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Deutsche „Wired“ : Wo ist der Wahnsinn?

Vom „Business Punk“ zum „Wired“-Chef: Nikolaus Röttger in den neuen Redaktionsräumen in Berlin Bild: Pein, Andreas

Einundzwanzig Jahre hat es gedauert, bis die Zukunft in Deutschland ankommt: Von Dienstag an gibt es „Wired“ auch auf Deutsch. Hat sich das Warten gelohnt?

          5 Min.

          Die Zukunft, so besagen es unbestätigte Gerüchte, gibt es schon immer, und wer aber sicherheitshalber noch einmal in den Zeitungsarchiven nachschaut, seit wann man sie auch besichtigen kann, zum Beispiel in Form eines gedruckten Magazins, den führt es immer wieder in das Jahr 1993 zurück, zu den ersten Ausgaben der Zeitschrift „Wired“. Im Gegensatz zu all den Heften nämlich, welche die Zukunft für Science-Fiction hielten, war sie für „Wired“ etwas, was dringend mit den Mitteln des Journalismus behandelt werden musste: ein Fakt, an dem man nicht vorbeikam. Dass man all jene Entwicklungen, die die Reporter in den Labors der Forschungszentren und in den Köpfen der Ingenieure fanden, dann lieber auch bejubelte, gehörte zu den Besonderheiten jenes Denkens, das man später unter dem Begriff „kalifornische Ideologie“ zusammenfasste.

          Harald Staun
          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Und wenn nun, nach 21 Jahren (und ein paar vorsichtigen Testausgaben), die Zukunft auch in Deutschland ankommt, dann steckt diese Ideologie längst in den Betriebssystemen unserer digitalen Alltagshelfer, und für all jene, die ein bisschen weiter in die Zukunft schauen wollen, reicht ein Blick in jenes mysteriöse Internet, an das auch 1993 noch nicht alle glauben wollten. Und wer an „Wired“ denkt, kann heute kaum vermeiden, nostalgisch zu werden und sich an Floppy-Disks und knarzende Modems zu erinnern. Das ist die paradoxe Ausgangsposition für das Team um Chefredakteur Nikolaus Röttger, das etwa seit einem halben Jahr an der deutschen Ausgabe von „Wired“ arbeitet: Die Zukunft ist längst im Mainstream angekommen, sogar in Deutschland. Wer sich dagegen heute für die Avantgarde hält, steht nicht unter dem Verdacht, seine Informationen monatlich am Kiosk abzuholen.

          „Why The Future Doesn’t Need Us“: So lautete, im April 2000, der Titel eines jener lauten „Wired“-Artikel. Und natürlich galt dieses Schicksal, das damals der Computerwissenschaftler Bill Joy der gesamten Menschheit androhte, erst recht für die Idee einer von Menschen gemachten Zeitschrift. Dass sich ein Verlag im Jahr 2014 überhaupt noch traut, ein Magazin auf den Markt zu bringen, eine echte Zeitschrift aus dickem Papier, diese Prognose hätten nicht einmal die notorisch großmäuligen Berufsspinner von „Wired“ gewagt.

          Das Debüt-Cover kitzelt das Ego, aber ohne Genitiv
          Das Debüt-Cover kitzelt das Ego, aber ohne Genitiv : Bild: Pein, Andreas

          Natürlich ist dieser Wandel niemandem so bewusst wie den Digitalexperten von „Wired“. Er ist für die Philosophie des Magazins nicht unproblematisch, weil man schon sehr viel Mut zum Anachronismus brauchte, um den Geeks von heute mit einem publizistischen Modell zu kommen, das viele von ihnen für eines von gestern halten. Es ist aber am Ende auch der Grund dafür, warum es „Wired“ überhaupt noch auf den deutschen Markt schafft: Schon als der Condé-Nast-Verlag 1998 „Wired“ übernahm, war das für die Leser der ersten Stunde der Anfang vom Ende der Avanciertheit. Die Auflage der amerikanischen Ausgabe aber stieg stetig und tut es sensationellerweise bis heute, allein in den vergangenen fünf Jahren um 29 Prozent.

          So überrascht es nicht, dass sich auch die deutsche Ausgabe nicht (wie es noch die Titelgeschichte des ersten Probehefts vor drei Jahren getan hatte) an die Geeks richtet, sondern ganz explizit an ein breites Publikum: „Der digitale Wandel und die daraus resultierenden Innovationen betreffen längst alle Lebensbereiche“, sagt Chefredakteur Nikolaus Röttger. „Wir verstehen ,Wired‘ darum als ein General-Interest-Medium.“ Trotzdem, sagt er, bleibe der „Markenkern“ von „Wired“ erhalten: „Es geht immer um Innovationen. Es ist aber heute egal, ob man die in der Technologie oder in der Wissenschaft findet.“

          Zehnmal im Jahr soll das Heft erscheinen, aber natürlich ist das gedruckte Heft nur ein Teil eines umfassenden Markenkonzepts. Dazu gehört nicht nur eine Website, auf der sämtliche Texte aus dem Heft zu finden sind, sondern auch der Plan, die redaktionelle Kompetenz in Form von Events und Workshops zu verkaufen. Gemeinsam mit dem schwedischen Schulungsinstitut Hyper Island will das „Wired“-Team sogenannte Master Classes zu Digitalthemen anbieten.

          Interdisziplinär gedacht

          Wenn Röttger vor dem Start über das frisch ausgelieferte Heft spricht, in den hellen und frisch bezogenen Redaktionsräumen im Gebäude einer alten Gießerei in Berlin-Mitte, dann erzählt er zunächst eine Menge von solchen Dingen: von den Säulen des Erlösmodells, vom „nutzerzentrierten“ Ansatz und der „Verzahnung“ der Redaktion, von Inhaltekonzepten statt von Inhalten. Dass er acht Jahre lang für Wirtschaftstitel von Gruner + Jahr gearbeitet hat, wo er auch das erfolgreiche Magazin „Business Punk“ entwickelte und zuletzt das Start-up-Magazin „Gründerszene“ leitete, merkt man seinem Jargon durchaus an, auch wenn immer wieder eine angenehme Distanz zu den Schlagworten zeitgenössischer Verlagsmanager durchscheint (allein, dass er nicht einmal den Begriff „Content“ benutzt, spricht sehr für ihn). Vor allem aber lässt sich auch im neuen Heft erkennen, dass er es durchaus ernst meint, wenn er erklärt, dass ihn an „Wired“ vor allem die „interdisziplinäre Denke des Heftes“ interessiere.

          In der ersten Ausgabe sieht die Themenmischung zum Beispiel so aus: ein Dossier von Redaktionsleiter Joachim Hentschel über „Die Zukunft des Ich“, an dem man höchstens den falschen Genitiv bemängeln kann; ein Porträt des „Researchgate“-Gründers Ijad Madisch, der in Berlin eine Art Facebook für Wissenschaftler gegründet hat; ein Hausbesuch beim Kreuzberger „Applied Future Studio“, einem Künstler-Kollektiv, das malende Roboter und digitale Wortschleudern bastelte; eine Reportage über einen Acker in Sachsen, unter dem das größte bekannte Vorkommen Seltener Erden in Europa gefunden wurde; und ein Interview mit Google-Chef Eric Schmidt über die Macht der Innovation. Dazu gibt es Kolumnisten wie Kathrin Passig und Thomas Glavinic und ein paar nette Rubriken: Die Twitter-Liste „Wem wir folgen“ hilft, die eigene Timeline interessanter zu machen, in der Rubrik „Ms. Know it all“ findet Editor-at-Large Anja Rützel einen schönen Ton, um Menschen, die schon alles wissen, die entscheidenden Fragen der Zeit zu beantworten („Darf ich mein Baby crowdfunden?“, „Ist die Welt wirklich komplizierter geworden, oder reden wir uns das ein?“).

          Warum auch nicht?

          Die Frage, ob man auch im Jahr 2014 noch ein Magazin braucht, um sich über all diese Themen zu informieren, muss man sicher mit nein beantworten. Sie ist aber gar nicht die entscheidende: Es geht so einem Heft ja immer darum, wie man sie anschaulich machen kann. „Jeder kriegt solche Themen heute über Facebook oder Twitter mit. Was nicht jeder kann, ist, mit diesen Leuten ein vierstündiges Interview zu führen oder sie ein halbes Jahr lang zu begleiten“, sagt Röttger. Bei „Wired“ kriegen die Themen ein Gesicht; und es schadet nicht grundsätzlich, dass es sich dabei oft um das der Menschen dahinter handelt (und manchmal das eines Roboters), um eine Personalisierung komplexer Zusammenhänge.

          Mit welcher Haltung „Wired“ dabei zu seinen Themen steht, zur technischen und sozialen Entwicklung, durch welche Brille das Heft in die Zukunft schaut, das wird man erst nach ein paar Ausgaben sagen können. Die selbstverordnete Zielgruppe nennt man „Generation Y Not“, weil sie nicht „Warum?“ sondern „Warum nicht?“ fragt. Und trotzdem gehe es auch darum, sagt Röttger, das Neue zu hinterfragen, nur eben „ohne ,German Angst‘“. In Ansätzen kann man diese Dialektik erkennen, auch wenn alles manchmal ein wenig harmlos wirkt.

          Mahnende Bedenken, tolle Utopien

          Gerade weil, im Unterschied zu den 1990er Jahren, die Debatten über Technologie und ihre Folgen längst in den Feuilletons stattfinden, wird es darauf ankommen, einen eigenen Ton zu etablieren: eine Stimme zu entwickeln, die nicht nach den mahnenden Bedenken verunsicherter Kulturpessimisten klingt, sondern nach einer Kritik am Neuen, die selbst genauso futuristisch ist, genauso wahnsinnig, wie die neuesten Ideen aus den Robotikwerkstätten und Softwarelaboren. Das jedenfalls war eine Stärke von „Wired“, welche auch Leser faszinierte, die sich gar nicht als Teil der utopistischen Gemeinde begriffen.

          Im Zweifelsfall begreifen auch die Pessimisten erst durch die affirmativen Beschreibungen technischer Visionen, was überhaupt auf dem Spiel steht - und dass die Beschwörung vergangener Verhältnisse die schlechteste Waffe dagegen ist. Das wäre auch die Form von Optimismus, die man dem Heft wünschen und der Mannschaft zutrauen würde: eine die zeigt, dass ein Nachdenken über die Zukunft nicht altmodischer sein muss als die Gadgets von übermorgen.

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