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So könnte es gehen : Wo bleibt das Museum für die Zeitung?

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Meersburg war als „Probelauf“ gedacht. Eine dauerhafte Lösung konnte dies aus Gründen der Lokalität und der Finanzierungsprobleme nicht sein. Immerhin bestand das Museum zwölf Jahre, in jedem kamen rund 30.000 Besucher. Aus kommerziellen Gründen reiste Welke zudem mit Wanderausstellungen durchs Land. Die deutsche Wiedervereinigung schien die Chance zu bieten, das Projekt nach Leipzig zu verlegen, wo 1650 die erste deutsche Tageszeitung erschienen war. Doch auch dort kam es nicht zustande, weil sich die deutschen Zeitungsverleger nicht an einer geplanten Stiftung mit dem Freistaat Sachsen beteiligen wollten. 1997 schien sich abermals eine neue Chance zu bieten, jetzt im Saarland. Welke verkaufte seine Sammlung an die „Saarbrücker Zeitung“, mit der ihm gegebenen Zusicherung, daraus selbst eine Dauerausstellung aufbauen zu können. Wieder wurde daraus nichts, aus politischen und persönlichen Gründen. Zwar entstand mit Hilfe seiner Sammlung ein Zeitungsmuseum, kleiner als in Meersburg, in einem ehemaligen Klostergebäude in Wadgassen in der saarländischen Provinz, zudem ohne Welke und seine Expertise.

2005 kuratierte Martin Welke im Mainzer Gutenberg-Museum eine Ausstellung zum Thema 400 Jahre Zeitung. 90.000 Besucher kamen. Wieder waren damit weiter reichende Hoffnungen verknüpft, auf Dauer eine Abteilung Pressegeschichte im „Weltmuseum der Druckkunst“ einzurichten. Dafür wollte Welke seine zweite, zunächst für Wien bestimmte Materialsammlung zur Verfügung stellen. Der notwendige Platz hätte durch einen Erweiterungsbau geschaffen werden müssen. Abermals zerschlugen sich die Pläne und zwangen Welke, nach einem anderen Standort Ausschau zu halten. Verlockend waren inzwischen entstandene Kontakte nach Augsburg, nicht nur zu der dortigen Museumsszene, sondern auch zu dem Augsburger Druckmaschinenhersteller MAN Roland und der größten europäischen Rollenpapierfabrik Haindl. Beide Firmen versprachen Unterstützung.

Auch nicht Augsburg – obwohl so viel für die Stadt sprach

Trotz dieser aussichtsreichen Umstände harrt auch das Augsburger Projekt der Realisierung. Dabei spricht einiges für Augsburg als Standort eines Zeitungsmuseums. Die Stadt war seit dem 16. Jahrhundert ein wichtiger Knotenpunkt der Thurn und Taxisschen Reichspost, die auch die Nachrichtenbriefe transportierte, nicht zuletzt diejenigen des Handelshauses Fugger (so genannte „Fugger-Zeitungen“). Infolgedessen waren dort schon früh Zeitungsschreiber ansässig, die handschriftliche Zeitungen verfertigten und verbreiteten. Der „Aviso“ von 1609, zusammen mit der „Relation“ die älteste, erhaltene gedruckte Wochenzeitung, ist sogar ein Nachdruck einer handschriftlichen Augsburger Zeitung. Seit den 1670er Jahren hatte Augsburg auch eigene gedruckte Zeitungen. Zu den führenden Zeitungen der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts gehörte Johann Friedrich Cottas Augsburger „Allgemeine Zeitung“, an der Ludwig Börne, Friedrich Engels und Heinrich Heine mitarbeiteten.

Gehören ebenfalls zur Geschichte der deutschen Presse: Karl Marx und Friedrich Engels, hier dargestellt von August Diehl (r.) und Stefan Konarske (l.).

Die Gestalt des geplanten Zeitungsmuseums ist durch die früheren Projektstadien vorgezeichnet. Der darzustellende Komplex lässt sich in sechs Kapitel gliedern: Die Geschichte des Nachrichtenwesens („Vom Postreiter zur Telekommunikation“); Journalismus im Wandel der Zeit („Von der Einmann-Redaktion bis zum Bildschirmarbeitsplatz“); Satz und Druck der Zeitung („Von der hölzernen Handpresse zur Offset-Rotation“); Zensur und Pressefreiheit ( „Das Herzstück der deutschen Demokratiegeschichte“); Vertriebsformen der Tagespresse („Von der Post-Zeitungs-Expedition zur verlagseigenen Zustellung“); Sozialgeschichte des Zeitungslesens („Lesestoff für jedermann und ältestes Instrument der Erwachsenenbildung“). Zu all diesen Kapiteln enthält Welkes Sammlung, die er in eine Gemeinnützige Kulturstiftung bürgerlichen Rechts eingebracht hat, eine Vielzahl illustrativer Exponate.

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