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So könnte es gehen : Wo bleibt das Museum für die Zeitung?

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Wissenschaft missachtet Zeitung als Quelle historischer Forschung

Auf Seiten der Wissenschaft hat die historische Forschung die Zeitung als Quelle lange übersehen, ja unterschätzt und missachtet. Der Historiker Johann Gustav Droysen rechnete sie im 19. Jahrhundert zu den „Überresten“, also jenen Dokumenten, die (im Unterschied zu Traditionsquellen) ohne Überlieferungsabsicht entstehen. Andere hielten die Zeitung im Gefolge Leopold von Rankes für unzuverlässig, einseitig und parteiisch, was der Historiker gerade zu überwinden hat. Dass die Zeitung bloß dem Tage dient, macht sie rasch vergänglich und für den Historiker geradezu wertlos; eine Einschätzung, die in Heinrich von Treitschkes berühmtem Wort gipfelte, das schlechte Papier, auf welches die Zeitungen gedruckt würden, zerfalle zu Staub, bevor ihr Inhalt in den Arbeitsbereich des Historikers trete.

Diese Geringschätzung galt nicht nur der Presse als historischer Quelle, sondern wurde auf die Zeitung auch als soziale Institution übertragen. Anerkennende Worte für die Zeitung gab es im intellektuellen Milieu nur gelegentlich. Der Philosoph Arthur Schopenhauer nobilitierte die Zeitungen zwar als „Sekundenzeiger der Geschichte“, fügte aber sogleich hinzu: „Derselbe ist aber meistens nicht nur von unedlerem Metalle als die beiden andern, sondern geht auch selten richtig.“

Es bedeutete eine Kehrtwende, als der Historiker Martin Spahn 1908 auf dem Internationalen Historikerkongress in Berlin einen Vortrag hielt über „Die Presse als Quelle der neuesten Geschichte und ihre gegenwärtigen Benutzungsmöglichkeiten“. Er sah ihren Wert für die historische Forschung vor allem in ihrer Vielstimmigkeit. Doch bedingten ihre Massenhaftigkeit wie auch die unzureichende Archivierung erhebliche und noch nicht gelöste Probleme.

Zeitungsarchiv statt Zeitungsmuseum

In diesem Zusammenhang äußerte Spahn den Gedanken eines „Reichszeitungsmuseums“. Dieser Begriff ist – von heute aus gesehen – etwas irreführend. Denn was er sich darunter vorstellte, war nicht ein Museum, in dem die Geschichte der Presse illustriert würde, sondern eine zentrale Stelle zur Sammlung und Archivierung von Zeitungsexemplaren. Angesichts der Größe dieser Aufgabe schien ihm nur eine staatliche Anstalt Aussicht auf Erfolg zu haben. Letztlich, so meinte er, sollte ein solches Museum „der deutschen Presse zum Ehrendenkmal, dem deutschen Journalistenstand zur Erhöhung seines Ansehens“ gereichen.

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Mit seinem Vortrag löste Spahn eine rege Diskussion aus. Allerdings war seine Idee nicht ganz neu. Schon auf dem Historikerkongress war Spahn auf das bereits bestehende Aachener Zeitungsmuseum hingewiesen worden. Dieses ist der Leidenschaft eines einzelnen Zeitungsliebhabers zu verdanken. Oskar von Forckenbeck (1822 bis 1898) hatte seit den 1850er Jahren mit dem Sammeln von Zeitungen begonnen und dieses seit den siebziger Jahren systematisch betrieben. Durch Rundschreiben und Kontakte in alle Welt trug er vor allem Erst- und Letztausgaben sowie Jubiläumsnummern zusammen. Als er starb, umfasste die Sammlung 40.000 Exemplare. Schwierigkeiten bereitete die Präsentation des Materials. 1886 wurden im Aachener Suermondt-Museum erstmals Teile davon öffentlich gezeigt. Seit 1890 gab es einen Lesesaal, in dem man sich Ausgaben vorlegen lassen konnte. Nach dem Zweiten Weltkrieg zog man um ins sogenannte Große Haus, nur wenige Schritte vom Dom. Inzwischen ist die Sammlung des Internationalen Zeitungsmuseums, wie es inzwischen heißt, auf 200.000 Ausgaben gewachsen, die auch online genutzt werden können. Doch erfüllt die Einrichtung, so großartig ihr dokumentarischer Wert ist, die Idee eines Zeitungsmusems, das die Geschichte dieses Mediums exemplifiziert, nicht. Es handelt sich eher um eine Zeitungsbibliothek, die ihren Ehrgeiz zudem auf Funk- und neue Medien ausgedehnt hat.

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