im Vorfeld Fragen aller Art stellen, die Redaktion wählt aus.

          Mörder zu Gast

          Ziel ist es laut Asdonk, dass solche Fragen gestellt werden, die man sich im realen Leben nicht zu stellen traut: „Wir merken, dass politische Korrektheit in unserer Gesellschaft dazu führen kann, dass man über bestimmte Themen gar nicht mehr redet. Es war auch die Idee, dass gerade die klischeehaften Fragen gestellt werden, bei denen man sich unwohl fühlt und denkt: Ja, das interessiert mich, und es tut mir leid, ich weiß es einfach nicht.“ Oft denke man: „Alles ist so aufgeklärt, über jedes Tabu wurde schon gesprochen, aber in Wirklichkeit merkt man doch, dass es ganz viele Dinge gibt, über die man dann eben doch nicht so einfach reden kann.“

          Zu sehen waren in den Videos schon zahlreiche Personen aus unterschiedlichen Gesellschaftsgruppen. Von einer Domina über eine Zeugin Jehovas bis hin zu einem Schizophrenen, einer Entführten oder mehreren Kriminellen: Ein Mörder war bereits als Gast dabei, ebenso ein Drogenschmuggler und ein Bankräuber. Die Fragen können mitunter kurios sein, kennen aber keine Scheu: Hast du als Neonazi Döner gegessen? Ekelst du dich als Frauenärztin manchmal vor deinen Patientinnen?

          Viel Verantwortung

          Solange die Haltung der Fragenden „interessiert, wohlmeinend und respektvoll ist“, sei alles zulässig, sagt Asdonk. Was für Youtube den entscheidenden Vorteil gegenüber linearem Fernsehen darstellt, ist die unkomplizierte Beteiligung der Nutzer. Die sogenannte Community ist Teil des Formats und baut so eine emotionale Bindung zu dem Produkt auf, das sie von Folge zu Folge begleitet. „Wir haben über Jahre Zuschauer gewonnen, die ziemlich aufgeklärt sind. Das merkt man in der Diskussion, die oft anders abläuft bei uns als auf anderen Kanälen“, sagt Asdonk.

          Zu Wort kommen in den Formaten Menschen wie der ehemalige Hedgefondsmanager und Milliardär Florian Homm. Das sind laut Asdonk „Typen, die wissen, wie sie sich inszenieren“. Und dann gibt es Menschen, die persönlichste Dinge von sich preisgeben, wenn sie darüber sprechen, wie sie vergewaltigt wurden oder welche Neigungen sie haben. „Die muss man als Produktionsfirma manchmal auch vor sich selbst schützen“, sagt Asdonk. Für viele sei das Format aber eine „Katharsis-Erfahrung“.

          Nicht immer steht die Einzigartigkeit des Protagonisten im Vordergrund: Oft bemühen sich die Clips, die bis zu einer halben Stunde lang sein können, um einen aktuellen Bezug. Vor Kurzem rief der Kanal dazu auf, Fragen an einen deutschen Fallschirmjäger einzusenden, der in Afghanistan gegen die Taliban kämpfte. In Zukunft soll es auf Youtube weitere Hyperbole-Formate zu sehen geben, sagt Asdonk. Orientieren sollen sie sich an „Frag ein Klischee“. Das Geld dafür verdient die Firma mit Auftragsproduktionen.

          Am Beispiel Hyperbole wird erkennbar, welche Herausforderungen der Medienwandel unserer Zeit birgt. Inhalte auf Youtube mit journalistischem Anspruch sind Chance und Gefahr zugleich: Formate wie „Frag ein Klischee“ bieten die Bühne für subjektive Erzählungen, die eine Debatte selten in ihrer ganzen Komplexität abbilden können. Grenzen verschwimmen: Was Fakt ist und was Meinung, ist oft schwer voneinander zu trennen. Das kann höchst problematisch werden – vor allem, wenn sich die Zuschauer ihre Ansichten zunehmend nur noch über Youtube-Formate dieser Art bilden.

          Der Diskurs wäre eingeschränkt, die Chance für Verschwörungstheoretiker, ihre Inhalte in einem undurchsichtigen Mediendschungel in den Köpfen der Menschen zu platzieren, um einiges größer. Den Produktionsfirmen, die seriösen Journalismus bieten wollen, kommt eine große Verantwortung zu. Wem bieten sie eine Plattform und wem nicht? Was senden sie in die Welt? Und vor allem: wie? Jawed Karim hatte es da einfacher: Elefanten, lange Rüssel, und das war’s. Doch diese Zeiten sind lange vorbei.

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