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Woodstock-Doku im Ersten : Vier Tage im August

  • -Aktualisiert am

Liebe, Frieden, Gitarrensound: Damit lockte Woodstock-Organisator Michael Lang (rechts) 500 000 Hippies in die amerikanische Provinz. Bild: VA Wölfl

Shall we overcome? Anlässlich des 50. Jubiläums erinnert die ARD mit einer durchwachsenen Dokumentation an das Woodstock-Festival.

          3 Min.

          Ein halbes Jahrhundert hatte Rick Dills Zeit, sich zu überlegen, was er Kluges zu seinem Besuch der „Aquarius Exhibition“ mit dem Untertitel „3 Days of Peace & Music“, besser bekannt als das „Woodstock-Festival“, sagen würde. Herausgekommen ist: „Ich erinnere mich, dass ich beim Herumlaufen dachte: Heilige Scheiße, hier gibt es eine Menge Brüste.“ Warum auch sollte die große Selbstbefreiung fünfzig Jahre später, eingeklemmt zwischen dem billigem Sexismus der Werbeindustrie und konservativer Reprüdisierung, andere Sehnsuchtsbilder produzieren als damals? Es stellt sich aber durchaus die Frage, was eine weitere Dokumentation über das bekannteste und vielleicht am besten dokumentierte Musikfestival aller Zeiten überhaupt noch an Neuigkeitswert besitzen kann.

          Schließlich gibt es ja nicht nur den zu Recht berühmten, dreistündigen, bühnenzentrierten Kinofilm von 1970, dem Regisseur Michael Wadleigh 1990 noch die „Lost Performances“ und 1994 den vierzig Minuten längeren „Director’s Cut“ folgen ließ, sondern auch zahllose Dokumentationen. Als Ang Lee 2009 dann noch den faktentechnisch zumindest grob richtigen Spielfilm „Taking Woodstock“ herausbrachte und darin den Blick auf die Finanzierung des Festivals lenkte, schien wirklich alles gesagt. Und doch war zum fünfzigsten Geburtstag ein neuer Film fällig.

          Eine gute Option der Geldvermehrung?

          Barak Goodman, Regisseur dieser deutsch-französisch-amerikanischen Koproduktion (Buch Goodman und Don Kleszy), hat sich erzählerisch für eine Mischung aus Ang Lees Perspektive und dem mythisierenden „Woodstock“-Film entschieden. Es beginnt mit einem Rückblick auf die Unternehmer Joel Rosenman und John P. Roberts, die im Zusammenspiel mit den Musikproduzenten Artie Kornfeld und vor allem Michael Lang – der eigentliche „Woodstock“-Vater wurde hier allerdings nicht eingebunden – ein solches Event für eine gute Option der Geldvermehrung hielten.

          Wir erfahren noch einmal vom mühseligen Bühnenbau, vom hektischen Wechsel des Veranstaltungsorts nach Anwohnerprotesten, vom Regenpech, aber auch von einem Mangel an technischen Absicherungen, Medikamenten, sanitären Anlagen und Essensvorräten. Das ist interessant, weil klar wird, wie leicht Woodstock zum Desaster hätte werden können.

          Mit den Festivalaufnahmen kann Goodman dafür punkten. Dass sie in ihrer betörenden Ästhetik und Nähe so vertraut vorkommen, obwohl man sie zum guten Teil nicht kannte, hat den schlichten Grund, dass Goodman auf das hundert Stunden umfassende, von zwanzig eingebetteten Kameraleuten aufgenommene Material Wadleighs zurückgreifen durfte: hier präsentiert ohne nervigen Split Screen, aber inklusive mancher bekannter Szenen wie der Matschrutsche oder ikonischen Helikopterbildern. Wenn Nostalgie, dann so: noch einmal mit Canned Heat „Up The Country“ gehen, wo das Wasser nach Wein schmeckt.

          Die Erinnerungen der Festivalbesucher, die wir nur in alten Fotos sehen (Goodman wollte pure Immersion ohne faltige Mittsiebziger), haben ihre eigene Banalität: „In Deutschland wird natürlich viel gehupt ... Die Amerikaner, das war für mich ein Erlebnis, dass die viel freundlicher waren.“ Oder: „Die Musik war Ausdruck unserer Ideen.“ Auch die Erklärungen der Woodstockologen bringen wenig Erkenntnis. Dass Richie Havens statt der verspäteten Band Sweetwater das Festival eröffnete, ist so bekannt wie unwichtig. Dass Jimi Hendrix’ Version des „Star-Spangled Banner“ die Verbindung zu Vietnam herstellte, ebenso. Neu ist auch nicht, dass die konservativen Anwohner und jener Farmer, dem das Gelände gehörte, Max Yasgur, bald mit Lebensmitteln aushalfen. Großartig wiederum sind die Aufnahmen von den leergefressenen Essensständen und den irren „Hog Farm“-Kommunarden, die nicht nur als schräge Sicherheitsleute agierten (Freak-out-Zelte, in denen man LSD-Bruchpiloten in die Arme nahm), sondern die einfach kochten, als es nötig wurde.

          Einen blinden Fleck gibt es notwendigerweise auch hier, weil die Aufnahmen von Wadleighs Team nichts darüber sagen können, wie dieser Film den Woodstock-Mythos eigentlich erst erschaffen hat. Was hatte Wadleigh den Kameraleuten mit auf den Weg gegeben? Wie genau funktionierte die spätere Auswahl, an der Martin Scorsese beteiligt war? Ein solcher Meta-Blick hätte eine weitere Note in die Dokumentation bringen können. Würde man aber dafür verzichten wollen auf nur eine einzige authentische Sekunde aus der Mitte der vierhunderttausend Glückskinder, die eine drohende Katastrophe selig wegtanzten? Nein. Goodmans Ansicht, dass die Situation, auf die die Hippies so machtvoll reagierten, der heutigen ähnelt – worin eine Portion Hoffnung auf den nächsten Aufbruch steckt –, hat er sich dezent für Interviewaussagen vorbehalten. Das macht sie aber nicht schwächer. We Shall Overcome.

          Woodstock – Drei Tage, die eine Generation prägten läuft heute, um 22.45 Uhr, im Ersten.

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