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Der Kölner-„Tatort“ : Wo schlaflose Polizisten flippen

  • -Aktualisiert am

Spielen die Entnervten: Dietmar Bär (v.links), Klaus J. Behrendt und Roeland Wiesnekker Bild: WDR

Im Kölner „Tatort - Weiter, immer weiter“ gibt ein Ermittler nicht auf und das ist ziemlich sehenswert. Schade nur, dass durch die Programmplanung und den kurz zuvor gesendetem, im Sujet sehr ähnlichen „Tatort - Damian“ der Aha-Effekt hier abhanden kommt.

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          Man fragt sich ja des Öfteren, was die „Tatort“-Koordinatoren der ARD eigentlich tun. Gescheite Programmplanung hätte beim ersten WDR-„Tatort“ des Jahres jedenfalls verhindern müssen, dass er so kurz nach der beeindruckenden Schwarzwälder „Tatort“-Folge „Damian“ ausgestrahlt wird.

          Nun ist es nicht nur schade um den Stoff, der abermals Arbeitsüberlastung und Berufsfrustration in besonderer Wendung als Handlungsmotiv vorlegt. Schade ist es auch um ganz ähnliche erzählerische Stilmittel, die nun, zweimal hintereinander weggesendet, an Effekt verlieren. Dabei bietet dieser Kölner „Tatort“ mit Freddy Schenk (Dietmar Bär) und Max Ballauf (Klaus J. Behrendt) für krimiästhetisch Interessierte eine Menge. Insbesondere die Bildgestaltung von Anton Moritz (nächtliche Verfolgungsaufnahmen in einer laufenden Autowaschstraße) und der Schnitt von Dora Vajda (feine, ironische Motivanschlüsse) machen „Weiter, immer weiter“ zu einem Hingucker. Sebastian Ko, der schon einige „Tatorte“ des Kölner Teams gedreht hat, führt den Zuschauer lange Zeit Richtung „Kleiner-Mann-gegen-große-Schweinerei“-Populismus, bevor die Geschichte ihren eigentümlichen Dreh bekommt.

          Ein „Bombenpolizist, ein eigenwilliger Charakter“

          Naseweise Spitzen gegen die Landeshauptstadt Düsseldorf – und die unterstellte mangelhafte Zusammenarbeit ihrer Ermittlungsorgane – sorgen für den ein oder anderen leichtherzigen Moment, der im öffentlich-rechtlichen Fernsehen bei düsteren Fällen geboten zu sein scheint. Immerhin stören sie nicht weiter, genau wie der Umzugsstress in der Dienststelle.

          Auch das Buch des mit zahlreichen Fernsehpreisen ausgezeichneten Autorenduos Jan Martin Scharf und Arne Nolting („Club der toten Dichter“ für Vox, „Weinberg“ für TNT Serie) überzeugt als Psychostudie eines überarbeiteten und getriebenen Streifenpolizisten, der mit fatalen Folgen auf eigene Faust weitermacht, als die Kölner Kollegen seinen Mordverdacht nicht ernst nehmen. Roeland Wiesnekker spielt diesen zum Polizei-Außendienstmitarbeiter degradierten Frank Lorenz, gerade aus Düsseldorf zurückversetzt nach Köln, als Thriller-Topos des einsamen Ermittlers, dem niemand Glauben schenkt. Außer vielleicht „Schenki“-Schenk als früherer Kollege. Er attestiert ihm, ein „Bombenpolizist, ein eigenwilliger Charakter“ zu sein. Also jemand mit einer Nase für Machenschaften, der seinen Vorgesetzten auf die Füße tritt und jetzt die Kelle schwingen muss, um Verkehrssünder zu belehren. Schlaflos, enttäuscht, frisch geschieden, besessen Spuren verfolgend, an der nahezu feindseligen Beschwichtigung Ballaufs verzweifelnd. Verständnis bekommt Lorenz nur bei seiner Schwester Mecki (Annette Pohlmann), mit der er zusammenlebt. Seine Müdigkeit fordert, wie bei den Kommissaren und der Hauptfigur in „Damian“ vor zwei Wochen, ihren natürlichen Tribut: die Klarsichtigkeit.

          Scheinbar beginnt der Fall mit einer nächtlichen Verkehrskontrolle. Frank Lorenz kontrolliert in Gegenwart seiner Kollegin Vera Kreykamp (Laina Schwarz) einen hochnervösen Autofahrer, der plötzlich davonsprintet und vor die Straßenbahn rennt. Ein bedauerlicher Unglücksfall eines Drogenkonsumenten. Oder eine Hetzjagd in den Tod, wie Lorenz meint, der einen Geländewagen mit bewaffneten Männern vorbeirasen sieht. Die Spur des Wagens führt zur russischen Import-Export-Firma Nikitin und ihrer Besitzerin Irina Nikitina (Katerina Medvedeva), deren Sohn Nikolaj (Vladimir Burlakov) geheime Geschäfte mit Roman Beresow (Jevgenij Sitochin) macht – einem Luxushotelier, der für die Abteilung Organisierte Kriminalität kein Unbekannter ist. Im Auto des Toten finden sich chemische Drogen, auch sein Bruder Mirko Pohl (Vincent Redetzki) scheint unter dem Einfluss krasser Substanzen zu stehen. Während Schenk und Ballauf den Fall angewiesen von hoher Stelle zu den Akten legen, setzen Lorenz’ Alleingänge eine Kettenreaktion mit weiteren Todesfällen in Gang.

          Wer auf halber Strecke denkt, dass es in „Weiter, immer weiter“ nur um Burnout-Klischees, Russenmafia oder das Drama des leidenschaftlichen Wahrheitssuchers geht, mag zum Schluss überrascht werden. Durchhalten lohnt sich. Das ändert aber nichts daran, dass dieser „Tatort“ allein durch seine Programmierung unter Wert angeboten wird.

          Der Tatort – Weiter, immer weiter läuft am Sonntag um 20.15 Uhr im Ersten.

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