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Wulffs Rücktritt als Doku-Drama : Der Prozess

Kai Wiesinger und Anja Kling in Thomas Schadts Doku-Drama Bild: Stefan Erhard

In Berlin wird gerade ein Film über den ehemaligen Bundespräsidenten Christian Wulff gedreht: „Der Rücktritt“. Das Doku-Drama nimmt sich vor, die Geschichte genau und auch von innen heraus zu rekonstruieren. Das wirft viele Fragen auf.

          Einen funktionierenden Flughafen haben sie hier draußen, vor den Toren Berlins, noch lange nicht. Aber ein Trainingszentrum. An der Lilienthalstraße in Waltersdorf findet sich eine Dependance der Firma TFC-Kaeufer. Fliegendes Personal wird hier trainiert, Schönefeld ist in Sichtweite. In der Luft sieht man an diesem Morgen gerade einmal einen einzigen Flieger, dafür stehen zwei halbe Maschinen in der Halle. An denen übt heute allerdings keine Kabinencrew den Notausstieg per Rutsche, gedreht wird ein Film: „Der Rücktritt“. Er handelt von den letzten Tagen der Amtszeit des ehemaligen Bundespräsidenten Christian Wulff.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Er sieht mitgenommen aus, dieser Christian Wulff, den Kai Wiesinger spielt. Er nimmt die Brille ab, reibt sich die Augen, reibt sich den Nacken, setzt die Brille wieder auf und starrt ins Leere. Ihm gegenüber macht seine Frau Bettina (Anja Kling) eine nicht weniger betretene Miene. Es herrscht lähmendes Schweigen. Der Regisseur Thomas Schadt lässt die Kamera lange auf den Gesichtern verweilen, ihm kommt es auf jede Regung, auf jede Nuance an. Schadt ist ein Meister der Dokumentation, aber auch der Innenschau. Bilder, die ohne Worte viel erzählen, sind sein Metier.

          Neuneinhalb Wochen

          In der Szene, die wir im Film direkt davor sehen werden, tritt Kai Wiesinger alias Christian Wulff den im Flieger versammelten Journalisten gegenüber. Er will sie auf den Staatsbesuch in Italien einstimmen, doch dafür interessiert sich hier keiner. „Jetzt muss er zurücktreten“, sagt ein Reporter, bevor Wulff erscheint. Es wird ein peinliches Verhör. Der „Bild“-Redakteur Martin Heidemanns gibt den Ton vor. Er fragt nach den Abrechnungen der Reisen, die Wulff mit dem Filmproduzenten David Groenewold unternommen hat, nach der Rechnung fürs Hotel. Die Staatsanwaltschaft in Hannover nehme Ermittlungen gegen ihn auf, sagt ein anderer Journalist. Vor juristischen Fragen sei ihm noch nie bange gewesen, antwortet Wulff und wirkt endgültig ratlos. Seine Sprecherin Petra Diroll (Valerie Niehaus) bugsiert ihn in den vorderen Teil der Maschine. Nur weg. Wir schreiben den 13. Februar 2012, vier Tage später wird Wulff zurücktreten. Das liegt an diesem Tag buchstäblich schon in der Luft.

          „Es geht“, sagt Regisseur Thomas Schadt, „um die detaillierte, genaue Schilderung der äußeren Ereignisse und um die Introspektion.“

          Es ist nicht ohne Risiko, den Rücktritt Christian Wulffs rund anderthalb Jahre nach dem realen Geschehen in einem Doku-Drama erzählen zu wollen. Der Prozess in Hannover, in dem es vor allem um Wulffs Beziehung zu dem Filminvestor Groenewold gehen wird, folgt erst noch. Was dabei herauskommt, dürfte zur Bewertung der politischen Vita Christian Wulffs noch einmal beitragen. Doch das ist die Sache des Regisseurs Thomas Schadt nicht. Ihm geht es um eine Rekonstruktion vor allem der 68 Tage, die zwischen dem verhängnisvollen Anruf Wulffs bei dem „Bild“-Chefredakteur Kai Diekmann (der Rubikon sei überschritten) und dem Rücktritt lagen. „Ich arbeite an diesem Film wie zuvor an dem Film über Helmut Kohl - als Dokumentarist“, sagt Schadt. „Und ich gehe an die Geschichte mit dem größten Respekt für alle Beteiligten heran. Wir stellen den Fokus scharf auf einen Prozess. Es ist eine filmische Feldforschung, bei der wir uns die Frage stellen: Was ist da eigentlich gelaufen? Und wie hat es auf die beiden wichtigsten Figuren gewirkt? Auf Christian und Bettina Wulff. Was hat sich in diesen neuneinhalb Wochen im Schloss abgespielt? Es geht um die detaillierte, genaue Schilderung der äußeren Ereignisse und um die Introspektion.“

          Mehr als eine Erzählung von Gut und Böse

          Was die äußeren Abläufe angeht, greift Schadt auf die Zusammenarbeit mit dem „Spiegel“-Journalisten Jan Fleischhauer zurück. Der Produzent Nico Hofmann hat zudem die Rechte an dem Buch „Affäre Wulff“ der „Bild“-Redakteure Martin Heidemanns und Nikolaus Harbusch gekauft. Die Rechte an dem Buch von Bettina Wulff („Jenseits des Protokolls“) waren nicht zu erwerben. Gesprochen hat das Filmteam mit zahlreichen Beteiligten auf allen Seiten, auch mit Wulffs ehemaligem Sprecher Olaf Glaeseker (der sich angeblich selbst gern gespielt hätte). So soll sich Teilchen an Teilchen fügen und ein Mosaik entstehen, von dem der Regisseur Schadt denkt, es könne ein „Sittengemälde“ werden: „Diese Geschichte wirft ein Licht auf unsere gegenwärtige Gesellschaft“, sagt er. „Mich interessieren die hier wirkenden Kräfte. Der Film erzählt von einer Überforderung, die alle an dem Prozess Beteiligten betrifft. Da haben wir die Wulffs, die engsten Berater des Bundespräsidenten, dann die Medien und dann den Apparat - das Protokoll, das den Alltag des Bundespräsidenten bis ins kleinste Detail beherrscht.“ Der Produzent Nico Hofmann schildert es ganz ähnlich. Auf drei Ebenen gestalte sich der Film: „Da gibt es die Medien, die Politik und die persönliche Ebene. In der Zusammenschau dieser drei Ebenen könnte der Film eine Neubewertung der Ereignisse hervorbringen. Er soll eine tiefere und andere Bewertung ermöglichen.“

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