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Skandal um World Press Photo : Diese Aufnahme ist gestellt

Das Foto, das Anstoß erregte – nicht wegen des Paares, sondern weil es sich um den Cousin des Fotografen handelt, der mittels eines kabellosen Blitzgerätes angeleuchtet ist. Bild: Giovanni Troilo

Erst hatte der Bürgermeister von Charleroi gefunden, sein Städtchen komme in der mit dem World Press Photo Award ausgezeichneten Serie zu schlecht weg. Dann mehrten sich die Widersprüche. Wie der Fotograf Giovanni Troilo seinen Preis verlor.

          Tagelang wurde debattiert, nun ist es doch passiert: Dem italienischen Fotografen Giovanni Troilo wurde der renommierte World Press Photo Award aberkannt. „La Ville Noir – The Dark Heart of Europe“ – zu deutsch: Das dunkle Herz Europas – heißt die Serie, mit der Troilo den ersten Preis in der Kategorie „Contemporary Issues Story“ gewann.

          Doch nach der Preisvergabe kam heraus, dass nicht alle der zehn Fotos in der belgischen Stadt Charleroi, der „Ville Noir“, entstanden sind. Eines, das den Maler Vadim Vosters zeigt, entstand in einem Vorort von Brüssel, in dem der Maler sein Atelier hat. Ein Nachtfoto eines Paares in intimer Umarmung in einem Auto ist sogar gestellt. Es handelt sich bei einem der Darsteller um Troilos Cousin, und das stimmungsvolle Licht, das durch die Heckscheibe fällt, wurde mit Hilfe eines kabellosen Blitzes erzeugt.

          Vergangene Woche untersuchte World Press Photo den Fall, nachdem die Organisation, die seit 1955 die Pressefotos des Jahres auszeichnet, einen Brief des Bürgermeisters von Charleroi erhielt. Das Stadtoberhaupt beschwert sich darin, dass die belgische Stadt in einem zu negativen Licht gezeigt würde und dass einige der Bilder gestellt seien – neben dem Paar im Auto auch das einer Frau in einer psychiatrischen Anstalt. Ein beleibter Mann, der mit nacktem Oberkörper abgebildet ist und der Bildbeschreibung nach in einem der gefährlichsten Viertel der Stadt leben soll, sei laut Bürgermeister ein in der Stadt wohlbekannter Besitzer einer Weinstube.

          Troilo selbst streitet die Vorwürfe ab. Es handele sich um einen Irrtum, der entstanden sei, weil die Organisation seine mit den Fotos eingereichten Bildbeschreibungen verkürzend zusammengefasst habe. Denn dort stehe auch explizit, dass er seinem Cousin eine Nacht lang gefolgt sei, und er geplant habe, in einem Auto sexuell aktiv zu werden. Troilo wolle nicht zum Sündenbock in einer größeren Debatte werden, sagte er, die um die ethischen Standards des Fotopreises geführt wird.

          „Selbsternannter Status als Nichtjournalist“

          Die Entscheidung fiel einen Tag, nachdem das Fotofestival Visa pour L’Image in Perpignan angekündigt hatte, aus Protest in diesem Jahr keine Fotos zu zeigen, die mit dem World Press Photo Award ausgezeichnet wurden. Der Direktor des Festivals, Jean François Leroy, nahm auf seiner Facebookseite dazu Stellung: „Die Fotojournalisten, die wir repräsentieren wollen,  fordern nicht ihre Cousins auf, im Auto herumzuvögeln“ – er benutzt die eher wenig einfühlsame Vokabel „to fornicate“. „Troilo ist ein Künstler“, so führt Leroy mit einiger Süffisanz weiter aus, „vielleicht sogar einer mit Talent. Des weiteren lässt ihm sein selbsternannter Status als Nichtjournalist viele Möglichkeiten, sich außerhalb von Visa Pour L’Image auszudrücken.“

          Keine gefährliche Gestalt, sondern der wohlbekannte Besitzer einer Weinstube im belgischen Charleroi.

          Die Querelen um den Preis schwelen schon länger. Im Januar hatten Juroren öffentlich gemacht, dass sie zwanzig Prozent der Einsendungen disqualifizieren mussten, weil sie digital bearbeitet waren. Konkret hatten die Fotografen bestimmende Bildelemente hinzugefügt oder wegretuschiert. Teilweise wurde das Schwarz des Hintergrunds so stark hochgepegelt, dass darin Personen oder Objekte verschwanden. Besonders die Kategorie „Sport“ war laut dem geschäftsführenden Direktor der Organisation Lars Boering derart betroffen, dass dort kein dritter Preis verliehen werden konnte. Bemerkt wurden die Manipulationen deshalb, weil die Fotografen seit diesem Jahr erstmals auch Negative oder unbearbeitete RAW-Dateien einsenden müssen, die von einem Expertenteam untersucht werden, sobald das Foto in die nähere Auswahl kommt.

          „Wir haben natürlich unsere Kontrollmechanismen“, sagt Boering, „aber der Wettbewerb funktioniert nicht ohne Vertrauen. Wir haben hier nun einen klaren Fall von irreführenden Angaben, und das ändert, wie diese Serie wahrgenommen wird. Es wurde eine Regel verletzt und eine Grenze überschritten.“

          Der zweitplazierte Gewinner der Kategorie, Giulio di Sturco, rückt nun mit seiner Serie „Chollywood” über die chinesische Filmindustrie auf den ersten Platz nach. Tomas van Houtryve, bisher Drittplazierter, rutscht auf den zweiten Platz für „Blue Sky Days”, einen dritten Platz wird es nicht geben.

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