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Deutsche „Wired“ : Wo ist der Wahnsinn?

Interdisziplinär gedacht

Wenn Röttger vor dem Start über das frisch ausgelieferte Heft spricht, in den hellen und frisch bezogenen Redaktionsräumen im Gebäude einer alten Gießerei in Berlin-Mitte, dann erzählt er zunächst eine Menge von solchen Dingen: von den Säulen des Erlösmodells, vom „nutzerzentrierten“ Ansatz und der „Verzahnung“ der Redaktion, von Inhaltekonzepten statt von Inhalten. Dass er acht Jahre lang für Wirtschaftstitel von Gruner + Jahr gearbeitet hat, wo er auch das erfolgreiche Magazin „Business Punk“ entwickelte und zuletzt das Start-up-Magazin „Gründerszene“ leitete, merkt man seinem Jargon durchaus an, auch wenn immer wieder eine angenehme Distanz zu den Schlagworten zeitgenössischer Verlagsmanager durchscheint (allein, dass er nicht einmal den Begriff „Content“ benutzt, spricht sehr für ihn). Vor allem aber lässt sich auch im neuen Heft erkennen, dass er es durchaus ernst meint, wenn er erklärt, dass ihn an „Wired“ vor allem die „interdisziplinäre Denke des Heftes“ interessiere.

In der ersten Ausgabe sieht die Themenmischung zum Beispiel so aus: ein Dossier von Redaktionsleiter Joachim Hentschel über „Die Zukunft des Ich“, an dem man höchstens den falschen Genitiv bemängeln kann; ein Porträt des „Researchgate“-Gründers Ijad Madisch, der in Berlin eine Art Facebook für Wissenschaftler gegründet hat; ein Hausbesuch beim Kreuzberger „Applied Future Studio“, einem Künstler-Kollektiv, das malende Roboter und digitale Wortschleudern bastelte; eine Reportage über einen Acker in Sachsen, unter dem das größte bekannte Vorkommen Seltener Erden in Europa gefunden wurde; und ein Interview mit Google-Chef Eric Schmidt über die Macht der Innovation. Dazu gibt es Kolumnisten wie Kathrin Passig und Thomas Glavinic und ein paar nette Rubriken: Die Twitter-Liste „Wem wir folgen“ hilft, die eigene Timeline interessanter zu machen, in der Rubrik „Ms. Know it all“ findet Editor-at-Large Anja Rützel einen schönen Ton, um Menschen, die schon alles wissen, die entscheidenden Fragen der Zeit zu beantworten („Darf ich mein Baby crowdfunden?“, „Ist die Welt wirklich komplizierter geworden, oder reden wir uns das ein?“).

Warum auch nicht?

Die Frage, ob man auch im Jahr 2014 noch ein Magazin braucht, um sich über all diese Themen zu informieren, muss man sicher mit nein beantworten. Sie ist aber gar nicht die entscheidende: Es geht so einem Heft ja immer darum, wie man sie anschaulich machen kann. „Jeder kriegt solche Themen heute über Facebook oder Twitter mit. Was nicht jeder kann, ist, mit diesen Leuten ein vierstündiges Interview zu führen oder sie ein halbes Jahr lang zu begleiten“, sagt Röttger. Bei „Wired“ kriegen die Themen ein Gesicht; und es schadet nicht grundsätzlich, dass es sich dabei oft um das der Menschen dahinter handelt (und manchmal das eines Roboters), um eine Personalisierung komplexer Zusammenhänge.

Mit welcher Haltung „Wired“ dabei zu seinen Themen steht, zur technischen und sozialen Entwicklung, durch welche Brille das Heft in die Zukunft schaut, das wird man erst nach ein paar Ausgaben sagen können. Die selbstverordnete Zielgruppe nennt man „Generation Y Not“, weil sie nicht „Warum?“ sondern „Warum nicht?“ fragt. Und trotzdem gehe es auch darum, sagt Röttger, das Neue zu hinterfragen, nur eben „ohne ,German Angst‘“. In Ansätzen kann man diese Dialektik erkennen, auch wenn alles manchmal ein wenig harmlos wirkt.

Mahnende Bedenken, tolle Utopien

Gerade weil, im Unterschied zu den 1990er Jahren, die Debatten über Technologie und ihre Folgen längst in den Feuilletons stattfinden, wird es darauf ankommen, einen eigenen Ton zu etablieren: eine Stimme zu entwickeln, die nicht nach den mahnenden Bedenken verunsicherter Kulturpessimisten klingt, sondern nach einer Kritik am Neuen, die selbst genauso futuristisch ist, genauso wahnsinnig, wie die neuesten Ideen aus den Robotikwerkstätten und Softwarelaboren. Das jedenfalls war eine Stärke von „Wired“, welche auch Leser faszinierte, die sich gar nicht als Teil der utopistischen Gemeinde begriffen.

Im Zweifelsfall begreifen auch die Pessimisten erst durch die affirmativen Beschreibungen technischer Visionen, was überhaupt auf dem Spiel steht - und dass die Beschwörung vergangener Verhältnisse die schlechteste Waffe dagegen ist. Das wäre auch die Form von Optimismus, die man dem Heft wünschen und der Mannschaft zutrauen würde: eine die zeigt, dass ein Nachdenken über die Zukunft nicht altmodischer sein muss als die Gadgets von übermorgen.

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