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Haiangriffe werden umbenannt : Wortklaube-Hai

Bitte recht freundlich: Ein weißer Hai ist kein Monster, begegnen möchte man ihm dennoch mit ausreichend Abstand. Bild: dpa

Zähne ziehen: Um dem Angstkult entgegen zu wirken, der Haie umgibt, fordern australische Wissenschaftler, nicht mehr von „Angriff“ und „Beißen“ zu sprechen. Nun greifen Behörden auf harmlosere Alternativen zurück.

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          Mit Worten lassen sich schöne, nützliche und abscheuliche Dinge tun. Sie können Realität schaffen oder erweitern. Sie können die Realität kaschieren und ihr etwas nehmen. Das Ringen um Worte, was sie bedeuten, wem sie nutzen, wen sie verletzten – es ist eine Hochseeschlacht auf dem Meer der Möglichkeiten. Leider geht es nicht mehr nur darum, ob Raider jetzt Twix heißt, sondern vor allem darum, ob man es jenen Schokoriegelfans zumuten kann, die vielleicht ihre komplette Identität und Weltsicht auf Raider aufgebaut hatten – meist ohne sie selbst zu Wort kommen zu lassen.

          So oder so ähnlich geht es den Haifischen vor Australiens Küsten. Sie haben das Problem, als menschenfressende Monster verschrien zu sein – was für manche Menschen einen Teil ihrer Faszination ausmacht –, ohne sich dazu äußern zu können. Aus diesem Grund fordern Meeresbiologen und Aktivisten wie Leonardo Guida von der Australian Marine Conservation Society, künftig auf Begriffe wie „Angriff“ (attack) zu verzichten, um den Angstkult zu schwächen, der die vom Aussterben bedrohten Tiere umgibt und ihren Schutz erschwert. Das Ergebnis dieser lobenswerten Absicht ist, dass Behörden in Queensland nun bei dem, was früher Haiangriff oder -attacke genannt wurde, von „negativen Begegnungen“ (negative encounter) sprechen, während in New South Wales von „Vorfällen“ (incident) oder „Interaktionen“ gesprochen wird.

          Eine Schlagzeile wie die vom 5. Juli – „Mann vor der Nordküste von New South Wales von Hai gebissen“ (Australian Associated Press) – lautete dann: „Mann vor der Nordküste von New South Wales hat negative Begegnung mit Hai“. Zumindest war diese Begegnung nicht tödlich; ein Surfer, der am 18. Mai mit einem Viereinhalb-Meter-Hai auf negative Weise interagierte, hatte weniger Glück.

          Nun gehört zur Wahrheit über den Angstkult um diese Fische auch, dass viel seltener reale Vorfälle dazu beitragen, Haie als Monster zu sehen, als eine ganze Reihe von Filmen, bei denen man vermutlich mit ein paar Titeländerungen schon einiges erreichen könnte: „Jaws“ (Kiefer) könnte etwas harmloser zu „Fin“ (Flosse) werden. Der Fernsehfilm „12 Days of Terror“ könnte „Almost Two Weeks of Negative Encounters“ heißen. „Haialarm auf Mallorca“ käme als „Haiinteraktionen auf Mallorca“ weniger alarmistisch daher. Würden Haie hingegen Horrorfilme über Menschen drehen, ihnen fehlten wahrscheinlich ohnehin die Worte.

          Axel Weidemann
          Redakteur im Feuilleton.

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